Dumpinglöhne

29. April 2013 21:24; Akt: 29.04.2013 22:24 Print

Lohn nach Lehre reicht nicht mehr zum Leben

von Valeska Blank - Trotz Lehrabschluss verdienen fast 150’000 Schweizerinnen und Schweizer weniger als 4000 Franken im Monat. Beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund schrillen die Alarmglocken.

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Den höchsten Anteil an Beschäftigten mit Tieflöhnen gibt es bei den Coiffeuren. (Bild: Keystone)

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Die Lehre ist ein Schweizer Erfolgsmodell in der Berufsbildung. Sie gilt als Basis für einen soliden Job und ein angemessenes Einkommen. Doch der Putz von diesem Idealbild bröckelt zusehends. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer mit einem Lehrabschluss arbeiten zu einem Tieflohn.

«Berufsleute mit einer Lehre stehen auf der Verliererseite der Lohnentwicklung», sagt SGB-Chefökonom Daniel Lampart. Schülern werde versprochen, dass sie mit einer Lehre später eine Familie ernähren können. «In Wirklichkeit gilt das nicht mehr.»

Man könne von einer regelrechten Flaute auf dem Lohnkonto sprechen, so Lampart. Die Löhne von Lehrabsolventen sind laut SGB-Berechnungen von 2002 bis 2010 nach Abzug der Teuerung um 0,4 Prozent gesunken. Zum Vergleich: Der mittlere Lohn aller Schweizer Arbeitnehmenden ist in diesem Zeitraum um 3,5 Prozent gestiegen.

«Reicht nicht mehr zum Leben»

Als Tieflohn gilt ein monatliches Einkommen von unter 3986 Franken. Knapp 12 Prozent oder 437'200 Schweizer Arbeitnehmer unterschreiten diese Marke. Besonders prekär ist laut SGB, dass 144'600 dieser Tieflohn-Angestellten einen Lehrabschluss in der Tasche haben: «Es ist alarmierend, dass das Einkommen von immer mehr Erwerbstätigen mit Lehre nicht mehr zum Leben reicht», sagt SGB-Präsident Paul Rechsteiner.

Betroffen sind immer mehr Lehrabsolventen in der Schweiz: Verdienten im Jahr 2000 noch 8,2 Prozent der Erwerbstätigen mit Lehre weniger als 4000 Franken pro Monat, waren es 2010 schon über 10 Prozent. Mit anderen Worten: Rund 40 Prozent aller «Tieflöhner» in der Schweiz haben eine abgeschlossene Lehre. Deshalb fordert Rechsteiner: «Wir wollen deutliche Lohnerhöhungen für die betroffenen Berufsleute – eine Lehre muss sich schliesslich auszahlen.»

Im Detailhandel am schlimmsten

Am meisten Mitarbeiter mit Tieflohn zählt der Detailhandel mit schweizweit 73'400 Angestellten im Jahr 2010. «Vor allem in grossen Schuh- und Kleidergeschäften gibt es viele Negativ-Beispiele », sagt Lampart. In dieser Branche hätten zwei Drittel der Angestellten mit weniger als 4000 Franken Monatslohn eine Lehre absolviert. «Offensichtlich garantiert auch eine mehrjährige Ausbildung keinen Schutz mehr vor Dumpinglöhnen», so Lampart.

Insgesamt 32 Prozent der Arbeitnehmenden im Kleider- und Schuhhandel bekommen einen Lohn unter der Tieflohnschwelle. 10 Prozent verdienen für eine Vollzeitstelle sogar weniger als 3400 Franken.

«Grosses und ungelöstes Problem»

Auf Platz zwei der Tieflohn-Hitliste folgt das Gastgewerbe, auf Platz drei die wirtschaftlichen Dienstleistungen, zu denen etwa die Reinigungsbranche zählt. Den höchsten Anteil an Beschäftigten mit Tieflöhnen gibt es bei den Coiffeuren.

Die Dumpinglöhne sind für den SGB ein grosses und ungelöstes Problem. «Es muss zu denken geben, dass rund ein Fünftel der Erwerbstätigen in Schwierigkeiten gerät, wenn eine ausserordentliche Ausgabe von 2000 Franken wie eine Zahnarztrechnung oder eine Autoreparatur zu bezahlen ist», so SGB-Präsident Rechsteiner.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Das ist ein riesengrosses Problem. Grundsätzlich gibt es immer mehr Berufe, die eine akademische Ausbildung voraussetzen. Auf der anderen Seite nehmen die Arbeitgeber, die eigenen Leute im Betrieb nicht mehr nach. Man stellt (je nach Beruf) oftmals externe, billige Uni-Absolventen ein. Die Arbeitserfahrung gewichtet heute viel weniger. Das kann es und darf es nicht sein. Unserer Arbeitgeber sollen uns gefälligst auch Möglichkeiten im eigenen Betrieb geben. – Hannes T.

Das finde ich wirklich schlimm! Und wenn ich nur daran denke, was die Leute die keine Ausbildung haben verdienen, wird mir schlecht! Das ist doch nicht fair! Die ganzen Lebensunterhaltskosten steigen (Miete auch noch!) und hier müssen Leute - zum Teil mit Familien mit einem Sklavenlohn von unter 4'000.- auskommen, beschämend! Und dann jammert der Staat, dass die Schweizer keine Kinder haben wollen, kein Wunder bei diesen Dumpinglöhnen! – Lala

Der Durchschnittsbürger muss sich schon quasi mehr Leisten. Wer mit 25 noch kein Auto, kein Smartphone und keine eigene Wohnung hat, gilt bei vielen doch als Loser. Dadurch bleibt weniger Geld. Dadurch wird man gezwungen, günstigeres zu kaufen. Dadurch können Detailhändler keine höheren Preise verlangen (weil Tiefpreis eben noch immer zieht) und Gastwirte müssen bezahlbar bleiben, da sonst die letzten Kunden (Turnvereine usw.) abwandern. Man kann nicht einfach in einem Gewerbe höhere Löhne fordern... man muss das ganze System anpassen. – Laborant

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • peter müller am 02.05.2013 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist NICHT geil

    Die Deutsche Geiz-ist-Geil Mentalität schlägt sich jetzt langsam auch auf die Schweizer Löhe durch!!

  • Chrisitan S. am 02.05.2013 09:37 Report Diesen Beitrag melden

    die einzigen die Profitieren sind

    die Top Kader sie lassen für sich arbeiten und kassieren ab. Es sollt endlich eine Umverteilung von den Lohngeldern geben zu den normal Angestellten und Arbeiter das würde auch einen wirklichen Wirtschats Aufschwung bringen, wen die Leute wieder mehr Geld zu Verfügung haben dass sie ausgeben können. Aber nicht das Geldvolumen muss wachsen sondern eine wierkliche Umverteilung. Die Menschen könnten sich wieder Heirat und Kinder leisten. Man muss an dem Schweizer Arbeitsklima mal in das Positive drehen. Auch sollten die Güter langlebiger werden was anderes ist Abzocke und Raub am Kunden

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  • Mami am 29.04.2013 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Luxus anders

    Ich habe eine Berufsausbildung im Gesundheitswesen mit Zusatzausbildung und HF Diplom. Ich bin jetzt seit 15 Jahren Familienmanagerin und verdiene keinen Lohn. Wir leben von einem Gehalt, unsere Kinder besuchen keine Krippe; somit gibt es auch nichts, was von Steuern abgezogen werden könnte. Man muss sich halt einschränken; dafür sind wir zufrieden, dass wir einander haben und gesund sind. Zeit füreinander zu haben, Picknick in der Natur, zelten am Fluss kann auch Luxus sein.

Die neusten Leser-Kommentare

  • peter müller am 02.05.2013 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist NICHT geil

    Die Deutsche Geiz-ist-Geil Mentalität schlägt sich jetzt langsam auch auf die Schweizer Löhe durch!!

  • Chrisitan S. am 02.05.2013 09:37 Report Diesen Beitrag melden

    die einzigen die Profitieren sind

    die Top Kader sie lassen für sich arbeiten und kassieren ab. Es sollt endlich eine Umverteilung von den Lohngeldern geben zu den normal Angestellten und Arbeiter das würde auch einen wirklichen Wirtschats Aufschwung bringen, wen die Leute wieder mehr Geld zu Verfügung haben dass sie ausgeben können. Aber nicht das Geldvolumen muss wachsen sondern eine wierkliche Umverteilung. Die Menschen könnten sich wieder Heirat und Kinder leisten. Man muss an dem Schweizer Arbeitsklima mal in das Positive drehen. Auch sollten die Güter langlebiger werden was anderes ist Abzocke und Raub am Kunden

    • Maria Heim am 02.05.2013 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Etwas einfach gedacht...

      ...denken Sie wirklich, dass die Kaderleute weniger arbeiten als die einfachen Angestellten? Ist Ihre Meinung nicht einfach ein Vorurteil und gründet auf nichts als Neid?

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  • Pascal F. am 02.05.2013 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    3000? Da wäre ich reich

    Ich habe einen ausgezeichneten Grundschulabschluss, eine kaufmännische Lehre. Habe mich im IT-Bereich bis zum PC Tech weitergebildet. Ich arbeite 60 Stunden in der Woche (12 Stunden am Tag um genau zu sein). Mensch ich wäre froh, wenn ich nen 3000er verdienen würde. Da wäre ich ja reich. Ich hab im Übrigen jetzt meinen Job gekündet und werde Sozialschmarotzer. Ich krieg 2850 Steine im Monat, mehr als mein Monatslohn und muss dafür nicht mal arbeiten. Verdammt genial. Ich werd das im Übrigen so lange durchziehen bis ich endlich mal fair entlohn werde

    • manu am 02.05.2013 11:05 Report Diesen Beitrag melden

      kann ich gut verstehen

      und scheint mri das einzige wirksame mittel zu sein, sobald alle ihre arbeit niederlegen wird diese auf einmal wieder geschätzt werden, ist doch mittlerweile alles selbstverständlich geworden, zeigen wir wiedereinmal dass dem nicht so ist...

    • jackybrown am 02.05.2013 11:21 Report Diesen Beitrag melden

      Ich respektiere deine Entscheidung!

      was? ich habe knapp 4500 bekommen und habe ca 1 Jahr zusammengerechnet keinen Finger gekrümmt. Und die Zeit wo ich arbeitete verdiente ich im Schnitt 6000.

    • Musikerin am 02.05.2013 12:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Super

      Das sollten alle machen. Würde bestimmt zu einem wirtschaftlichen Aufschwung beitragen! Mal im Ernst: mit Ihrer Ausbildung würden Sie bestimmt eine bessere Anstellung finden, ausser Sie haben irgendeinen Nachteil, den Sie hier nicht nennen... Strafregister, Unfreundlichkeit, soziale Unverträglichkeit...

    • Asdf am 02.05.2013 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      Just Saying

      Wenn du das KV gemacht hast müsstest du wissen das du unter dem minimallohn gearbeitet hast und somit deinen Arbeitgeber anklagen könntest

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  • G.H. am 02.05.2013 07:50 Report Diesen Beitrag melden

    weiter denken....

    Man kann leider nicht viel verdienen, aber alles in Deutschland einkaufen... Unsere Wirtschaft sollte auch unterstützt werden. Oder wie bitteschön, soll ein Unternehmen mehr Lohn bezahlen, wenn jeder nur noch denkt: Hauptsache billig, ich kaufe in Deutschland, Italien etc. ein....!!

    • Sascha am 02.05.2013 22:34 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Der Gewinn der Firmen ist doch nicht für die Arbeiter! Es kommt eh alles nur dem Management und Aktionären zugute! Also hat es eh keinen Einfluss wo ich einkaufe!

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  • Pit Rorschach am 02.05.2013 07:48 Report Diesen Beitrag melden

    Heute wie Gestern

    Heute wie Gestern. Nichts hat sich geändert, nur die Zahlen, nicht das Verhältnis. Als ich 1963 meine Lehre beendete bekam ich zwar umgehend eine Stelle, doch der Lohn war Fr. 500.--/Monat und dies 54-Std/Woche. Dieser Lohn hat auch damals nicht gereicht zum Leben. Mir blieb nur Hotel Mamma. Erst Jahre später und nach Weiterbildung verdiente ich so, dass ich heiraten konnte. Allerdings war der Zweitverdienst durch meine Frau sehr notwendig. Und heute? Dasselbe, wenn man es ins Verhältnis setzt. Die SP hat inzwischen geschlafen, nichts erreicht, bis heute nicht!