Lehre als Hölle

12. August 2019 04:44; Akt: 12.08.2019 07:42 Print

Jeder dritte Lehrling wurde sexuell belästigt

von Dominic Benz - Viele Lehrlinge wurden in ihrem Betrieb verbal belästigt, begrapscht oder genötigt. Das zeigt eine neue Studie der Unia.

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Viele Lehrlinge werden sexuell belästigt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft Unia. Das Resultat: Jeder dritte Lehrling wurde während der Ausbildungszeit schon einmal sexuell belästigt. «Die Ergebnisse sind schockierend», sagt Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener zu 20 Minuten. Im Schnitt waren die über 800 Befragten 19 Jahre alt. Von den befragten Frauen gaben 36 Prozent an, in der Lehre sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Bei den Männern ist jeder Vierte betroffen. Am meisten verbreitet sind verbale Belästigungen. Aber auch unerwünschter Körperkontakt, sexuelle Übergriffe, Nötigung oder Vergewaltigung kommen vor. Das Thema ist ein gesellschaftliches Problem: Die Lehrlinge geben an, auch in der Schule und vor allem im Privatleben schon mal sexuell belästigt worden zu sein. Grundsätzlich käme sexuelle Belästigung in allen Branchen vor. Tendenziell seien jene mehr betroffen, in denen vorwiegend Frauen tätig seien, so die Unia-Jugendsekretärin. Um sexuelle Belästigung vorzubeugen, stellt die Unia entsprechendes Infomaterial zur Verfügung und macht regelmässig auf das Thema aufmerksam. Die Arbeitgeber kennen die Problematik. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) betont aber, dass er keine Anzeichen dafür habe, dass sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren zugenommen habe. «Trotzdem empfiehlt er den Unternehmensleitern, präventiv gegen ein solches Verhalten vorzugehen», sagt SAV-Direktor Roland Müller auf Anfrage.

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Von anzüglichen Sprüchen über Stalking bis hin zu Grapschereien - jeder Dritte Lehrling wurde am Arbeitsplatz schon einmal sexuell belästigt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Unia. «Die Ergebnisse sind schockierend», sagt Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener zu 20 Minuten. Sie zeigten, dass sexuelle Belästigung ein weit verbreitetes Problem sei und nicht tabuisiert werden dürfe.

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Besorgniserregend sei vor allem, dass sich die Betroffenen ganz frisch in der Arbeitswelt befänden und viele minderjährig seien, so Ziltener. Im Schnitt waren die über 800 Befragten der nicht repräsentativen Umfrage 19 Jahre alt. Von den befragten Frauen gaben 36 Prozent an, in der Lehre sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Bei den Männern ist jeder Vierte betroffen.

Verbale Belästigung verbreitet

Am meisten verbreitet sind verbale Belästigungen. So erlebten 200 der befragten Lehrlinge sexuelle Anspielung oder abwertende Bemerkungen. Diese treten häufig in Kombination mit anderen Formen der Belästigung auf. Lediglich 16 Prozent der Betroffenen wurden ausschliesslich verbal belästigt. 95 Lehrlinge gaben an, Opfer von unerwünschten Körperkontakten geworden zu sein. 9 Lehrlinge erlebten in der Lehre sexuelle Übergriffe, Nötigung oder Vergewaltigung (siehe Tabelle in Bildergalerie).

Der Unia sind einige Fälle bekannt, bei denen die sexuelle Belästigung vom Ausbildner ausgegangen ist. «Lernende stehen oft zuunterst in der Hierarchie eines Betriebs. Und Belästigung ist nichts anderes als ein krasser Machtmissbrauch», sagt Ziltener. Bekannt seien aber auch Fälle, bei denen Patienten Lehrlinge in der Pflege belästigt hätten.

Pflege und Gastro oft betroffen

Grundsätzlich käme sexuelle Belästigung in allen Branchen vor. Tendenziell seien jene mehr betroffen, in denen vorwiegend Frauen tätig seien, so die Unia-Jugendsekretärin. Das sei vor allem in der Pflege, im Gastgewerbe oder auch im Detailhandel der Fall. «Besonders gefährdet sind Branchen mit intensiven Kundenkontakt.»

Um sexuelle Belästigung vorzubeugen, stellt die Unia entsprechendes Infomaterial zur Verfügung und macht regelmässig auf das Thema aufmerksam. Wichtig ist laut Ziltener, dass im Betrieb über das Thema informiert werde. Auch Berufsschulen müssten Aufklärungsarbeit leisten. Momentan werde das vereinzelt gemacht, jedoch sei es selten institutionalisiert. «Das sollte zum Schulstoff gehören», so Ziltener.

Klare Regeln aufstellen

Die Arbeitgeber kennen die Problematik. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) betont aber, dass es keine Anzeichen dafür gebe, dass es in den letzten Jahren zu mehr sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz gekommen sei. «Trotzdem empfehlen wir den Unternehmensleitern, präventiv gegen ein solches Verhalten vorzugehen», sagt SAV-Direktor Roland Müller auf Anfrage.

Wichtig sei die Vereinbarung von klaren Regel, mit denen Verfehlungen erkannt und sanktioniert werden können. «Wenn sich ein Verdacht auf sexuelle Belästigung bestätigt, ist ein unmissverständliches und rasches Eingreifen wichtig», sagt Müller. Ein solches Handeln habe Signalwirkung gegenüber der ganzen Belegschaft und helfe den Opfern, besser mit ihrer Situation klarzukommen.

Gesellschaftliches Problem

Wie die Unia-Umfrage zeigt, steigt die Zahl der betroffenen Lehrlinge, wenn man den Blick über den Arbeitsplatz hinaus auf Schule und Privatleben ausweitet. So gaben 80 Prozent der befragten Frauen an, in diesen Bereichen schon eine Art von sexueller Belästigung erlebt haben. Bei den Männern waren es knapp die Hälfte.

Lesen Sie hier später die Erfahrungsberichte von betroffenen Lehrlingen.