NYSE & Deutsche Börse

16. Februar 2011 15:28; Akt: 16.02.2011 15:35 Print

Mehr Übernahme als Fusion

Die Börsenwelt bekommt einen neuen Riesen. Während Deutschland feiert, kritisieren US-Politiker die Fusion der New Yorker mit der Deutschen Börse als Übernahme der Wall Street.

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Rudolph Giuliani und Georg Bush posieren 2001 vor der New York Stock Exchange. (Bild: Keystone)

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Des einen Freud, des anderen Leid. «Die Wall Street wird deutsch», feierte «Süddeutsche.de» den Zusammenschluss der New York Stock Exchange (NYSE Euronext) mit der Deutschen Börse. Die Frankfurter werden am neuen Unternehmen 60 Prozent der Aktien halten, die Amerikaner lediglich 40 Prozent. Und auch im 17-köpfigen Verwaltungsrat des neuen Gemeinschaftsunternehmens sind die Deutschen mit zehn Sitzen überlegen.

Die Amerikaner zeigen sich ob dieser Dominanz wenig erfreut. Aus ihren Reihen kommt zwar der neue Chef der Mega-Börse, Duncan Niederauer, der derzeit der New Yorker Börse vorsteht. Dies ist US-Politikern aber nicht genug. Laut Kommentatoren wird die Fusion in den USA als Übernahme der Wall Street durch die Deutsche Börse verstanden. Es sei als ob die Freiheitsstatue verkauft werde, sagte ein Händler. Und der Kongressabgeordnete Ted Deutch aus Florida wetterte: «Es gibt eine amerikanische Tradition, die nationalen Heiligtümer zu schützen.» Man müsse darum die Wall Street beschützen.

Der Zusammenschluss nagt am Nationalstolz der Amerikaner. Dass das Herzstücks der US-Finanzwelt, die 1792 gegründete New York Stock Exchange, plötzlich in Deutschen Händen ist, sorgt für Unmut: «Die USA haben sich das nächste blaue Auge geholt», sagte der US-Milliardär Donald Trump in einem TV-Interview.

Vorschlag «Wall Strasse»

Die Amerikaner sorgen sich auch um die Konzernbezeichnung des künftigen Börsengiganten. Der New Yorker Senator Charles Schumer, der im Bankenausschuss sitzt, fordert, dass im Namen des Gemeinschaftsunternehmens zuerst die Buchstaben NY stehen. Für ihn ist die New Yorker Börse ein «Symbol nationalen Prestiges und die Wiege des amerikanischen Kapitalismus». Fakt ist: Die beiden Partner waren sich über den Namen uneinig, weshalb dieser Punkt in den Verhandlungen ausgeklammert wurde. Der offizielle Titel in den Fusionsgesprächen lautete darum neutral «The Premier Global Exchange Group». Die «New York Post» nimmt den Namensstreit mit Humor und schlug unlängst «Wall Strasse» vor.

Die Chefs der beiden Unternehmen, Reto Francioni von der Deutschen und Duncan Niederauer von der New Yorker Börse betonten, dass kein Partner den anderen dominieren würde. Die Amerikaner reagieren auf solche Aussagen mit Skepsis. Beim Zusammengehen der beiden Autogiganten Daimler und Chrysler im Jahr 1998 war auch von einer Fusion unter Gleichen die Rede. Der damalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp sprach von einer «Hochzeit im Himmel». Die Ehe endete 2007, als Daimler den US-Autobauer Chrysler mit Millionenverlusten verkaufte.

Hoffnung auf Derivatemarkt

Eine Liebesheirat ist der Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der NYSE nicht. Es geht um Kosteneinsparungen von 300 Millionen Euro, hauptsächlich im Informatikbereich. Eine Fusion der beiden Börsen stärkt aber vor allem deren Position im internationalen Markt. Falls die Aufsichtsbehörden dem Deal zustimmen, wäre «The Premier Global Exchange Group» die grösste Derivatebörse der Welt. Die Hoffnung: Mit der dominierenden Stellung im Derivatehandel könnte die Riesenbörse die rückläufigen Gebühreneinnahmen aus dem Aktienhandelsgeschäft auffangen.

(sas)