Bonitätsnote vom User

12. Dezember 2011 11:00; Akt: 12.12.2011 13:17 Print

Jeder ist besser als Standard & Poor’s

von Sabina Sturzenegger - Die Ratingagenturen sind unglaubwürdig geworden. Jetzt haben zwei Schweizer eine Alternative entwickelt: Wikirating – ein Bewertungstool, bei dem jeder Nutzer mitmachen kann.

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So siehts aus, wenn der User die Kreditfähigkeit bewertet: Bonitäts-Weltkarte bei Wikirating. (Bild: wikirating.com)

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Ein Amerikaner hat Wikipedia erfunden, ein Australier Wikileaks. Jetzt kommt eine Schweizer Erfindung, die – wen wunderts – mit Geld zu tun hat und auf den Ideen von Wikipedia und Wikileaks aufbaut. Sie heisst Wikirating und ist eine offene Plattform für Kredit-Bewertungen. Nach dem Vorbild der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, bei der jeder Nutzer sein Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, sollen auf Wikirating Länder, Banken, Unternehmen und zu einem späteren Zeitpunkt auch strukturierte Finanzprodukte auf ihre Kreditwürdigkeit bewertet werden.

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Dahinter steckt die Annahme, dass es die Masse der Internetnutzer besser kann als die drei herkömmlichen Rating-Agenturen auf dem Markt, die US-Unternehmen Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s sowie die britische Fitch. «Schon lange ist klar, dass es keine Macht der Welt gibt, welche die Ratingagenturen kontrollieren und einschränken kann. Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Macht der Community», sagt Dorian Credé, Mitbegründer von Wikirating. Der 37-jährige Mathematiker aus Zürich hat vor eineinhalb Jahren zusammen mit seinem Kollegen, dem IT-Spezialisten Erwan Salembier, die Plattform ins Leben gerufen. Über 1000 Stunden habe er in seiner Freizeit bereits in das Projekt investiert, sagt Credé.

User können mit-«raten»

Jetzt möchte er, dass seine Idee auch Erfolg hat und an Glaubwürdigkeit gewinnt. Dazu braucht er Internet-User, die ihre Ratings abgeben. Die Bewertung erfolgt zurzeit über zwei Methoden, wie der gebürtige Österreicher Credé erklärt: Über eine Abstimmung sowie über eine mathematische Berechnung. Bei der Abstimmungsmethode kann der User beispielsweise für ein Land eine Bonitätsnote nach dem Vorbild der Ratingagenturen abgeben. Also beispielsweise AAA für die Schweiz.

Bei der mathematischen Methode werden anerkannte Wirtschaftsindikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Inflationsrate, die Verschuldungs- oder die Arbeitslosenquote eines Landes herbeigezogen, um eine Bewertung zu erhalten. Für die Unternehmensratings steht vorerst nur die Polling-Funktion, also die subjektive Abstimmungsfunktion, zur Verfügung. Weitere Bewertungsmethoden sind in Bearbeitung und sollen von der Community entwickelt werden.

Hoffen auf die User

Dass die Plattform noch nicht ganz ausgereift ist und die Bewertungen anfällig sind auf Missbrauch, weiss der IT-Spezialist: «Das Instrument muss noch bekannter werden, damit die Ratings an Glaubwürdigkeit gewinnen. Und die Methoden für die Unternehmensbewertungen werden noch verfeinert», versichert Credé.

Salembier und er hoffen, dass die Plattform in «zwei bis drei Jahren» so viele Nutzer hat, dass sie mit ihren Expertenwissen zu einer glaubwürdigen Aussage bei Kreditratings beitragen kann. «Die Ratingagenturen haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt und sie agieren mit Willkür. Da kann ein Gegengewicht wie Wikirating an Glaubwürdigkeit nur gewinnen», sind sie überzeugt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 12.12.2011 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    noch unglaubwürdiger!!!

    Solange die Rating-Agenturen jedem Land das AAA geben, sind alle glücklich und keiner beklagt sich. Wenn die Finanzen eines Staates in Schieflage geraten und dies durch eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit (wird bei Privaten und Firmen durch jede Bank ebenfalls gemacht) aufgezeigt wird, werden die gleichen Agenturen plötzlich unglaubwürdig und untragbar.

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  • Bürger Werner am 12.12.2011 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich richtige Bewertungen ?

    Super, diese Idee. Den amerikanischen Rating-Agenturen glaube ich (und auch viele andere in meinem Umfeld) sowieso nichts mehr. Wir sind überzeugt, dass die meisten US-Betriebe wesentlich schlechter müssten bewertet werden, ja auch der Ami-Haushalt. Die machen ja nur Schulden um Schulden um Schulden und stehen immer noch bestens da. Bravo der Idee, hoffentlich wird es bald in die Tat umgesetzt.

  • Wer Profitiert am 12.12.2011 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Cui bono?

    Wenn keine Macht der Welt die Rating-Agenturen kontrollieren kann, wieso haben dann die hochverschuldeten USA immernoch ein AA+ bzw. AAA-Rating während liquidere Staaten bedeutend schlechter dastehen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • O. Lahrsen am 15.12.2011 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Psychologisch sinnvoll, ohne Inhalt

    In der Tat eine famose Idee. Da die Aktienmärkte sowieso nur noch dem Herdentrieb folgen, würde das Rating so inhaltsleer wie die Aktivitäten am Markt. Was schlussendlich einen besseren Zusammenhang zwischen Rating und (Massen-)Erwartungen geben sollte. Dies erlaubt dann jenen Investoren, die sich mit der Materie auskennen, den Herdentrieb endlich wieder auszuhebeln und in Firmen zu Investieren die sich auch aktiv an einer Wertschöpfung (m.E. vorallem anfassbare Produkte) widmen.

  • Stefan Schmid am 13.12.2011 16:54 Report Diesen Beitrag melden

    Idee genial aber auch umsetzbar?

    Das mal versucht wird diesen Ratingagenturen das Zepter aus der Hand zu nehmen ist schon lange überfällig. Denn diese sind alles andere als unparteiisch und auch sonst nicht über alle zweifel erhaben. Doch ist das wirklich so einfach?

  • Steven am 13.12.2011 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Grosses Zweifel

    auch wegen Staatsratings. Die Daten, welche für die meisten der Staaten benutzt werden, sind Daten aus dem CIA World Factbook (siehe "References") - eine amerikanische Seite, welche selbstverständlich Daten aus amerikanischer Sicht/Interessen liefert. Keine wirklich zuverlässige Quelle. Man fragt sich: Benutzt Standard & Poors nicht auch die gleiche Quelle für ihre Einschätzungen? Antwort: Zum grössten Teil JA!

  • Mario am 12.12.2011 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Kann mir das jemand erklären ???

    Ich bin noch jung und verstehe nicht was mann mit dem wikileaks bewirken kann ?

    • Mario Tipura am 13.12.2011 10:18 Report Diesen Beitrag melden

      Wikileaks

      Wikileaks ist die bekannteste Enthüllungsplatform. Auf Wikileaks (Englisch ->Löcher, Lecks) können/konnten Informationen anonym hochgeladen werden. Dies sind vor allem Dokumente, welche durch Geheimhaltung, Zensur, etc. der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Wikileaks wollte anfänglich eine Plattform bieten, auf der es möglich ist, anonym die Verstosse ethnischer Grundsetze von Staaten und Unternehmen mit der Öffentlichkeit zu teilen.

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  • Blindfisch am 12.12.2011 19:51 Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe meine Zweifel

    wegen den Staatsratings. Aber wenn Finanzprodukte bewertet werden können, wird die Seite wirklich interessant. Dann kann auch der Normalbürger sehen das die vom Bankberater angepriesenen Produkte mit "Nullrisikogarantie" doch ziemlich riskant sein können.