Berufsbildung

25. November 2010 08:50; Akt: 25.11.2010 15:01 Print

Lehrstellen für Maturanden gefordert

von Alex Hämmerli - Weil die Lehrlinge zu viel kosten, fehlt in wichtigen Branchen der Nachwuchs. Deshalb sollen Lehrstellen für Maturanden geschaffen werden.

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In der Schweiz ist die Berufslehre weit verbreitet. Zwei von drei Jugendlichen wählen diese Ausbildung. Im kommenden Jahr werden 65 000 ihre neue Lehre antreten. Im System ist aber der Wurm drin: «Es werden nicht die Leute ausgebildet, die die Wirtschaft braucht», sagt Patrik Schellenbauer, Ökonom bei der Denkfabrik Avenir Suisse. Das Problem liege in der Kosten-Nutzen-Rechnung.

Für die meisten Betriebe lohnt es sich, Lehrlinge zu halten. Im Schnitt verdienen Schweizer Unternehmen pro Auszubildenden 6200 Franken. In manchen Bereichen sind es deutlich mehr – etwa im Verkauf. Auch Maurer bringen über die gesamte Lehrdauer einen Ertrag von 16 000 Franken, Elektromonteure sogar einen von 45 000 Franken. Die Folge: Es werden viele Lehrstellen in diesen Berufen angeboten. Untersuchungen zeigen, dass der Berufseinstieg in Lehren schwieriger ist, die sich für den Betrieb sehr lohnen. «Andererseits muss man dem Gewerbe zugute halten, dass dieses zur Lehre steht und damit vielen einen Berufseinstieg ermöglicht», sagt Bildungsforscher Emil Wettstein.

Kosten statt Gewinn

In anderen Branchen bringen Lehrlinge aber keinen Gewinn, sondern kosten nur – und zwar teils tausende von Franken: «In der Beratung, bei den Informatikern und Telekom-Fachleuten, in der Biotechnologie und dem Gesundheitsbereich wächst das Nachwuchsproblem», warnt Schellenbauer.

Obwohl der Handlungsbedarf gross ist, sind die Lösungsvorschläge rar. Avenir Suisse appelliert einerseits an die Betriebe mehr Lehrstellen anzubieten. Dass man defizitäre Ausbildungen finanziere, könne man dagegen kaum durchsetzen. «Die Kosten wären viel zu hoch», so Schellenbauer.

Lehre nach der Matura

Einen anderen Ansatz, um die Nachwuchsknappheit zu bekämpfen, präsentiert Avenir Suisse in ihrer neuen Publikation «Die Zukunft der Lehre». Gymnasiasten sollen sich demnach nach der Matura einen Lehrbetrieb suchen und während einer praktischen Ausbildung statt einer Berufsschule eine Fachhochschule besuchen. Konkret: Die Praxis wird in einem Unternehmen gelehrt, die Theorie an der Fachhochschule.

«Der Unterricht könnte blockweise stattfinden», sagt Patrik Schellenbauer, Projektmanager und Mitglied der Geschäftsleitung bei Avenir Suisse. Als Abschluss sei ein so genannter «professional bachelor» denkbar.

Mit dem neuen System will Avenir Suisse auch die «schleichende Akademisierung» der Fachhochschulen bremsen. Die Profile von Universitäten und Fachhochschulen hätten sich zunehmend verwässert, kritisiert die Denkfabrik. Für eine klarere Abgrenzung könnten Maturanden deshalb künftig analog zu einer klassischen Berufslehre während drei bis vier Jahren eine Ausbildung absolvieren.