Unia wettert

08. Juli 2011 17:18; Akt: 09.07.2011 10:17 Print

Mafiöse Praktiken auf Schweizer Baustellen

Die Gewerkschaft Unia prangert das Schweizer Baugewerbe an: Es grassiere Schwarzarbeit, Lohndumping und Erpressung. Und die Baumeister würden dabei zuschauen.

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Schwarzarbeit, Lohndumping und Erpressung auf Schweizer Baustellen (Bild: Keystone)

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Dicke Post von der Unia: In der neusten Ausgabe der Zeitung «Work» schreibt die Gewerkschaft, auf Schweizer Baustellen herrschten mafia-ähnliche Zustände. Besonders betroffen sei das Tessin Schuld sei der ruinöse Konkurrenzkampf unter den Bauunternehmen.

Doch alles von vorne: Die Unia nennt in ihrer Publikation beispielhaft zwei aktuelle Fälle in Lugano, bei denen es kriminell zu und her ging.

Fall 1: Erpressung durch den Vorarbeiter

Jeweils am Zahltag machte ein Vorarbeiter auf der Baustelle des neuen Kulturzentrums in Lugano bei zehn seiner Kollegen die Runde und sammelte ihre Bankkarten ein. Dann hob er bei jedem einen Drittel des Monatslohns ab; seine Provision dafür, dass er den Italienern die Arbeit vermittelt hatte. Wer nicht spuren wollte, musste mit der Entlassung rechnen. Der Fall flog im Juni auf, weil sich ein Betroffener an die Unia wandte. Der Vorarbeiter wurde wegen mutmasslicher Erpressung und Ausbeutung festgenommen.

Fall 2: Löhne abgezweigt

Einen Ähnlichen Fall hat die Unia im Mai angezeigt: Ein italienischer Vorarbeiter habe zusammen mit einem Direktor der Luganeser Baufirma IPI insgesamt 23 Arbeiter beschissen. Die Italiener hatten einen Arbeitsvertrag mit korrekten Mindestlöhnen unterschrieben. Statt den 22 Euro bekamen sie aber nur 8 bis 12 Euro ausbezahlt. Die Differenz wanderte in die Taschen von Vorarbeiter und Direktor. Die geprellten wehrten sich lange nicht, weil sie in ihrer Heimatstadt Brescia kaum Aussichten auf eine Anstellung haben.

Weit verbreiteter «Caporalismo»

Dies seien mitnichten Einzelfälle, wettert Unia-Gewerkschafter Enrico Borelli. Er sei überzeugt, dass der «Caporalismo», also mafiöse Praktiken, im Kanton Tessin weit verbreitet seien, insbesondere die Erpressung der Bauarbeiter durch Vorarbeiter und Stellenvermittler.

Die Unia geht davon aus, dass es zu solchen Zuständen kam, weil sich die Tessiner Bauwirtschaft in einem «erbarmungslosen Konkurrenzkampf» befinde. Aufgrund der laufenden Weitervergabe von Teilaufträgen an Subunternehmen würden die Preise immer weiter gedrückt.

Ein Subunternehmen erbringt aufgrund eines Werkvertrages im Auftrag eines anderen Unternehmens einen Teil der Arbeit. Das Subunternehmen ist rechtlich selbständig und in der Art und Weise, wie es seinen Vertrag erfüllt, frei. Im Fall des oben genannten Kulturzentrums ist der Auftraggeber die Stadt selber, sprich die öffentliche Hand.

Kriminelle übernehmen den Markt

Der Bauverantwortliche der Unia im Tessin befürchtet, dass Kriminelle nun den ganzen Baumarkt für sich in Beschlag nehmen: «Den Preis für die Arbeitsbedingungen zahlen nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Baumeister und der ganze Kanton. Es besteht die reale Gefahr, dass organisierte Kriminelle den Markt übernehmen», lässt er sich von «Work» zitieren.

Der Staat solls richten

Die Unia fordert daher mehr Eingriffe durch den Staat: Die Zahl der Subunternehmen solle vom Gesetz beschränkt werden. Zudem will die Unia eine Solidarhaftung für den Generalunternehmer institutionalisieren. In diesem Fall würde der Auftraggeber für seine Subunternehmer haften.

Die grossen Bauunternehmen wollen von einem entsprechenden Eingriff nichts wissen. Beim Bauriesen Implenia etwa heisst es, die Subakkordanten müssten selber wissen was sie tun. Den selben Standpunkt vertritt der Schweizer Baumeisterverband. Eine Beschränkung der Subakkordanz verletze die Gewerbefreiheit.

(ahi)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno am 09.07.2011 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Macht doch weiter so

    Ueberlassen wir der Mafia doch das Baugewerbe und und lassen uns feuern. Ich hab nicht das geringste Mitleid wenn die Baumängel diesen und jenen in den Ruin treiben. Denn die schuldigen werden nicht Zahlen können mit den Löhnen die sie bekommen. Viel vergnügen für alle die in Zukunft bauen wollen. Unter diesen Zuständer hat kein Mensch interesse daran eine gewissenhafte Arbeit abzuliefern.

  • Hans Hagel am 09.07.2011 18:58 Report Diesen Beitrag melden

    Desaster!

    Nicht nur die Baubranche geht wegen der ach so tollen Personenfreizügigkeit und Globalisierung kaputt - ähnliche Tendenzen ebenso im Kulturbereich! Durch die Verpflichtung von Künstlern aus EU-Billigstaaten und Asien drücken die ausländischen Intendanten hierzulande die Gagen auf Dumpingpreis-Niveau! Die Leistungen der Künstler an den Theatern werden erhöht, die Löhne gesenkt! Desaströs, wenn man bedenkt, dass sowas in der teuren Schweiz möglich ist! Ein Schlag ins Gesicht eines jeden Schweizer Kunstschaffenden, der hier wohnt und auf eine angemessene Entlöhnung angewiesen ist!

  • Beat Z. aus Ober... am 09.07.2011 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    UNIA sollte besser vor der eigenen Türe wischen

    völlig verhältnislos was UNIA da veranstaltet und behauptet. Ich bin selber als nicht Unternehmer auf dem Bau tätig. Schwarze Schafe gibt es ab und zu wahrscheinlich schon, doch solche sind aber absolute Einzelfälle.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas am 10.07.2011 00:11 Report Diesen Beitrag melden

    Erpressung ist Erpressung

    Erpressung ist Erpressung, Raub ist Raub. Bei solchen Vorkommnissen sind die Subunternehmerfirmen zu schliessen, und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Für was haben wir eine Polizei und eine Staatsanwaltschaft?

  • Nachdenkender am 09.07.2011 22:35 Report Diesen Beitrag melden

    Materialentwendungen auf Baustellen

    Sind dazu nicht Insider-Informationen notwendig? Ist es technisch (noch) nicht möglich, dass teure Geräte mit Sendern versehen werden können, sodass bei einem Abtransport Alarm ausgelöst wird?

  • Bruno am 09.07.2011 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Macht doch weiter so

    Ueberlassen wir der Mafia doch das Baugewerbe und und lassen uns feuern. Ich hab nicht das geringste Mitleid wenn die Baumängel diesen und jenen in den Ruin treiben. Denn die schuldigen werden nicht Zahlen können mit den Löhnen die sie bekommen. Viel vergnügen für alle die in Zukunft bauen wollen. Unter diesen Zuständer hat kein Mensch interesse daran eine gewissenhafte Arbeit abzuliefern.

  • Hans Hagel am 09.07.2011 18:58 Report Diesen Beitrag melden

    Desaster!

    Nicht nur die Baubranche geht wegen der ach so tollen Personenfreizügigkeit und Globalisierung kaputt - ähnliche Tendenzen ebenso im Kulturbereich! Durch die Verpflichtung von Künstlern aus EU-Billigstaaten und Asien drücken die ausländischen Intendanten hierzulande die Gagen auf Dumpingpreis-Niveau! Die Leistungen der Künstler an den Theatern werden erhöht, die Löhne gesenkt! Desaströs, wenn man bedenkt, dass sowas in der teuren Schweiz möglich ist! Ein Schlag ins Gesicht eines jeden Schweizer Kunstschaffenden, der hier wohnt und auf eine angemessene Entlöhnung angewiesen ist!

  • A. Focchetti am 09.07.2011 18:47 Report Diesen Beitrag melden

    Das wird endlich Zeit!

    Hier im Tessin hat es über 52000 Grenzgänger bei einer Bevölkerung von 335'720. Und es gibt viele Firmen wo nur Grenzgänger Arbeiten, da sollte ein Kontingent von der Politik geschaffen werden. Beim Bauen Bezahlt man gleich viel wie in Zürich, dazu kommt noch das die Bauunternehmungen den grössten teil an Baumaterialien aus Italien Beziehen somit Verdienen Sie das mehrfache wie ein Bauunternehmen in der Deutschschweiz. Dafür müssen die Tessiner in die Deutschschweiz als Wochenaufenthalter Arbeiten. Was ist das für eine Politik, wo nicht einmal für das eigene Volk schaut, damit diese zuerst Arbeit haben. Sogar bei der Behörde Arbeiten Grenzgänger. Ich dachte immer die Schweiz bestehe aus vier Landessprachen, leider gibt es hier bei den Ämter die Unterlagen auf Italienisch, in der Deutschschweiz bekommt man alle Unterlagen in den vier oder drei Landessprachen.