Viele Absenzen im Job

08. Mai 2018 05:47; Akt: 08.05.2018 05:47 Print

«Ich war zu oft krank – sie drohten mit Kündigung»

von Dominic Benz - Die Deutsche Post geht gegen Mitarbeiter mit vielen Absenzen vor. Auch 20-Minuten-Leser kriegten ihre Fehltage schon negativ zu spüren.

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Bei der Deutschen Post kriegen befristet angestellte Brief- und Päckli-Verträger nur noch dann einen festen Vertrag, wenn sie innerhalb von zwei Jahren nicht mehr als 20 Tage krank gewesen sind. Das Vorgehen sorgte für Empörung: Es sei «menschenverachtend» und «sittenwidrig», heisst es bei deutschen Arbeitnehmervertretern.

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Auch in der Schweiz wäre laut Rechtsanwalt und Personalexperte Bernhard Kolb ein Anstellungskriterium wie bei der Deutschen Post möglich. Zulässig wäre es aber nur bei befristeten Anstellungen. «Bei Verträgen für einen unbefristeten Job wäre es gesetzeswidrig», so Kolb. Die Unternehmen könnten aber frei bestimmen, unter welchen Kriterien sie befristete Mitarbeiter fest anstellen wollen.

Verwarnung und Kündigung

Wegen vieler Krankheitstage machten auch 20-Minuten-Leser schlimme Erfahrungen an ihrem Arbeitsplatz. Veronika Z.* war im letzten Jahr oft erkältet und blieb zu Hause. Obwohl sie jeweils ein Arztzeugnis vorlegte, wurde sie zweimal während der Krankheit vom Büro aufgeboten. «Es wurde an meiner Einsatzfähigkeit gezweifelt und mir wurde nahegelegt, Teilzeit zu beantragen», erzählt sie.

Der Bankangestellte Nicolas M.* arbeitete bei einem kleinen Schweizer Finanzinstitut. Wegen Nierenstein-Operation und einer Lungenentzündung fiel er zwei Monate aus. Dafür kassierte er eine schriftliche Verwarnung. Als er nochmals für eine Woche krank wurde, folgte der Hammer: «Mir wurde gesagt, dass mir gekündigt wird, sobald ich noch einmal krank werde.» Tatsächlich gekündigt wurde 20-Minuten-Leserin Lena G.* Sie fiel wegen Komplikationen bei einer Operation länger aus als gedacht. «Eine Woche nach Wiederaufnahme der Arbeit wurde mir gekündigt. Angeblich wegen Erwartungsdifferenzen.»

Erst verwarnen, dann kündigen

Absenzen sind aber nicht nur für die Angestellten, sondern auch für die Unternehmen ein grosses Problem. Zum einen verursachen die Fehltage hohe Kosten. Zum anderen können Unternehmen nur wenig dagegen machen. «Arbeitgeber sind in diesem Bereich ausgeliefert», sagt Kolb. Vor allem der Umgang mit chronisch Abwesenden sei schwierig.

So können die Unternehmen gegen ein Arztzeugnis nichts machen. Üblich in der Schweiz ist, dass Unternehmen nach zwei oder drei Krankheitstagen ein Arztzeugnis verlangen. Nicht geregelt ist hingegen, wie oft ein Angestellter beispielsweise einen Tag fehlen darf. «Häufen sich solche Absenzen, bleiben den Unternehmen fast nur noch disziplinarische Möglichkeiten übrig», sagt Kolb. Konkret heisst das: Verwarnen oder gar kündigen. «Das ist eine gängige Praxis», so der Experte.

«Nur etwa fünf bis acht Prozent machen blau.»

Für Matthias Mölleney ist die Entlassung eines Mitarbeiters mit vielen Absenzen nicht die beste Lösung. Schliesslich würde die Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters auch hohe Kosten verursachen.

Chris Holzach von der Absenzen-Management-Firma Synaps warnt vor einer Vorverurteilung von Mitarbeitern mit vielen Absenzen. «Nur etwa fünf bis acht Prozent machen blau.» Rund die Hälfte der Absenzen hätte medizinische Gründe. Für gut 30 Prozent seien private Probleme oder mangelnde Motivation wegen Problemen am Arbeitsplatz verantwortlich. Gerade diese Absenzen-Zahl könnten die Unternehmen beeinflussen, sagt Holzach. Er nimmt die Vorgesetzten in die Pflicht. «Chefs sollten ihren Mitarbeitern mehr zuhören und sie unterstützen.»

*Namen der Redaktion bekannt


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jua am 08.05.2018 05:59 Report Diesen Beitrag melden

    Pauschalverdacht?

    Wie überall, Einzelne die es ausnutzen und dem System schaden, lösen somit Konsequenzen auch für die "Korrekten" aus.

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  • Martin am 08.05.2018 05:57 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht

    Wie jede Medaille hat vermutlich auch diese zwei Seiten. Die Massnahmen sind verständlich, treffen leider aber auch jene welche durch Pech einige Male mehr als normal fehlten.

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  • Carlos am 08.05.2018 06:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    verweichlichte gesellschaft

    wegen einer erkältung zuhause bleiben? und was für ein arzt stellt hierfür ein zeugnis aus? im ernst? ich bleibe zuhause, wenn ich nicht mehr stehen kann!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Marcelle am 16.05.2018 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausnutzen

    War schon vor 40 Jahren so. Immer die Gleichen waren mind. 3 Tage krank entweder von Mittwoch bis Freitag - Samstag und Sonntag sowieso frei, oder dann nach dem Wochenende bis und mit Mittwoch. Meistens auch so Schleicher bei den Chefs. Aber über kurz oder lang konnten sich diese sich nicht über Wasser halten und verloren ihren Job. Schade gibt es immer wieder solche faulen Menschen und in der heutigen Zeit immer schwieriger nachzuweisen. Burnout, zu sensibel, schwierige Jugend etc. Es gibt diese Probleme, aber es gibt Menschen , die nutzen dieses Prinzip für sich aus. Schade und traurig!

  • Dä Jesus am 13.05.2018 08:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ceschäftsleitung nicht unschuldig.

    Wie wäre es, wenn man die Mittarbeiter nicht immer mehr belasten würde und das bei immer schlechterer bezahlung? Dann wären auch weniger Krank. Denn es ist erwiesen, dass Stress das Immunsystem schwächt und somit Krankheiten eher ausbrechen können. Ergo ist das Problem zu einem grossen Teil hausgemacht. Und ja, auch Zukunftsängste und Unzufriedenheit aufgrund schlechter Löhne und quasi nicht vorhandener Freizeit löst Stress aus, das wäre dann die klassische Überarbeitung.

    • Marc am 19.05.2018 09:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dä Jesus

      Grosse Mitschuld trägt der Staat. Wen er keine Grenzen setzt wie die Ausschlachtung der Öffnungszeiten geht es immer so weiter.

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  • marko 33 am 12.05.2018 10:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau

    Genau

  • Tom am 10.05.2018 16:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehemaliger Coop Mitarbeiter

    Habe bei Coop gearbeitet. Zuerst kam: sie haben schon viele Absenzen, die Therapie (wegen psychischen Problemen) wird die Thematik verschlimmern. Diese Absenzen wären untragbar. Danach ging es knapp 1 Jahr wieder. Danach war ich wieder für 2 Wochen Krankgeschrieben. Ende vom Lied: fristlose Kündigung während dem ich noch eine Krankschreibung hatte

    • Nessee am 10.05.2018 16:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Tom

      Ich kenne ähnliche Beispiele wie deines. Entweder du funktionierst oder du kannst gehen. Diese Strategie wird sich noch verstärken in Zukunft, denn die vorhandenen Arbeitsplätze werden immer härter umkämpft werden.

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  • susanna am 09.05.2018 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Verständnis

    ich verstehe auch die AG. Schliesslich muss jeder, der lange krank ist, irgendwie mit den restlichen MA ersetzt werden, die dann enorm viel mehr zu tun haben. Wir haben 2 Fälle von "Burn out" im Team (es sind ausgerechnet die zwei MA, die am wenigsten gearbeitet haben und den ganzen Tag nur gechattet, Pause gemacht und telefoniert haben), die zwei sind seit fast 1 Jahr weg und wir dürfen sie nicht ersetzen, müssen aber ihre Arbeit noch mit machen.