Job-Stress-Index 2014

19. Oktober 2014 18:44; Akt: 19.10.2014 21:42 Print

Jeder vierte Arbeitnehmer ist zu gestresst

Die Überbelastung am Arbeitsplatz kommt die Arbeitgeber teuer zu stehen. So entgehen der Schweizer Wirtschaft 5,6 Milliarden Franken im Jahr.

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Jüngere bis 40 Jahren sind gestresster als ältere Arbeitnehmende.

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Weit über eine Million der 4,9 Millionen Arbeitnehmenden in der Schweiz sind im Job übermässig gestresst. Zwei Millionen sind am Arbeitsplatz mehr oder weniger erschöpft. Dies geht aus dem ersten «Job-Stress-Index 2014» hervor, den die Universität Bern und die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (zhaw) im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz erstellt haben.

Die Zahlen basieren auf einer repräsentativen Onlineumfrage bei fast 3500 Erwerbstätigen in der Schweiz und nachfolgenden Berechnungen der beiden Institutionen. Dabei gelten etwa Zeitdruck, Überforderung, Probleme mit Vorgesetzten und Kollegen als Stressfaktoren – auch Stressoren genannt. Dadurch entgehen der Schweizer Wirtschaft rund 5,6 Milliarden Franken jährlich.

Wenn die Wertschätzung stimmt

Entlastungsfaktoren – in der Studie Ressourcen genannt – sind etwa Wertschätzung, Handlungsspielraum oder Unterstützung durch Vorgesetzte. Die Ergebnisse zeigen, dass ein grosser Anteil der Erwerbstätigen in der Schweiz über relativ mehr Ressourcen als Stressoren oder etwa gleich viel Ressourcen und Stressoren verfügt. Bei knapp einem Viertel (24,8 Prozent) überwiegen jedoch die Stressfaktoren.

Dabei berichten Personen aus der französischsprachigen Schweiz im Durchschnitt über etwas mehr Job-Stress als Personen in der Deutschschweiz. Jüngere bis 40 Jahre sind gestresster als ältere Arbeitnehmende. Einen Unterschied zwischen Frauen und Männern hingegen lässt sich gemäss Studie nicht belegen.

Offensichtlich sind Vollzeitarbeitende etwas gestresster als Teilzeitarbeitende, wobei kein Unterschied zwischen Frauen und Männern gemacht werden kann. Männer in Teilzeitanstellung aber zeigen einen leicht höheren Job-Stress-Wert als Frauen. Einen Zusammenhang zwischen Stress und Branche oder Bildung konnten die Forscher nicht ausmachen.

Chefs haben weniger Stress

Der Stress ist aber abhängig von der Hierarchiestufe. Das Resultat erstaunt auf den ersten Blick: Personen mit Führungsfunktion berichten über signifikant weniger Job-Stress als Personen, die keine Führungsfunktion innehaben.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass dafür nicht die Stressfaktoren verantwortlich sind, sondern die Tatsache, dass Führungspersonen über mehr Ressourcen verfügen – also mehr Entlastung erfahren. Insbesondere beim Handlungsspielraum – der Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wie und wann Arbeitsaufgaben ausgeführt werden – zeigten sich grosse Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Führungsfunktion.

Wenn das innere Feuer erlöscht

Die Studie zeigt auch das Mass an Erschöpfung am Arbeitsplatz. Dabei geht sie von einem «Gefühl der Überbeanspruchung, des Energieverlustes und des Ausgelaugtseins» aus. Nichts reize mehr, nichts fordere heraus, nichts entfache das früher vorhandene Feuer für eine Sache.

40 Prozent der Befragten berichteten über Erschöpfung. Ein Viertel über ziemlich hohe bis hohe Erschöpfung. Davon sind Vollzeiterwerbstätige mehr betroffen als Teilzeitler, Frauen mehr als Männer und jüngere mehr als ältere Arbeitnehmende.

Der Job-Stress-Index hängt stark mit der Erschöpfung zusammen: Einerseits kann Sich-gestresst-Fühlen zu höherer Erschöpfung führen, andererseits kann höhere Erschöpfung auch bewirken, dass man sich gestresster fühlt, wie die Autoren erklären.

So zeigt sich, dass Erwerbstätige, die über mehr Job-Stress oder über Erschöpfung berichten, auch mehr über psychosomatische Beschwerden, mehr Schlafprobleme, höhere Irritation und eine schlechtere allgemeine Gesundheit berichten.

Teure Ausfälle

Personen mit ungünstigem Job-Stress-Index, das heisst mit mehr Stress- als Entlastungsfaktoren, fehlen im Durchschnitt 4,3 Prozent der Arbeitszeit wegen Krankheit. Arbeiten sie dennoch, ist ihre Produktivität um 15,1 Prozent verringert. Personen mit ausgeglichenem Job-Stress-Index – gleich viele Stressoren wie Ressourcen – fehlen durchschnittlich 3,3 Prozent und sind 10,2 Prozent weniger produktiv.

Die Produktionseinbusse aufgrund krankheitsbedingter Abwesenheiten, reduzierter Produktivität, erhöhter Fluktuation, Pensenreduktionen oder dem frühzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben belaufen sich auf 5,6 Milliarden Franken pro Jahr mit einer Fehlerquote von plus/minus 1,55 Milliarden Franken, wie die Autoren schreiben. Davon entfallen drei Viertel auf verringerte Produktivität und nicht etwa auf krankheitsbedingte Abwesenheiten.

Die Forscher geben zu bedenken, dass das Optimum am Arbeitsplatz nicht bei einem ausgeglichenen Level von Stressoren und Ressourcen liegt, sondern bei einem Übergewicht von Entlastungsfaktoren.

Mit anderen Worten: «Investieren die Unternehmen vermehrt in betriebliches Gesundheitsmanagement und hätten alle Erwerbstätigen ein günstiges Verhältnis von Ressourcen und Belastungen, könnten die Betriebe Mehrausgaben in der Höhe von über 5 Milliarden Franken einsparen», schreibt die Gesundheitsförderung.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Winston am 19.10.2014 19:16 Report Diesen Beitrag melden

    Hauptgrund ist Selbstüberschätzung

    Als ich vor gut 30 Jahren aus der Lehre kam und richtig ins Berufsleben einstieg, waren Stress oder Burnout kein Thema. Von erschöpft oder ausgelaugt wurde gesprochen. Mittlerweile kenne ich erschreckend viele die eine Auszeit nehmen mussten. Was mir persönlich auffällt, ist die Tatsache, dass die Betroffenen durchs Band weg überall dabei sind. Jede Woche 4x Fitnesscenter, 3x Club, 1x Party, 1xKochkurs, 2x irgendein Verein hinzu kommt ab und zu "kurz" einen trinken gehen und ganz nebenbei noch arbeiten. Unfähigkeit zu Selbstorganisation ist übrigens ein häufiger Grund für Stress

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  • ausgebrannt am 19.10.2014 19:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stressen

    uns wurde eben 5h überzeit pro woche verordnet. zudem wurden uns locker doppel so viele aufräge gegeben wie üblich. nach 1 woche kann ich nicht einen auftrag richtig und gut erledigen und habe keine übersicht mehr. hauptsache der schef steht beim management gut da mit dieser aktion

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  • Ausführender am 19.10.2014 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Stress entsteht auch durch die Chefs...

    Als ausführende Kraft hat man vielfach die Aufgabe etwas, dass sich die Vorgesetzten innerhalb von vielen Wochen zurecht gelegt haben in wenigen Tagen zu realisieren. Da jedoch meistens nicht die Chefs etwas umsetzen müssen, sind dann Mittel/Wege/Zeit für die Aufgabenstellungen nicht immer gerade gut durchdacht und werden dann zum Problem der ausführende Kräfte in einem Unternehmen. Dadurch geraten diese nicht nur unter Druck, sondern die Arbeit leidet in Qualität und Vollständigkeit.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hellebarde am 20.10.2014 21:46 Report Diesen Beitrag melden

    Japanische Weissheit.

    Wenns zu schnell geht, mach es langsam!

  • M.G. am 20.10.2014 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Wir als Konsumenten haben dieses System doch initiiert. Niemand wird durch Werbung gezwungen ständig neue Dinge zu kaufen, das machen wir alle freiwillig. Denn viele definieren sich selbst und ihre Mitmenschen nur noch durch das was sie besitzen bzw. durch die Konsumfähigkeit. Persönlichkeit und Charakter spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Also soll sich auch niemand über den beruflichen Stress beklagen wenn er gleichzeitig durch sein eigenes Verhalten dieses System weiter anfeuert.

  • Maria Nida am 20.10.2014 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    will arbeiten

    Ich hätte gerne überhaubt einen job- irgendeinen!

  • Stressmen am 20.10.2014 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    Stress macht sich jeder selber

    Stress ist: Nicht beherschen der Arbeit...

    • VeMaGis am 20.10.2014 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Was soll die Aussage?...

      Ach ja? Wenn aus Sparmaßnahmen eine Vollzeitstelle gestrichen wird, beherrscht man den Job nicht???? "Meinen" Job beherrsche ich! Aber den 2. Job dazu- da fehlen mir ein paar Stunden pro Tag! "Zum Nachdenken.."

    • Flyer am 20.10.2014 19:19 Report Diesen Beitrag melden

      Stressmen

      völliger Blödsinn. Mein Vorgesetzter ist absolut mit meiner Leistung und Qualität zufrieden. Trotzdem wird die ganze Zeit immer nach einem Grund gesucht mir das Leben schwer zu machen. Man findet immer was... und wenn man es erfinden muss. Traurig aber leider wahr.

    • Paul am 20.10.2014 19:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Gier

      Die heutigen Anforderungen ich nenne es auch Gier, die Arbeitgeber bekommen einfach nie genug und sind nie zufrieden. Dies macht einen psychisch Krank.

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  • Marc am 20.10.2014 16:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sozialkompetenz die Schwäche bei Führungspersonen

    Nach 9 Jahren Migros und nahe zu gleichem Lohn und immer mehr Stress ist es nicht verwunderlich wen das innere Feuer erlischt. Soziale unternehmen verändern sich zunehmend weil es an richtigen Führungspersonen mangelt welche nicht nur an mehr Geld denken!