Strukturierte Produkte

24. Februar 2012 13:57; Akt: 24.02.2012 16:31 Print

Lockvogel-Angeboten gehts an den Kragen

von B. Bruppacher - Die Finanzmarktaufsicht will Anleger besser schützen: Finanzprodukte sollen eine Art Beipackzettel erhalten, Vermögensverwalter eine Bewilligung benötigen. Die Umsetzung dauert Jahre.

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Demonstranten vor der CS in Zürich. Sie hatten mit angeblich kapitalgeschützten Produkten der Pleite-Bank Lehman Brothers viel Geld verloren. (Bild: Keystone)

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«Die Schweiz darf nicht zum Kundenschutz-Entwicklungsland werden»: Mit diesen Worten begründete der Direktor der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma, Patrick Raaflaub, am Freitag in Bern eine Regulierungsoffensive. Damit sollen die Lehren aus Fällen wie jenem mit den strukturierten Produkten der 2008 zusammengebrochenen US-Bank Lehman Brothers gezogen werden.

Hundertprozentiger Kapitalschutz oder Absolute Return: Solchen und ähnlichen Versprechen sind viele Kleinanleger aufgesessen und haben sich beim Kauf von strukturierten Finanzprodukten in falscher Sicherheit gewiegt. Noch immer herrsche bei solchen Produkten mangelhafte Transparenz und schlechte Verständlichkeit, sagte Raaflaub und verwies auf Stichproben, die die Finma vor drei Monaten erhoben hatte. Damit bestehe die Gefahr, dass Anleger Produkte kauften, die für sie nicht geeignet seien.

Probleme gibt es auch bei den fondsgebundenen Lebensversicherungen. Raaflaub verwies auf den Fall, bei dem einer 19-jährigen Lehrtochter eine Fondspolice mit Todesfallschutz angedreht wurde, und zwar obwohl der Versicherungsvermittler wusste, dass die junge Frau keine Hinterbliebenen abzusichern hatte. Als die Lehrtochter drei Jahre später die Prämie nicht mehr zahlen konnte, erhielt sie von den einbezahlten 3500 Franken gerade noch deren 300 als Rückkaufswert zurück.

Klare Aussagen zu Risikofaktoren

Die Finma hatte bereits im Herbst 2010 eine Auslegeordnung über Massnahmen gemacht, wie der Kundenschutz auf dem Finanzplatz verbessert werden könnte. Nach einer breiten Konsultation schlägt sie nun ein Paket mit drei Stossrichtungen vor. Klarere Verhaltensregeln für die Finanzplatzakteure, bessere Informationen für die Kunden und eine Ausweitung der Finanzmarktaufsicht.

Bei den Informationen will die Finma für alle standardisierten Finanzprodukte – also Aktien, Obligationen und strukturierte Produkte – eine Prospektpflicht einführen. Und zwar unabhängig davon, ob sie an der Börse kotiert sind oder nicht und ob sie in der Schweiz oder im Ausland produziert sind. Im Prospekt müssen klare Aussagen zu den Risikofaktoren gemacht werden. Hinzu kommt bei den strukturierten Produkten das Erfordernis einer kurzen und verständlichen Produktebeschreibung als eine Art Beipackzettel. Ohne englische Ausdrücke und lateinische Fantasienamen. Diese Informationen dürfen von den Anbietern auch nicht mit ihrem Werbematerial vermischt werden.

Zu den Verhaltensregeln, die die Finma ins Auge fasst, gehört eine umfassende Information über die Kosten der Dienstleistung. Das heisst auch über allfällige Retrozessionen und Kickbacks. «Eigentlich eine Selbstverständlichkeit», sagte Raaflaub und fügte hinzu: «Jedes Reisebüro muss Preise und eigene Zuschläge und Gebühren klar deklarieren.» Retrozessionen verbieten will die Finma aber nicht. Es gehe um Transparenz und nicht um Verbote, sagte Chefjurist Urs Zulauf. Nicht Eingang in die Finma-Vorschläge fand die Pflicht zur Videoaufzeichnung von Kundengesprächen, wie dies in anderen Ländern praktiziert wird. Die entscheidenden Beratungsgespräche sollen aber dokumentiert werden.

Vermögensverwalter unter Aufsicht

Ein Quantensprung steht bei der Aufsicht bevor: Sie soll auf die unabhängigen Vermögensverwalter ausgedehnt werden. Ein Anliegen, das vor allem die Banken unter dem Postulat der gleich langen Spiesse fordern. Die Finma und ihre Vorgängerbehörde Eidgenössische Bankenkommission hatten sich bisher dagegen gewehrt, mit dem Argument, dass die Unterstellung von mehreren tausend Vermögensverwaltern die Aufsicht überfordern würde. Raaflaub räumte ein, dass die Ausdehnung nur mit zusätzlichen Kapazitäten der Finma zu bewältigen sei. Vorgesehen ist weiter eine obligatorische Prüfung für alle Kundenberater.

Raaflaub ist sich bewusst, dass die Vorschläge in der betroffenen Branche kaum Enthusiasmus auslösen wird. Es handle sich aber nicht um eine Gängelung und Überregulierung der Finanzbranche. Vielmehr gehe es darum zu vermeiden, dass die Schweiz zum Anziehungspunkt für dubiose Finanzdienstleister werde und ein weiterer Reputationsschaden entstehe.

Noch handelt es sich bloss um Vorschläge der Finma, die sie nicht in eigener Kompetenz umsetzen kann. Vielmehr sind Gesetzesänderungen und der Erlass eines neuen Finanzdienstleistungsgesetzes nötig. Der Bundesrat will nach Auskunft des Departements Widmer-Schlumpf im März über das weitere Vorgehen entscheiden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dito Calverone am 24.02.2012 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Das liess lange auf sich warten!

    Strukturierte Produkte? Nie wieder! Besser wäre die Bezeichnung ´undurchsichtige Produkte´. Hatte welche, ihre Bewertung wurde jedoch im Internet sehr unterschiedlich taxiert. Es wurde immer von 'kapitalerhaltend' gesprochen, doch sie waren allesamt höchst spekulativ und - undurchsichtig! Nicht mal die Verkäuferin wusste damals im Detail Bescheid über die Funktionsweise.

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  • Benno B. am 26.02.2012 06:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Machtgeile Finanzaufsichtsbehörde! Warum wurden solche Dinge verkauft? Budgetdruck von oben, wann wird das obere Management einmal geprüft?

  • Heinz am 24.02.2012 21:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von einem extrem ins andere..

    Wenn die Entwicklung so weitergeht.., dann wird in absehbarer Zeit keine Finanzdienstleistung mehr möglich sein!! Kundenschutz JA.., Aufklärungspflicht über Risiken JA.., aber bitte vergesst nicht die Selbstverantwortung des Kunden!! Nicht immer sind die Banken an allem Schuld!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roman Kretz am 26.02.2012 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Was hat die ZV mit dem Banking gemacht?

    Es ist schon zu spät für mich,damals im Jahr 2000 sprach noch niemand von undurch- sichtigen und Risikohaften Anlagen. Aber die ZV Beworb sich damals um meine Lebens- versicherungs Auszahlung um eine gute An- lage zu gewährleisten bei dem Zürich-Banking welches derZürichVrs.gehörte. Dann schon 2001 beim crash in Newyork war alles vorbei.Das Banking wurde abgestossen samt seinen Kunden an die AIG welche selber im Dreck standen und alle Kunden hatten das nachsehen.Da wäre eine Finma am Platz gewesen aber alle hatten geschriehen selber Schuld.Nur der ZV Direktor Hüpi erhielt 10 Mil.abf

  • Benno B. am 26.02.2012 06:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Machtgeile Finanzaufsichtsbehörde! Warum wurden solche Dinge verkauft? Budgetdruck von oben, wann wird das obere Management einmal geprüft?

  • spot(t)lite zh am 25.02.2012 00:43 Report Diesen Beitrag melden

    Der Anlegerschutz bewegt sich doch !

    Endlich! Und: Zwingt die Banken, die Gewinne zu bunkern statt sie den Chefetagenversagern in den Hintern zu schieben, um bei weiteren Flops ohne Steuergelder die Kleinsparer zu 100% zu entschädigen!!

  • Heinz am 24.02.2012 21:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von einem extrem ins andere..

    Wenn die Entwicklung so weitergeht.., dann wird in absehbarer Zeit keine Finanzdienstleistung mehr möglich sein!! Kundenschutz JA.., Aufklärungspflicht über Risiken JA.., aber bitte vergesst nicht die Selbstverantwortung des Kunden!! Nicht immer sind die Banken an allem Schuld!!

  • Tom V. am 24.02.2012 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Unwissen schütz vor Strafe nicht

    Wow lasst doch einfach die Finger von solchen Produkten wenn ihr sie nicht versteht. Zum Auto fahren braucht man schliesslich auch einen Führerschein. Genau so ist es in der Finanzwelt auch, nur nicht gesetzlich verankert wie beim Auto fahren.