Umdenken in der Chefetage

01. Juli 2014 11:52; Akt: 01.07.2014 12:17 Print

Kündigungs-Film ist für Bosse eine harte Lektion

von C. Landolt - Das Kündigungsvideo von Marina Shifrin geniesst auch in universitären Kreisen Kultstatus. Angehende Manager sollen so verstehen, wie ihre jungen Mitarbeiter ticken.

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Marina Shifrin, Screenshot von ihrer Webseite. Sie erlangte Kultstatus mit ihrem Kündigungsvideo, das sie ihrem Boss schickte und danach auf Youtube stellte.

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Sinn zählt mehr als Status, Glück schlägt Geld, und Selbstbestimmung macht ganz besonders glücklich. Das ist in etwa die Quintessenz, die Leadership-Experten aus den zahlreichen im Netz grassierenden Kündigungsvideos der Generation der zwischen 1980 und 1990 Gebroenen ziehen.
Das bekannteste darunter ist jenes von Marina Shifrin (26).

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Über 18 Millionen User haben das im letzten Herbst hochgeladene Video mittlerweile gesehen. Zum Song «Gone» von Kanye West tanzte sie um 4.30 Uhr befreit durch ihr Büro, in dem sie zwei Jahr lang arbeitete. Nie mehr wird sie in die öde Schreibtischwüste zurückkehren, und dies teilt sie ihrem Chef via Youtube mit. «I quit» und «I'm gone» – «Ich kündige» und «Ich bin dann mal weg», lautet ihre letzte Nachricht. Dann knipst sie das Licht aus.

Solche öffentlichen Kündigungen sind bezeichnend für die Generation Y, also all jener, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurden. Es sei eine Generation, die einen ganz anderen Arbeitssinn fordere, hält Wolfgang Jenewein, Professor für Betriebswirtschaft und Experte für Leadership an der Hochschule St. Gallen, fest. Ein Grossteil der Arbeitnehmer, speziell die der Generation Y (auch: Yolo), sähen ihre Arbeit nicht so sehr als reine Pflichtübung an, sondern vor allem als Mittel zur Selbstverwirklichung.

Phänomen der Generation Y

Alte Insignien der Macht wie Gehalt, Boni und Aktienpakete treiben die Generation Y weniger an als die Aussicht auf eine Arbeit, die Freude macht und einen Sinn stiftet. «Dieser Wertewandel erfordert ein Umdenken in der Art der Führung», sagte Jenewein kürzlich vor Absolventen des Executive MBA . Er sei eine grosse Herausforderung für Führungskräfte. Führung in diesem Kontext bedeute, den Mitarbeitern Sinn zu vermitteln und Kreativität sowie Ideen zu fördern.

Kündigungsvideos erfreuen sich zunehmender Popularität. Mehr oder weniger spektakulär wird da dem Chef einen Abschied mit Paukenschlag beschert. Da ist etwa Joe DeFrancesco, Angestellter einer grossen Hotelkette, der seinem Chef mit seiner Brassband lautstark die Kündigung entgegenschmettert. Anders die Programmiererin Karen Chweng, die den Song «American Pie» kurzerhand in ihr ganz persönliches Kündigungsschreiben für Microsoft verwandelt. Auch Greg Smith inszeniert seine Abdankung auf besondere Weise: Der gut bezahlte Banker verkündet seinen Abgang bei einer Investmentbank kurzerhand in der «New York Times».

Arbeit soll Spass machen

Und manche Chefs haben ihre Lehre daraus bereits gezogen. Shifrins früherer Arbeitgeber, eine taiwanesische Videoproduktionsfirma, die sich als Spezialist für virales Marketing versteht, bewies mehr Humor als angenommen. Er konterte - ohne anklagend gegenüber der einstigen Mitarbeiterin zu werden- mit einem eigenen humorvollen Antworttanz. Das Filmchen wurde auf Youtube knapp drei Millionen Mal angeklickt und hat damit ebenfalls grosse Aufmerksamkeit erreicht. Der Clip ist genauso gestrickt wie der von Shifrin - mit ähnlichen Posen, Kameraeinstellungen und Untertiteln. Darin wünscht ihr ihr Chef alles Gute - und betont nebenbei auch, dass die Agentur neue Mitarbeiter suche.