Engpässe

17. Juli 2018 19:45; Akt: 17.07.2018 19:45 Print

Schweizer Spitälern gehen die Medikamente aus

von Isabel Strassheim - Die Engpässe bei Medikamenten und Impfmitteln nehmen zu. Fast 400 verschiedene Präparate fehlen. Wieso –und was passiert jetzt?

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Die Engpässe in der Schweiz treffen wichtige Medikamente und Impfungen: aktuell das Bluthochdruckmittel Valsartan, immer wieder Spitalantibiotika oder Kinderimpfungen wie Poliorix und Infanrix. «Je mehr Konkurrenz es auf dem Markt gibt und je günstiger die Präparate werden, desto häufiger kommt es zu Lieferschwierigkeiten», sagt der Spitalapotheker Richard Egger zu 20 Minuten. Er gehört mit H-pharm zur grössten Einkaufsgemeinschaft von Schweizer Spitälern.

Aktuell werden laut der Website Drugshortage.ch des Spitalapothekers Enea Martinelli fast 400 Medikamente und Impfstoffe von den Pharmafirmen nicht mehr geliefert, und sie werden in Apotheken und in Spitälern knapp. «Wenn sich die Lage so weiterentwickelt, haben wir 2018 doppelt so viele Engpässe wie im Vorjahr», warnt Egger.

Warum nimmt der Medikamentennotstand derart zu?

• Die Pharmakonzerne stellen die Grundwirkstoffe nicht selbst her, sondern beziehen sie aus Asien, meist aus China und meist von wenigen Herstellern. Fallen dort Lieferanten aus, spüren das die Pharmaproduzenten auf der ganzen Welt. Bei einem gängigen Blutdrucksenker kam es beim chinesischen Hersteller zu Verunreinigungen, aktuell können deshalb verschiedene Pharmahersteller rings um den Globus das Medikament Valsartan nicht mehr produzieren. Nur einige der Anbieter in der Schweiz, die ihren Wirkstoff von einem anderen Hersteller beziehen, bleiben lieferfähig.

• Auch bei den Pharmakonzernen selbst hat sich die Produktion konzentriert und findet meist nur noch in einem Werk statt. Kommt es dort zu Problemen wie bei BASF in Texas beim Schmerzmittel Ibuprofen, fällt die gesamte weltweite Produktion aus.

• Die Pharmahersteller wollen Gewinne machen und beliefern bevorzugt die Staaten, wo die Preise für ihr jeweiliges Medikament am höchsten sind.

• Bei günstigen Nachahmer-Medikamenten (Generika) kommt es häufiger zu Engpässen, weil mit engen Gewinnmargen kalkuliert werden muss und die Lager tiefgehalten werden. Probleme in der Produktion und mit den benötigten Wirkstoffen schlagen deshalb sofort auf den Markt durch.

• Bei Impfstoffen hat die Nachfrage weltweit stark zugenommen, so dass die Firmen mit der Herstellung nicht nachkommen. Die Produktion einer Impfstoffcharge kann mehr als ein Jahr betragen, der Bau eines neuen Werkes dauert rund zehn Jahre.

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Mehr lagern, importieren, anpassen

Wie reagieren die Spitäler auf die zunehmend grassierende Knappheit? Sie versuchen ihre Lager hochzufahren. Spitalapotheker Egger hält Vorräte für ein bis zwei Monate. «Das ist zwar teuer und entspricht nicht den aktuellen ökonomischen Vorgaben, aber so können wir wenigstens Lieferengpässe von einigen Wochen überbrücken.» Impfstoffe für Kinder werden wenn möglich aus dem Ausland importiert. In Absprache mit den Spezialisten werden die Impfschemas der Kinder an die verfügbaren Impfstoffe angepasst.

Für Antibiotika, die über Monate nicht geliefert werden, passen Spitäler mit den Infektiologen zusammen die Therapien an: «Bestimmte Antibiotika werden restriktiv nur noch für gezielte Indikationen eingesetzt», betont Egger.

Es gibt aber auch Fälle, wo Medikamente wegen der Knappheit auf andere wirkstoffgleiche Präparate oder andere Wirkstoffe umgestellt werden müssen. «Ärzte und Pflegende müssen dann informiert werden. Die Umstellung auf Medikamente mit anderem Namen bedeutet immer viel Aufwand und ist ein erhöhtes Fehlerrisiko», sagt Egger.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • .Nicolas. am 17.07.2018 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    danke für die info

    aha, in Asien günstig einkaufen, hier in die Pillen Form pressen / abfüllen und teuer verkaufen. ... das weckt vertrauen. ...

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  • Soleil am 17.07.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber produzieren

    Hört das eigentlich nie auf, immer alles auswärts vergeben und dann läuft nichts mehr richtig, produziert doch in unserem Land, auch wenn es dann den Gewinn der Oberen schmälert

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  • Jochum am 17.07.2018 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon lustig

    Auch schweizer pharma multis beziehen die grundstoffe aus billigländern, trotzdem sind unsere medis gut 50% teurer als in nachbarländern...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr. Tod am 18.07.2018 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das System ist krank

    Ein lösungsansatz wäre zum Beispiel statt immer nur medis zu verschreiben, die Ursachen der Krankheiten zu ergründen. Evtl. braucht man dann 50 % weniger Medikamente und spart enorm viel Geld. Das heutige System scheint die Ursache vieler Krankheiten zu sein.

  • Fraz am 18.07.2018 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sofort wieder abzählen!

    Vielleicht müsste Mal darüber nachgedacht werden, die Pillen wieder abzuzählen die ein Patient verbrauchen darf / kann / soll. Es ist ja geradezu unverschämt, welche Mengen an Medis im Abfall landen, weil mehr verschrieben oder abgegeben wird als nötig ist. ALLES bezahlt vom Prämienzahler übrigens....

    • René am 18.07.2018 14:17 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht ganz so einfach

      Medis müssen der Patientenschaft in einer ordentlichen Verpackung (mit Verfallsdatum, Dosis etc.) abgegeben werden. Zudem muss sich in der Schachtel ein Beipackzettel befinden. Regelkonform umverpacken kostet Zeit und damit auch Geld.

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  • Maja Pille am 18.07.2018 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Soso

    Das ist natürlich nicht gut, wenn Medikamenten fehlen. Auf der anderen Seite kann der Bund dann nicht sagen die KK Versicherer haben mehr konsumiert und darum steigen die Prämien. Wenn nichts zu konsumieren da ist, kann auch nichts abgerechnet werden.

  • Ex Schweizer am 18.07.2018 12:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Die Gäste wollen ja alle umsorgt werden und das um sonst.Dann würd ich auch immer ins Spital rennen. Zum glück wächst das Geld in der Schweiz an "Steuerbäumen". Alle selber schuld.

  • Walt1 am 18.07.2018 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Ende

    Klar werden die Medikamente immer teurer. Habe mal eine Doku gesehen. Eine Firma in Amerika hatte ein Monopol auf ein Medikament und in wenigen Jahren wurde der Preis um bis zu 700% erhöht. Wer sagt mir, dass hier nicht gekünstelt wird mit diesen Engpässen? Heute wird der Profit oft so hochgeschrieben, dass z.T. die Gesundheit der Menschen gar nicht mehr beachtet wird. Nur hoffe ich, dass es nicht so ist, wie ich hier schreibe und ich falsch liege.

    • Didi Weidmann am 18.07.2018 13:01 Report Diesen Beitrag melden

      Der Gesetzgeber muss handeln!

      Leider liegen Sie wohl richtig! Irgendwann muss man dem mit Notstandsgesetzen einen Riegel schieben. Etwa ein Passus im Patentrecht, dass eine Firma ihre Patentansprüche verliert, wenn sie ein Medikament nicht liefern kann! Da es um die Grundversorgung geht, muss für lebenswichtige Medikamente notfalls der Staat in die Bresche springen und im Land selbst eine Notproduktion sicherstellen!

    • Insider am 18.07.2018 18:09 Report Diesen Beitrag melden

      Arbeite in Biotechbranche

      Es wurde ja gehandelt, der Typ wurde verurteilt. Und die US-FDA lässt "massive" Preiserhöhungen nur zu, wenn das Produkt einen deutlichen Mehrwert für Patienten und Gesundheitswesen bietet, sonst sind solche Preisfantasien auf bestehenden Produkten gar nicht mehr möglich.

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