Pferde-Seminare

30. Juni 2014 05:02; Akt: 30.06.2014 07:36 Print

Manager müssen in den Stall

von C. Landolt - Weiterbildung im Seminarraum war gestern. Heute schicken Konzerne wie Novartis oder Swiss Re ihre Führungskräfte auf den Hof. Dort lernen die Manager, wie sie ein Team führen.

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Pferde - wie hier Freiberger aus dem Schweizer Jura - sind ein erprobtes Mittel in Pferdeseminaren, um Managern ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu machen.

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Tiere sind der Spiegel der Menschen, heisst es. Pferde ganz besonders. Sie gelten als «Profis in den Bereichen Kommunikation, Führung und Teamverhalten», wie Unternehmensberater Urs Thierstein weiss. «Verbal und non-verbal ausgedrückte Gedanken und Verhaltensmuster werden vom Pferd gelesen und gespiegelt.» Nicht von ungefähr lautet ein Manager-Bonmot: Kann man das Pferd führen, kann man (vielleicht) auch den Menschen führen.

Urs Thierstein (51) ist der Pferdeflüsterer der Schweizer Manager. Bis dato hat der Dressurreiter und Ex-Banker über 1000 Führungskräften im Freien oder in der Halle gezeigt, wie man ein guter Chef, eine gute Chefin wird. Sein Mittel zum Zweck: Huftiere. «Am Führen von Pferden erkennt man die eigenen Stärken und Schwächen», erklärt Thierstein. Pferde gäben ein absolut eindeutiges Feedback.

«Pferde reagieren gänzlich aus ihrer Aufmerksamkeitskompetenz, die ursprünglich zur Einschätzung anderer Lebewesen und zum Überleben diente», meint Thierstein. «Man darf nicht vergessen: Pferde gibt es seit 60 Millionen Jahren, das bedingt ein hervorragendes Wahrnehmungsvermögen und eine gute Überlebensstrategie.»

Nur wer echt, klar und authentisch ist, dem gehorcht das Pferd. «Ein Pferd ist vorurteilslos und unbestechlich. Diese Tiere denken und handeln nicht wie Menschen, sie sind nicht nett oder karrierebewusst. Sie reagieren einfach und immer wieder neu. Sie fördern beim Menschen die eigenen Stärken», erklärt Thierstein weiter, der seit 1996 Pferde-Seminare für Privatpersonen, Firmen und Jugendliche in Nöten anbietet.

80 Kilo Mensch gegen 700 Kilo Tier

Die Kurs-Teilnehmer verbringen ein bis zwei Tage mit den Pferden. 80 Kilo Mensch treten gegen schätzungsweise 700 Kilo Pferd an. Die Führungskräfte werden dabei gefilmt, wie sie mit dem Tier umgehen – Big Brother im Pferdestall. Narzissmus aber ist da fehl am Platz, er verflüchtigt sich von selbst, wenn die Teilnehmer ihre Videos analysieren: «Ärgere dich nie über ein Pferd, ebenso gut könntest du dich über deinen Spiegel ärgern», sagt Thierstein. An den Filmen erkennen die Pferde-Seminar-Teilnehmer ihre Vehaltensmuster und können versuchen, sie aufzulösen. «Man kann 50'000 Bücher über Führung lesen, aber wenn Bilder das eigene Verhalten spiegeln, ist der Effekt viel nachhaltiger.» Ausserdem würden Führungskräfte ein Feedback vom Tier leichter akzeptieren als von einem Coach.

Das Resultat ist keine tiefschürfende Persönlichkeitsanalyse, sondern eine Art Reset. Der Mensch, so Thierstein, lerne, sich wieder zu spüren statt nur zu verhalten. Danach seien alle Teilnehmer ruhiger und innerlich geerdet. Thierstein nennt es die «Klarheit im Sein» – unabdingbar für den Schritt in die Chefetage.

Thierstein, der einst den Pferdeverein Bern präsidierte, hatte bis dato über 1000 Führungskräfte auf der Pferdekuppel. Zu seinen Kunden gehören Firmen wie Novartis, BASF, Rieter, Credit Suisse und die Schweizer Paraplegiker-Gruppe Nottwil. Dort steht man der Methode positiv gegenüber, ein weiterer Kurs ist geplant. Laut PR-Leiterin Anita Steiner hätten Menschen, die Tiere gernhaben, diesen Kurs als Bereicherung und als eine besondere Art, sich dem Thema Führung anzunähern, empfunden. «Andere haben dies eher kritisch betrachtet und sich gefragt, ob ein erfolgreicher Umgang mit einem Pferd auch automatisch bedeutet, eine gute Führungsperson zu sein», so Steiner zu 20 Minuten.


Quelle: CTS Group