Konjunktur

17. März 2011 14:02; Akt: 17.03.2011 14:46 Print

Japan wird die Wirtschaft in der Schweiz belasten

von Balz Bruppacher - Noch werden die Wachstumsprognosen in der Schweiz nach oben revidiert. Die Katastrophe in Japan könnte diesen Trend aber brechen.

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Sowohl die Ökonomen des Bundes wie auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) haben ihre Voraussage für das Wachstum der Schweizer Wirtschaft am Donnerstag um einen halben Prozentpunkt nach oben korrigiert. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) rechnet jetzt mit einer Zunahme des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,1 Prozent, die Nationalbank mit «rund zwei Prozent».

Neben einer starken Binnennachfrage erhielt die Schweizer Wirtschaft bisher auch Rückenwind von der internationalen Konjunktur. Zudem halten sich die Bremseffekte des teuren Frankens vorerst noch in Grenzen. Die Entwicklung von Weltwirtschaft und Wechselkurs ist aber mit Unsicherheiten verbunden, die im Urteil der Bundesökonomen weiter gestiegen sind.

Inflationsprognose verdoppelt

Die Abwärtsrisiken dominieren auch im Urteil der Nationalbank. Sie beliess deshalb den Leitzins bei ihrer vierteljährlichen Lagebeurteilung erwartungsgemäss auf dem rekordtiefen Niveau von 0,25 Prozent. Die offenen Geldschleusen stellen im Urteil der SNB die Preisstabilität in der kurzen Frist nicht in Frage. Die Inflationsprognose wurde allerdings für das laufende Jahr von 0,4 auf 0,8 Prozent erhöht. Ein Überschreiten der Stabilitätsgrenze von zwei Prozent Teuerung wäre im dritten Quartal 2013 zu erwarten, falls die gegenwärtige Zinspolitik beibehalten werden sollte.

Auffallend ist, dass sich die Nationalbank in der Mitteilung zurückhaltender als früher gibt, was mögliche Aktionen gegen einen überschiessenden Wechselkurs oder gegen eine Deflationsgefahr betrifft. Volle Aufmerksamkeit wollen die Währungshüter weiterhin der Entwicklung auf dem Hypotheken- und dem Immobilienmarkt widmen.

Zuerst die EZB und dann die SNB

Führende Ökonomen gehen davon aus, dass die Entwicklung des Wechselkurses den Zeitpunkt wesentlich beeinflussen wird, in dem die Nationalbank die Zinsen erhöht. Das heisst umgekehrt, dass sich die SNB kaum bewegen wird, bevor die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins erhöht. Denn ein isolierter Schritt würde den Aufwertungsdruck auf den Franken weiter erhöhen. «Falls die EZB im April den Leitzins erhöht, gehe ich davon aus, dass
die SNB mitzieht. Möglicherweise gleichzeitig, sicher aber bei der nächsten Lagebeurteilung im Juni», sagte der Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, Rudolf Minsch, auf Anfrage.

Trügerisches Wachstum

Kritischer beurteilt der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, Daniel Lampart, die Lage. Die Wachstumsraten seien trügerisch, weil sie vor allem durch die Zunahme der Bevölkerung zustandekämen. Die Frankenstärke sei nach wie vor eine grosse Gefahr. Die lockere Geldpolitik genüge deshalb nicht. Vielmehr müsste eine Untergrenze für den Euro festgelegt werden, forderte Lampart.

Japan als zusätzliches Risiko

Einig sind sich die Experten, dass die grösste Unsicherheit die Entwicklung in Japan betrifft. «Die Ereignisse in Japan werden sicher nicht spurlos an uns vorbeigehen», sagte Minsch. Vorläufig sei es allerdings sehr schwierig, die Folgen genauer abzuschätzen. Economiesuisse mache zurzeit Abklärungen über die möglichen Ausfälle in der Zulieferkette. «Ganz entscheidend wird aber sein, wie sich die Situation bei der nuklearen Katastrophe entwickelt», sagte der Chefökonom.

Massive Krise in Japan nicht auszuschliessen

Lampart und die Ökonomen des Bundes machten auf die Erfahrung nach Naturkatastrophen aufmerksam, wonach der Wiederaufbau zerstörungsbedingte Produktionsausfälle kompensieren kann. «Diese Einschätzung könnte sich jedoch im Falle einer atomaren Katastrophe wesentlich verändern», erklärte das SECO. Eine weitere Eskalation könnte eine massive und länger dauernde Wirtschaftskrise in Japan auslösen. Dies hätte spürbar negative Folgen auf die Weltkonjunktur, und auch die Finanzmärkte könnten von den Unsicherheiten erfasst werden.

Dollar weniger als 90 Rappen wert

Einen Vorgeschmack, was dies für den Franken bedeutet, liefert die jüngste Entwicklung am Devisenmarkt. Weil die Schweizer Währung als sicherer Hafen gilt, setzte in den letzten Tagen erneut eine Flucht in den Franken ein. In der Nacht zum Donnerstag war der Dollar erstmals weniger als 90 Rappen wert. Und der Euro fiel auf 1,25 Franken zurück – nahe beim historischen Tief von Ende letzten Jahres.