Krankenversicherung

16. Oktober 2019 17:54; Akt: 16.10.2019 17:54 Print

Was passiert, wenn alle zur billigsten Kasse wechseln?

von Raphael Knecht - Für Schweizer Versicherte ist das Sparpotenzial bei der Krankenkasse jedes Jahr gross. Das sagen die Leser dazu.

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Würden alle Versicherten in der Schweiz zur günstigsten Krankenkasse wechseln, könnten sie zusammen insgesamt 3 Milliarden Franken Prämien pro Jahr sparen. Moneyland-Geschäftsführer Benjamin Manz gibt seine Einschätzung zu den Meinungen der Leser. Das Gesundheitswesen ist doch auf das Geld angewiesen – der Wechsel zu einer günstigeren Kasse würde dann einfach dazu führen, dass die Prämien dieser Anbieter steigen. «Das wäre korrekt, wenn alle wechseln würden. Die drei Milliarden Franken sind aber eine Hochrechnung, die auf die grossen Prämiendifferenzen aufmerksam macht. In der Praxis ist es natürlich so, dass jedes Jahr nur eine Minderheit wechselt.» Die Prämien sind so hoch, gerade weil viele Versicherte regelmässig wechseln. «Hauptkostentreiber sind die Gesundheitskosten, nicht die Verwaltungskosten der Kassen.» Ist es nicht verkehrt, dass Versicherte ständig wechseln müssen, um ein paar Franken zu sparen? «Die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung wechselt sowieso nicht – schon gar nicht, um ein paar Franken zu sparen.» Der Service einer Krankenkasse leidet bestimmt, wenn die Prämien niedrig sind. «Es gibt zwar Billigkassen wie Assura, die bei der Kundenzufriedenheit schlechter abschneiden. Das zeigt die jährliche Umfrage von Moneyland bei Versicherten. Allerdings gibt es auch Krankenkassen mit guten Zufriedenheitsnoten, die je nach Wohnort und Kundenprofil günstig abschneiden.» Wäre es nicht besser, wenn man die Versicherungspflicht abschaffen würde? «Eine Abschaffung des Obligatoriums wäre in der Schweiz politisch nicht durchsetzbar. Die genauen Auswirkungen sind überdies umstritten.» Günstige Kassen werden in Zukunft wieder teurer, um entgangene Gewinne wettzumachen. «Es gibt durchaus Krankenkassen, die seit Jahren zu den günstigsten gehören. Aber ja, drastische Prämienerhöhungen hat es immer wieder gegeben.» Kaum jemand wechselt die Kasse – ist der Prämienfrust etwa kleiner, als man meint? «Die Bevölkerung ärgert sich durchaus über die hohen Prämien. Die Schweizer Bevölkerung ist aber gleichzeitig wechselfaul. Das sieht man nicht nur bei Versicherungen, sondern auch bei Banken, Telecom-Providern und anderen Anbietern.» Das Gesundheitswesen ist gewinnorientiert – darum klappts mit der Prämiensenkung nicht. Die Lösung: eine Einheitskasse. «Das Stimmvolk hat eine Einheitskasse abgelehnt. Ob die Prämien mit einer Einheitskasse substantiell sinken würden, darf angezweifelt werden.» In Basel-Stadt zahlen Versicherte für die günstigste Prämie am meisten. In Appenzell Innerrhoden zahlen Erwachsene für die günstigste Prämie rund 70 Prozent weniger als in Basel. Dabei zahlen Versicherte (teils auch je nach Gemeinde) unterscheidlich viel. Denn die Kantone Zürich und Bern kennen jeweils drei unterschiedliche Prämienregionen. Deshalb zahlen Versicherte je nach Gemeinde unterschiedlich viel für ihre Krankenkasse. Dass Versicherte je nach Region mehr zahlen, liegt auch daran, dass Menschen in der Stadt zum Beispiel öfter zum Arzt gehen. Neben den Prämienregionen hat Moneyland auch die Krankenkassen auf ihre Preise untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass Kolping, die zu Sympany gehört, am häufigsten am teuersten ist. Eine der günstigsten Kassen in vielen Regionen ist die Swica.

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Würden alle Versicherten in der Schweiz zur günstigsten Krankenkasse wechseln, könnten sie zusammen insgesamt 3 Milliarden Franken Prämien pro Jahr sparen. Noch höher wäre das Sparpotenzial laut dem Vergleichsportal Moneyland, wenn die Versicherten auch gleich noch zum günstigsten Sparmodell wechseln.

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Aber ist das wirklich realistisch, dass alle Schweizer sparen können? Das sagen die Leser zu diesem riesigen Sparpotenzial – und Benjamin Manz, Geschäftsführer von Moneyland, gibt seine Einschätzung:


Frage: Würden die Prämien steigen, wenn alle Schweizer zur billigsten Kasse wechseln?
Manz: «Das wäre korrekt, wenn alle wechseln würden. Die 3 Milliarden Franken sind aber eine Hochrechnung, die auf die grossen Prämiendifferenzen aufmerksam macht. In der Praxis ist es so, dass jedes Jahr nur eine Minderheit wechselt. Deshalb könnten viele Versicherte mit Vergleichen und Wechseln auch langfristig gutes Geld sparen. Im Schnitt zurzeit rund 360 Franken pro Person und Jahr.»


Frage: Treibt die Wechslerei selbst die Krankenkassenprämien in die Höhe?
Manz: «Hauptkostentreiber sind die Gesundheitskosten, nicht die Verwaltungskosten der Kassen. Mit einer zusätzlichen Digitalisierung können die Anbieterwechsel zwar noch effizienter ausgeführt werden. Eine merkliche Auswirkung auf die Prämien wird das aber leider nicht haben.»

«Die grosse Mehrheit wechselt sowieso nicht.»


Frage: Ist es nicht verkehrt, dass Versicherte ständig wechseln müssen, um ein paar Franken zu sparen?
Manz: «Die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung wechselt sowieso nicht – schon gar nicht, um ein paar Franken zu sparen. Wenn man allerdings Hunderte oder sogar mehr als Tausend Franken pro Jahr sparen kann, wäre ein Wechsel wohl vernünftig. Zumindest das Vergleichen schadet nicht, das kostet praktisch keinen Aufwand.»


Frage: Leidet der Service einer Krankenkasse, wenn die Prämien niedrig sind?
Manz: «Es gibt zwar Billigkassen wie Assura, die bei der Kundenzufriedenheit schlechter abschneiden, wie die jährliche Umfrage von Moneyland bei Versicherten zeigt. Allerdings gibt es auch Krankenkassen mit guten Zufriedenheitsnoten, die je nach Wohnort und Kundenprofil günstig abschneiden. Übrigens gibt es auch verschiedene grosse Kassen, die unter einem anderen Namen günstigere Tochterkassen mit dem gleichen Kundendienst führen.»

«Das Problem sind auch Ärzte, die das Krankenkassensystem missbrauchen und sich eine goldene Nase verdienen.»


Frage: Würden die Prämien sinken, wenn man die Versicherungspflicht abschaffen würde?
Manz: «Eine Abschaffung des Obligatoriums wäre in der Schweiz politisch nicht durchsetzbar. Die genauen Auswirkungen sind überdies umstritten. Aber klar, vor allem die hohen Gesundheitskosten sind Prämientreiber – für die gibt es wiederum mehrere Ursachen. Das Problem sind nicht nur hemmungslose Patienten. Ebenso schuldig sind Ärzte, die das Krankenkassensystem für ihre Zwecke missbrauchen und sich so eine goldene Nase verdienen.»


Frage: Müssen günstige Kassen in Zukunft wieder teurer werden, um entgangene Gewinne wettzumachen?
Manz: «Es gibt durchaus Krankenkassen, die seit Jahren zu den günstigsten gehören. Aber ja, drastische Prämienerhöhungen hat es immer wieder gegeben. Auf Moneyland haben wir eine Funktion eingebaut, mit der man bei jeder Prämie die Entwicklung in den letzten Jahren sieht.»


Frage: Kaum jemand wechselt die Kasse – ist der Prämienfrust etwa kleiner, als man meint?
Manz: «Die Bevölkerung ärgert sich schon über die hohen Prämien: In unserer diesjährigen Umfrage haben Schweizer diese sogar als grösste Sorge bezeichnet. Die Schweizer Bevölkerung ist aber gleichzeitig wechselfaul. Das sieht man nicht nur bei Versicherungen, sondern auch bei Banken, Telecom-Providern und anderen Anbietern. Selbst Personen, die unzufrieden sind, wechseln häufig nicht. Im Laufe der Digitalisierung und dank einfacheren Wechselmöglichkeiten werden die Wechselquoten aber in Zukunft zunehmen.»

«In der Grundversicherung herrscht ein Pseudowettbewerb.»


Frage: Wäre eine Einheitskasse die Lösung?
Manz: «Das Stimmvolk hat eine Einheitskasse abgelehnt. Ob die Prämien mit einer Einheitskasse substantiell sinken würden, darf angezweifelt werden. Die Befürworter der Einheitskasse haben aber recht mit der Aussage, dass in der Grundversicherung ein Pseudowettbewerb herrscht. Versicherte zahlen je nach Anbieter unterschiedlich viel für eine im Wesentlichen gesetzlich verankerte Leistung. Die Einheitskasse hätte also sicher den Vorteil, dass man sich den jährlichen Vergleichs- und Wechselaufwand sparen könnte.»