Matthäus-Prinzip

02. April 2009 12:48; Akt: 02.04.2009 15:07 Print

Kurzarbeit für Angestellte, Dividende für Blochers

von Joel Bedetti - Die Arbeitslosenkasse unterstützt die Ems in der Krise mit Millionen. Trotzdem will das Unternehmen den Aktionären 117 Millionen Franken auszahlen – 70 Millionen gehen an die Familie Blocher. Ems-Konzernchefin Martullo-Blocher fordert derweil weitere finanzielle Unterstützung vom Bund.

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Bei den Dividenden wird nicht gespart: Magdalena Martullo-Blocher (Bild: Keystone/Alessandro Della)

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Die Belegschaft der Ems-Chemie erlebt schwere Tage: Ein Grossteil ist in Kurzarbeit angestellt und fürchtet um die Jobs. Ein Fünftel der Belegschaft schiebt gratis Überstunden. Die Aktionäre der Ems aber sollen in der grossen Krise nicht am Hungertuch nagen. Die Ems will dieses Jahr ihren Aktionären stolze 117 Millionen Franken auszahlen. 70 Millionen Franken fliessen in die Taschen des Blocher-Clans: Ems-CEO Magdalena Martullo-Blocher, Rahel und Miriam Blocher (siehe Infobox) besitzen zusammen rund 60 Prozent der Aktien.

Dass die Wirtschaftskrise das Unternehmen hart trifft, ist unumstritten. Bereits im letzten Herbst brach der Umsatz der Ems um ein Viertel ein. Im Dezember 2008 drosselte der Chemie-Konzern die Produktion. Seither befinden sich rund 680 Angestellte in Kurzarbeit: Die kantonale Arbeitslosenkasse bezahlt den Lohnausfall, bis sich die Auftragslage der Ems wieder gebessert hat. Nach Schätzungen des kantonalen Kurzarbeitsverantwortlichen Paul Schwendener kostet ein Unternehmen in der Grösse der Ems die Arbeitslosenkasse schätzungsweise eine Million Franken pro Monat.

«Frechheit gegenüber der Bevölkerung»

Die Linke reagiert empört. Jon Pult, Präsident der SP Graubünden, meint: «Es ist eine absolute Frechheit gegenüber der Bevölkerung, wenn man öffentliche Kurzarbeitsgelder kassiert, trotzdem aber viele Arbeitsplätze streicht und gleichzeitig der Familie Blocher Millionendividenden ausschüttet!» Es sei die sprichwörtliche Privatisierung des Gewinns, während man die Krise verstaatliche.

Der Kanton habe sich mit diversen Steuersenkungen in den letzten Jahren sehr zuvorkommend gegenüber der Wirtschaft gezeigt, entrüstet sich Pult: «Das Verhalten der Ems kann ich nur als skandalös bezeichnen.» Der Konzern lässt die Vorwürfe nicht gelten. «Die Ems verfügt über eine hohe Liquidität. Die Dividende ist problemlos finanzierbar», sagte CEO Magdalena Martullo-Blocher Anfang Februar gegenüber dem «Sonntag».

Massenentlassungen

Für Martullo-Blocher tut der Staat noch nicht genug. Sie hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) aufgefordert zu sorgen, dass Unternehmen bei Kurzarbeit weniger zahlen müssen. Ansonsten würden die Unternehmen vermehrt Angestellte entlassen. Zu diesem Mittel griff die Ems offenbar aber bereits im November. Still und heimlich, in kleinen Tranchen, ohne die Öffentlichkeit zu informieren. Als der Bündner SP-Kantonsrat Peter Peyer im Dezember wissen wollte, wie viel Leute die Ems bereits auf die Strasse gestellt hat, verbot das Unternehmen dem Regierungsrat, die Zahlen zu veröffentlichen. Auch heute streitet die Ems die Entlassungen ab: «Die Ems setzt weiterhin auf Kurzarbeit», sagt Sprecher Conrad Gericke.

Wie Quellen aus dem Umfeld des Unternehmens jedoch bestätigen, hat die Ems in den letzten Monaten Dutzende von Angestellten entlassen und über hundert Personen frühzeitig pensioniert. Mehrere Informanten wollen wissen, dass in den nächsten Wochen eine weitere Kündigungswelle folgt.

«Sie können jetzt rumtoben»

Die Stimmung unter der Belegschaft ist «lausig», wie es ein Angestellter ausdrückt. Doch die Krise trägt nur teilweise die Schuld. In der Ems, wo die Loyalität zum Arbeitgeber sonst gross ist und die Gewerkschaften einen schweren Stand haben, brodelt es. Die Angestellten ballen die Faust im Sack. Es wächst die Wut über die Art, wie die Ems mit dem Personal umgeht. Bei Frühpensionierungen und Entlassungen suche das Kader nicht das Gespräch, erzählt ein im November entlassener Ems-Angestellter. «Ich wurde zum Personalchef zitiert. Der sagte mir nur: ‚Wir haben Wirtschaftskrise. Sie sind entlassen. Sie können jetzt rumtoben, aber das wird auch nichts ändern.’»

Ähnlich scheint es bei den Frühpensionierungen zu laufen. «Ich wurde kurz informiert und unter Druck gesetzt, bis Ende Woche zu unterschreiben», sagt ein Frühpensionierter. Viele dieser Mitarbeiter dienten der Ems über Jahrzehnte – und mussten nun wenige Monate vor der ordentlichen Pensionierung die Firma verlassen. «Das hat für viel Bitterkeit gesorgt», erzählt der Informant.

Rauer Wind unter Blocher-Tochter

Ein Zuckerschlecken sei die Arbeit in der Ems nie gewesen, heisst es – doch seit Christoph Blochers Tochter Magdalena Martullo-Blocher am Steuer sitze, sei der Wind noch rauer geworden. «Christoph Blocher ging auf die Leute zu, schüttelte ihnen die Hand und suchte das Gespräch; seine Tochter dagegen tritt sehr herrisch auf», sagt ein Mitglied der örtlichen SP. Die Angestellten seien reine Befehlsempfänger, berichtet ein ehemaliger Angestellter. «Kritik ist nicht erwünscht.» Wem es nicht passe, der könne gehen, heisse es dann.

Auch das Kader fasst Martulli-Blocher nicht mit Samthandschuhen an. An den Sitzungen, hört man, verteile sie grüne und rote Karten an die Referenten – je nach dem, ob ihr der Vortrag gepasst habe. Grüne Karten seien selten zu sehen. Einige Angestellte nennen Magdelena Martulli-Blocher auch «Martello»: Hammer.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alexander Eberle am 16.01.2012 21:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nun wehret Euch doch endlich!

    Die meisten regen sich jetzt darüber auf. Aber das Problem ist, schon nach wenigen Tagen überollt uns alle den Alltag, und die Blochers und Co. können in Ruhe weitermachen, sie fühlen sich sogar darin bestärkt denn wirklich etwas dagegen unternehmen will ja dann doch keiner. Ansonsten, bitte bei mir melden.

  • Roland Hegi am 02.08.2014 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Niveau

    Wieder der Vater, so die Tochter. Absolut kein Niveau...

  • Thomas Läubli am 10.02.2012 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bereicherung durch Steuerzahler

    Offensichtlich machen die Rechtsbürgerlichen dasselbe Spielchen seit Jahren. Sofern man ihre Interessen berücksichtigt (Rettung der Banken, Arbeitslosenkasse, Kampfjets), darf der Staat blechen. Alle anderen Staatsaufgaben stellen sie dagegen als überflüssig hin.

Die neusten Leser-Kommentare

  • reto derungs am 02.08.2014 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Nun entlich kommt das grosse abrechnen..

    erstens kann der blocher clan nicht gegen europa sein, und dennoch provitieren von dem kunstoff dass sie der Autoindustrie verkauft in deutschland, daher das was der alte blocher verkörpert europa sei nicht gut für die schweiz ist völlig falsch die schweiz kann froh sein das es europa gibt!!!!wir kommen noch auf die welt aber erst wenn wir 10% arbeitslose haben, dann hats wohl auch der hinterste depp vom alpöhiland begriffen das nur ein miteinander funktioniert siehe ukraine....

  • Roland Hegi am 02.08.2014 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Niveau

    Wieder der Vater, so die Tochter. Absolut kein Niveau...

  • Thomas Läubli am 10.02.2012 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bereicherung durch Steuerzahler

    Offensichtlich machen die Rechtsbürgerlichen dasselbe Spielchen seit Jahren. Sofern man ihre Interessen berücksichtigt (Rettung der Banken, Arbeitslosenkasse, Kampfjets), darf der Staat blechen. Alle anderen Staatsaufgaben stellen sie dagegen als überflüssig hin.

  • Alexander Eberle am 16.01.2012 21:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nun wehret Euch doch endlich!

    Die meisten regen sich jetzt darüber auf. Aber das Problem ist, schon nach wenigen Tagen überollt uns alle den Alltag, und die Blochers und Co. können in Ruhe weitermachen, sie fühlen sich sogar darin bestärkt denn wirklich etwas dagegen unternehmen will ja dann doch keiner. Ansonsten, bitte bei mir melden.

  • Aschwanden am 02.06.2009 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    Emser habt ihr vergessen was 1947 war

    Herr Blocher hat die Holzverzuckerungsfabrik, deren Besitzer Dr. Oswald war geretten und ein Unternehmen geschaffen wie im Bilderbuch gratuliere Ihnen Herr Blocher, nehmen Sie den Karren wieder an die Hand und es funktioniert

    • Ueli Meier am 19.09.2010 15:42 Report Diesen Beitrag melden

      Der alte Abzocker

      Jaja, er nimmt den Karren in die Hand und 70 Mio gleich mit. Während er Personal entlässt und früh pensioniert. Bravo! Blocher lebt den Kapitalismus, Blocher lebt die Abzocke, Blocher lebt die Ausbeutung, Blocher lebt den Lobbyismus. Er schickt nicht ein paar Lobbyisten, er geht gleich selbst nach Bern und gründet eine Partei. Das nenn ich mal den Karren an die Hand nehmen. Alter, kluger Abzocker! Blocher ich gratuliere dir!

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