Zahnkorrektur verwehrt

23. September 2019 11:40; Akt: 23.09.2019 11:40 Print

130'000 Fr. Schulden laut falscher Bonitätsauskunft

von Raphael Knecht - Firmen sammeln Daten zur Kreditwürdigkeit von Konsumenten. Nur schleichen sich regelmässig Fehler ein. Man merkts erst, wenn es zu spät ist.

Was ist eigentlich eine Bonitätsprüfung? (Video: RKN)
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20-Minuten-Leserin Lilianna Z.* brauchte eine teure Zahnkorrektur. Um das zu finanzieren, wollte sie die Behandlung in Raten abzahlen – doch das wurde ihr verwehrt. Ihre Kreditwürdigkeit sei auf Stufe Gelb. Warum, wusste sie nicht.

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Auf Nachfrage wurde sie an den Informationsdienstleister Crif verwiesen, wo sie eine Selbstauskunft anforderte. Darin stand, Z. habe Schulden von über 130'000 Franken angehäuft. Das gehe aus einem Registerauszug des Betreibungsamts Weinfelden hervor. Der Haken: Wie Z. feststellte, existiert dieser Eintrag nicht – ihr Betreibungsregisterauzug, der 20 Minuten vorliegt, ist blütenweiss. Und der von Crif erwähnte Auszug wurde nie erstellt, schreibt das Betreibungsamt.

Bei Crif heisst es auf Anfrage von 20 Minuten: «Da wir Millionen von Datensätzen bearbeiten, können wir nicht jeden einzelnen präventiv verifizieren.» Üblicherweise würden die Datenlieferanten verlässliche Informationen bieten. Nach einer Beschwerde von Z. habe die Firma die falschen Daten umgehend gelöscht.

Konsumenten wissen nichts davon

Dass die falschen Informationen über sie vorlagen und sie erst davon erfuhr, als es schon zu spät war, entrüstet die Leserin: «Konsumenten wissen nichts davon und ihnen werden grundlos Geschäfte oder sogar Jobs verwehrt», sagt sie zu 20 Minuten.

Für die Finanzierung ihrer Zahnkorrektur musste ihr Partner einspringen. Nach dem Vorfall vermutet die Leserin zudem, dass sie in der Vergangenheit bei Bewerbungen auch schon das Nachsehen hatte, weil ein potenzieller Arbeitgeber ihre Informationen abfragte.

Das Schicksal von Z. ist bei weitem kein Einzelfall: Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) erhält schon seit längerer Zeit regelmässig ähnliche Berichte von Betroffenen. Es komme sogar vor, dass Personen als nicht kreditwürdig eingestuft wurden, weil ein Familienmitglied in der Vergangenheit Privatkonkurs angemeldet hatte, sagt SKS-Rechtsexperte Samuel Portmann zu 20 Minuten. Das verstosse gegen das Datenschutzgesetz.

Firmen schieben sich Schuld zu

Wenn eine Firma Daten speichert, die nachweislich nicht stimmen, hat jede Person das Recht, sie berichtigen zu lassen (siehe Box). Grundsätzlich könnte man auch gegen die Firma klagen. In den meisten Fällen ist es jedoch schwierig, einen effektiven Schaden nachzuweisen. Und: Oft schieben Firmen die Schuld untereinander ab.

So heisst es in einem Schreiben von Crif an Z., die fehlerhaften Informationen würden von der Auskunftei Bisnode D&B Schweiz stammen. Bei Bisnode will man den Fall aus Datenschutzgründen nicht kommentieren. Ein Sprecher sagt zu 20 Minuten: «Trotz grösster Sorgfalt und Prüfmassnahmen kann es sehr vereinzelt passieren, dass Informationen falsch erfasst werden.» Das Unternehmen habe kein Interesse daran, Personen oder Firmen nicht wahrheitsgetreu abzubilden.

Bund soll was tun

Portmann von der SKS hofft, dass der Bund etwas gegen die Probleme mit falschen Bonitätsauskünften unternimmt. Die momentane Revision des Datenschutzgesetzes sei eine Chance, griffigere Schutzbestimmungen zugunsten der Konsumenten zu erlassen.

Mittlerweile ist die Bonität von Z. wieder auf Stufe Grün. Das Ganze hinterlässt aber einen bitteren Nachgeschmack: Statt zu ihrem Fehler zu stehen, hätte Crif ihr schriftlich unterstellt, sie habe die nicht existierenden Verlustscheine zurückgekauft. «Das suggeriert, dass Crif und deren dubiosen Datenlieferanten nichts Falsches gemacht hätten», sagt Z. zu 20 Minuten.

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gloor am 23.09.2019 11:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es kann jeden treffen

    Sollte verboten sein Daten von Leuten zu sammeln ohne Zustimmung. Und wenn Schulden bezahlt sind sollten diese gelöscht werden im Auszug und nicht noch 5 Jahre im System verweilen.

    einklappen einklappen
  • Ferenc Domokos am 23.09.2019 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler müssen kosten!

    jede Falschauskunft muss 500'000 Franken Genugtuung kosten. wetten, dass dann jeder Eintrag kontrolliert würde?

    einklappen einklappen
  • Amigooo am 23.09.2019 11:59 Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit....

    Bodenlose Frechheit. Daten abfragen OK, aber Daten gefälscht hinterlegen sollte strafbar sein !

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mozzart am 24.09.2019 18:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit

    Ist mir persönlich auch passiert. Das ist eine bodenlose Frechheit! Das sollte in heutiger Zeit strafbar sein und zugleich sollte die betroffene Person eine Entschädigung von 10'000.- erhalten! Der Bund sollte da endlich mal reagieren!!!

  • Bueno am 24.09.2019 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    was ist mit den anderen?

    Ich kenne auch Leute, deren CRIF Score besser ist, als ihr Betreibungsauszug. Ich selbst bin sogar doppelt in der CRIF DB vermerkt....meinen Zwillingsbruder mit gleichem Namen hab ich bis jetzt noch nicht kennengelernt

  • eine Rentnerin am 24.09.2019 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe gegen Betreibungsnomaden

    Wann endlich kommt der gesamtschweizerische Betreibungsauszug? Es ist absolut unverständlich, dass dies in einer Zeit, in der die Datenverarbeitung weltweit möglich ist, nicht längst geschehen ist.

  • Tolli am 24.09.2019 07:29 Report Diesen Beitrag melden

    Geht schon

    Kein Leasing, kein Kredit. Dafür aber 200.000 Cash und 480.000 als Aktienfonds. Mit geht's gut. Hab auch nie Probleme mit Bonitätsauskunft usw....

  • Sandy am 24.09.2019 06:24 Report Diesen Beitrag melden

    Leute! Ihr könnt das ändern!

    Verlangt mittels Auskunftsbegehren (vorne top beschrieben, wie es geht) Informationen, die über euch abgelegt sind. Die Firmen (bei CRIF kann es auf der Homepage erledigt werden) MÜSSEN KOSTENLOS Auskunft geben. Noch Vermerk dazu (gestützt auf Art. 8 DSG i.V.m. Art 1 VDSG) hat es richtig Wirkung. Wenn der Datenschützer schon nicht aktiv wird, müssen wir uns halt selbst helfen. Verteilt es auf SocialMedia und die Buden werden "eingerennt". So sind sie mal ne Weile beschäftigt. LASST EUCH DAS NICHT BIETEN!!