Wirtschaftsfaktor Muslime

28. Oktober 2009 08:12; Akt: 29.10.2009 12:28 Print

Kostet uns der Kampf um Minarette Milliarden?

von Werner Grundlehner - Im Abstimmungskampf gehen die Emotionen hoch. Befürworter und Gegner der Anti-Minarett-Initiative beschwören Angstszenarien und Halbwahrheiten. 20 Minuten Online wollte wissen, wie gross der wirtschaftliche Schaden im Fall einer Annahme der Initiative wäre.

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Welche Auswirkungen hätte es, wenn Muslime Schweizer Produkte meiden würden, weil wir dem Bauverbot für Minarette zustimmen? Die muslimische Religionsgemeinschaft umfasst weltweit 1,5 Milliarden Menschen. Im vergangenen Jahr exportierte die Schweizer Wirtschaft Waren im Wert von 14,5 Milliarden Franken in Länder mit einer islamischen Bevölkerungsmehrheit. Das entspricht 6,6 Prozent aller eidgenössischen Exporte.

Die grössten islamischen Abnehmer von Schweizer Gütern waren die Vereinigten Arabischen Emirate mit Importen von 2,8 Milliarden Franken. Dahinter folgten die Türkei (2,5 Mrd.), Saudi-Arabien (1,6 Mrd.) und Iran (0,8 Mrd.) Die grössten muslimischen Staaten, Malaysia auf Rang 6, Indonesien auf 10 und Pakistan (11.) waren demgegenüber für den Aussenhandel eher unbedeutend. Noch.

Trumpfkarte Bevölkerungswachstum

«Bedeutende muslimische Staaten wie Indonesien und Malaysia mit einer Bevölkerung von weit über zweihundert Millionen versprechen aber ein grosses Potenzial», erklärt Patrick Djizmedjian, Sprecher des Exportförderers Osec. Länder mit einem demographischen Wachstum würden im Gegensatz zu westlichen Ländern ein hohes Konsumwachstum versprechen – dazu gehört auch die Türkei, die sich nach Europa orientiert.

Das Osec zählt die Golfstaaten zu den aufstrebenden Schwellenländern. «Die Golfstaaten haben erkannt, dass sie sich nicht auf den Ressourcen-Reichtum verlassen können. Sie sind bestrebt, sich auch zu Know-how-Zentren heranzubilden und bauen deshalb neue Infrastrukturen und Technologien auf, die ihnen auch die Schweiz liefern könnte», so Djizmedjian.

Wichtigster Export: Medikamente

Die Chemie- und Pharmabranche ist die grösste Exportindustrie der Schweiz. Sie ist für rund 40 Prozent der Ausfuhren verantwortlich. «Mit einem Boykott würden sich die muslimischen Staaten bei unseren Produkten vor allem ins eigene Fleisch schneiden», sagt Beat Moser, Sprecher der Branchenvereinigung SGCI Chemie Pharma Schweiz. Rund 80 Prozent der Exporte betreffen gemäss Moser den Life-Science-Bereich. Es sind beispielsweise Medikamente, die nicht einfach durch ein Konkurrenzprodukt ersetzt werden können wie Maschinen oder Uhren. «Die muslimische Welt kauft 6 Prozent unserer Exporte, wobei die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran die wichtigsten Abnehmer sind», fügt Moser an.

Die Schweizer Banken haben vor kurzem das Islamic Banking entdeckt. In diese Sharia-konforme Anlage können auch strenggläubige Muslime investieren. «Islamische Kunden, insbesondere aus den Golfstaaten, sind für Schweizer Banken ein wichtiges Kundensegment», erklärt Thomas Sutter, Sprecher der Bankiervereinigung. Das Islamic Banking sei auch für diese Kunden jedoch nur ein Nischenprodukt, der grösste Teil der Muslime frage traditionelle Produkte nach. Zahlen nennt die Bankiervereinigung keine.

Dänemark als abschreckendes Beispiel

Als Beispiel für einen «Muslim-Boykott» führt der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse Dänemark mit dem Karikaturenstreit an. Im Jahr 2006 kam es wegen Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung zu gewalttätigen Ausschreitungen, Anschlägen auf dänische Botschaften und einem Aufruf zum Boykott von dänischen Waren in zahlreichen muslimischen Ländern. Dänische Konsumgüter durften im Iran, in Saudi-Arabien, Indonesien und Malaysia nicht mehr importiert werden. 50 000 Geschäfte «reinigten» ihre Regale von dänischen Produkten.

Der Schaden für die dänische Volkswirtschaft wurde auf rund 7,5 Milliarden Kronen (rund 1,6 Milliarden Franken) geschätzt. 11 000 dänische Arbeitsplätze waren vom Boykott betroffen. Die dänische Wirtschaft behalf sich jedoch mit einem Trick, den Schweizer nicht kopieren können: Anstatt «Made in Denmark» druckten die Skandinavier für den Export «Made in the EU» auf ihre Produkte.

Die Staaten, die am heftigsten reagierten, waren Saudi-Arabien und der Iran. Beide sind auch wichtige Handelspartner der Schweiz. Gemäss Economiesuisse schreibt Saudi-Arabien in den nächsten zehn Jahren öffentliche Aufträge in den Bereichen Energie, Infrastruktur und Städtebau mit einem Volumen von 600 Milliarden Franken aus. Anbieter mit dem Prädikat «Swiss made» sollten dafür nicht benachteiligt werden.

Die Schweiz könnte die Auswirkungen auch im «Inland» zu spüren bekommen. Es ist nicht anzunehmen, dass die 350 000 muslimischen Mitbürger ihr Gastland im grossen Stil boykottieren würden. Aber muslimische Touristen machen 5 Prozent der ausländischen Gäste aus. Dieses kaufkräftige Publikum zeigte in den vergangenen Jahren kräftige Zuwachsraten.

Der Ölhahn bleibt offen

«Unser Land bezieht zwei Drittel des Benzins von Raffinerien aus der EU», sagt Rolf Hartl, Sprecher der Erdölvereinigung. Lediglich zwei Inlandraffinerien beziehen gemäss Hartl direkt Rohöl. Dieses wurde bisher von Nigeria, Libyen und Algerien geliefert. «Als Libyen ausfiel, sprangen vor allem Aserbeidschan und Kasachstan in die Bresche. Bereits dieser Fall hat gezeigt, dass ein Ölboykott gegen unser Land nicht funktioniert», erklärt Hartl. Die Ölproduzenten wollten weiter exportieren, Einzelboykotte verliefen deshalb im Sand.