Recycling

10. Oktober 2018 05:37; Akt: 10.10.2018 07:25 Print

«Plastik ist nicht einfach nur böse»

von R. Knecht - Oft sind Plastikalternativen gar nicht nachhaltiger als PET. Nur ist es für Konsumenten derzeit schwierig, nachhaltige Produkte zu erkennen.

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Firmen wie Coca-Cola, Pepsi und Nestlé gehören zu den Firmen, deren Plastik am meisten in der Umwelt landet. Aber es sind ja nicht die Unternehmen, die die alten Flaschen und Verpackungen in die Flüsse werfen oder auf den Wiesen liegen lassen – das tun letztlich die Konsumenten. Nachhaltigkeitsexperte Marco Grossmann vom Beratungsunternehmen Ecos erklärt, wie Konsumenten ihren Beitrag leisten können und warum Plastik nicht einfach nur böse ist:

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Herr Grossmann, kann man in der Schweiz überhaupt ohne PET leben?
Möglich ist es, aber es ist ein langer Weg dahin. Es gibt natürlich Alternativen zu PET – etwa Plastik auf Basis von Zellulose oder Zucker. Das testen die grossen Schweizer Retailer auch schon. Aber das ist der Knackpunkt: Man muss genau hinschauen, ob alternative Materialien über den gesamten Lebenszyklus hinweg überhaupt nachhaltiger sind und ob sie nicht andere Nachteile – etwa bei der Ernährungssicherheit – mit sich bringen.

Wie kommt der Konsument an diese Informationen?
Das ist leider noch sehr schwierig. An den Kunden werden hier hohe Anforderungen gestellt. Um einen informierten Kaufentscheid zu treffen, muss er sehr viel Wissen selbst einholen. Auch der Label-Dschungel macht es schwierig. Die Digitalisierung kann hier einen Beitrag leisten, da Informationen so einfacher verfügbar werden.

Wie sieht es mit kompostierbarem Plastik aus?
Das ist ein interessanter Ansatz. Kompostierbares Plastik gibt Konsumenten das Gefühl, einen aktiven Beitrag zur Lösung des Plastikproblems leisten zu können. Die Märkte dafür sind darum am Explodieren. Aber das Ganze ist noch ein bisschen komplexer, als es scheint. So kann etwa die Herstellung von Bioplastik in Flächenkonkurrenz mit der Nahrungsmittelherstellung stehen. Je grösser die Produktion wird, desto mehr fällt das ins Gewicht. Und es ist wichtig, dass das Material am Schluss auch wirklich auf dem Kompost landet und in einen Kreislauf gelangt. Das ist ein relativ hoher Anspruch an den Endkonsumenten.

Wäre es besser, richtig zu rezyklieren, statt Alternativen zu suchen?
Plastik ist sicher nicht einfach nur böse. Es hat etwa im Vergleich mit Glas Vorteile. So kann man ein Tetra-Pack effizienter transportieren als eine Glasflasche. Das heisst aber natürlich nicht, dass der Konsument weiterhin seinen Plastikverbrauch hoch halten soll. Hier ist Zusammenarbeit gefragt. Jeder kann seinen Beitrag leisten – das gilt für Konsumenten, Unternehmen und auch den Staat. Es sollte ein Zusammenspiel zwischen Suffizienz, Konsistenz und Effizienz sein.

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Wie kann ich den PET-Verbrauch zumindest reduzieren?
Ausser den Ersatzprodukten wie Bioplastik gibt es da verschiedene Möglichkeiten. Wer beim Coffee to go auf den Wegwerfbecher und das Löffeli verzichtet und stattdessen einen eigenen Thermobecher nutzt, hilft schon. Es gibt auch verschiedene Start-ups, die wiederverwertbares Geschirr bieten. Potenzial haben auch Unverpackt-Läden, die ohne Plastik auskommen. Die gibt es schon in vereinzelten Schweizer Städten. Wer dazu bereit ist, kann auch Produkte wie Waschmittel, Shampoo oder Handcreme selbst fertigen und so bei der Verpackung sparen.

Wie steht die Schweiz eigentlich da, wenns um Recycling geht?
Auf den ersten Blick sieht es gut aus: Das Recycling ist bequem und die Quote ist durchaus okay. Aber im EU-Raum ist sie teils deutlich höher. Wenn man genauer hinschaut, gibt es noch viel Verbesserungspotenzial, gerade in der lokalen Wertschöpfung. Zudem eröffnet der Ansatz der Kreislaufwirtschaft weitere Möglichkeiten vor und nach dem Recycling – seien es Designfragen oder Nutzungsmodelle im Sinn der Sharing-Economy oder auch neue Zusammenarbeit zwischen Sektoren.

Würde ein Röhrli-Verbot wie in der EU etwas bringen?
Einfache Verbote greifen zu kurz. Es ist viel wichtiger, die Wertschöpfungskette zu verbessern, Kreisläufe zu schliessen und entsprechende Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen. Nur im Zusammenspiel zwischen der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Verwaltung und Politik können umfassende Lösungen gefunden werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maler50 am 10.10.2018 06:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    grundübel

    Das grundübel ist unser Wegwerfmentalität, solange wir alle dies nicht in den Griff kriegen ändert sich kaum etwas.Das gilt weltweit!

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  • S@m.W am 10.10.2018 06:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Müll

    Wenn man Plastik umweltfreundlich macht dann werden die Menschen noch weniger schauen das es im Müll landet, besser jetzt schauen und motivieren der Müll richtig entsorgen

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  • Ch.U.R. am 10.10.2018 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    Facebook Generation

    Der Markt kann anbieten was er will, die Verblödung der Gesellschaft ist bereits zu weit fortgeschritten. PET-Flaschen werden unzerdrückt in den nächsten Abfalleimer gewürgt, Bier und Redbull-Dosen einfach auf den Boden geworfen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Raggii am 11.10.2018 07:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Problem Mensch

    Das Problem sind nicht die Verpackungen an sich, sondern die Menschen, die allgemein zu viel Müll produzieren, keine Rücksicht auf die Umwelt nehmen, wenn Sie dafür eigene Interessen zurückstellen müssen und dann von den Herstellern fordern, dass diese etwas gegen den Plastik, CO2-Austoss oder was auch immer machen. Selbst aber irgendwas dagegen machen will man dann doch nicht, respektive irgendwo ein paar mickrige Rappen mehr ausgeben fürs Gewissen liegt noch drin. Aber wenn es dann. z.B. darum geht nicht in die Ferien zu fliegen hörts bei den meisten auf. Wenn man der Umwelt einen Gefallen tun will, so muss Umweltverschmutzung mehr Kosten für den Verursacher haben (siehe z.B. Säckli im Supermarkt)

  • Innovativ am 10.10.2018 19:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kreativ

    Kassensturz gestern. Zeigte tollen Ansatz. Nur wenn der Bund nicht will...! Ja dann ist es der Wirtschaft, recht. Kreativ sein war noch nie des CH Denken.

  • Biologe am 10.10.2018 18:38 Report Diesen Beitrag melden

    Alternative steht seit 80 Jahren bereit

    Zellulose Plastik aus Zellulose der Hanfpflanze wäre in den 30er/40er Jahren bereit gestanden, um die Welt zu erobern. "Dank" der Alkohol- und Pharmalobby hat man das noch abgewendet und hat sich dem Öl-Plastik verschrieben und den Hanf verboten. Der Fortschritt wäre so einfach, würde man die Hanfgegner in die Schranken weisen.

  • Toni am 10.10.2018 15:13 Report Diesen Beitrag melden

    Probleme

    Problem 1: Um Abfall zu entsorgen muss ich Chemiker sein und zu 100 verschiedenen Orten fahren um den Abfall überhaupt loszuwerden. Problem 2: Wegen Recycling-Zwang und Abfallsackgebühren, versuchen es sich die Leute einfach zu machen (auf den Boden, in den Wald). Es gibt keine öffentlichen Abfallkübel mehr, weil die mit Hausmüll gefüllt werden. Lösung: Holt den Abfall (fast) gratis ab und sortiert ihn selber mit Maschinen. Das funktioniert laut Tests besser als wenn der Mensch es von Hand tut. Zudem würden die Leute eher wieder mitmachen und korrekt (sprich im Kübel) entsorgen!

  • Bruno H. am 10.10.2018 14:06 Report Diesen Beitrag melden

    Plastik ist so was von nachhaltig

    Ich kenne nichts Nachhaltigeres als Plastik. Es hält ewig. Man sollte nur Dinge, die sowieso nach kurzem Gebrauch weggeworfen werden, nicht daraus fertigen.