Ferien-Initiative

17. März 2011 16:48; Akt: 17.03.2011 16:53 Print

Mehr Ferien bringen nicht unbedingt mehr

von Elisabeth Rizzi - Die Gewerkschaft Travail Suisse fordert sechs Wochen Ferien für alle. Experten warnen vor einem Bumerangeffekt und stellen infrage ob mehr wirklich mehr ist.

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Lieber weniger Stress bei der Arbeit als länger am Ferienstrand liegen? (Bild: Keystone)

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Die Schweizer haben den geringsten Ferienanspruch in ganz Europa: Heute verpflichtet das Obligationenrecht die Arbeitgeber nur, mindestens vier Wochen Ferien im Jahr zu gewähren. Damit ist Travail Suisse, der Dachverband von 170 000 Arbeitnehmenden, nicht einverstanden. Er fordert mit seiner Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle» mehr Erholung und Ausgleich. Am Donnerstag hat der Nationalrat als Erstrat darüber debattiert – und das Begehren abgeschmettert. Chancenlos war auch der Gegenvorschlag von fünf Wochen Ferien.

Tatsächlich hatten die Menschen nie mehr Freizeit als heute: Zur Zeit der Industrialisierung waren noch Sechstagewochen für die Arbeiter normal. Und für Bauernfamilien waren (und sind teils immer noch) Ferien lange ein Fremdwort.

Immer stärkere Verdichtung

Doch das ist nach Ansicht von Experten nicht der springende Punkt. «Entscheidend ist nicht allein die Länge der Arbeitszeit, sondern der Zeitdruck innerhalb der geleisteten Arbeitszeit. Jemand der in zehn Stunden viel Zeit für seine Arbeiten hat, ist weniger belastet, als ein anderer, der dieselbe Arbeit in acht Stunden leisten muss», erklärt Dieter Kissling vom Institut für Arbeitsmedizin ifa.

Wissenschaftler zeigen darum durchaus Verständnis für die Volksinitiative. «Die Arbeit hat sich immer mehr verdichtet. Das heisst: Innert kürzerer Zeit müssen wir immer mehr leisten. Dadurch ist die Belastung gestiegen», sagt Simone Grebner, Professorin für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Zudem hat die emotionale Belastung zugenommen. Heute arbeiten die Menschen nämlich vor allem mit Menschen und nicht mehr mit Maschinen», so Kissling.

Teurer Stress

Tatsächlich kostet Stress die Schweizer Volkswirtschaft laut einer Studie des Staatsekretariats für Wirtschaft Seco 4,2 Milliarden Franken im Jahr. Vier bis fünf Prozent aller Erwerbstätigen gelten als Burnout gefährdet. Und die Zahl der psychisch Invaliden hat sich seit Anfangs der Neunzigerjahre um gut 80 Prozent erhöht.

Ein ausreichendes Ausmass an Erholung halten beide Experten darum für zentral. «Fehlende Erholung erhöht das Krankheitsrisiko und zwar bis hin zu Herzkreislaufkrankheiten und Diabetes», warnt Grebner. Jede Woche mehr Erholung sei vor diesem Hintergrund zu befürworten. «Mehr Ferien bringen immer mehr. Denn selbst bei Personen, deren Pensum nicht reduziert wird, bedeuten die Ferien mehr Zeitspielraum. Man kann die Arbeit also besser verteilen», findet sie.

Grebner glaubt, dass die Schweizer Volkswirtschaft durchaus ohne Verluste mehr Ferien vertragen würden, wenn gleichzeitig die Arbeitsbedingungen optimiert werden. Sprich: Es müssten Entscheidungsspielräume der Erwerbstätigen erhöht, angemessen die Wertschätzung gesteigert und unnötige Belastungen abgebaut werden. «Schliesslich ist die Produktivität in den USA nicht höher als in Deutschland. Und das, obwohl die Deutschen 30 Tage im Jahr Ferienanspruch haben und die Amerikaner meist höchstens 15 Tage freinehmen»

Nicht zwingend mehr Erholung

Für Kissling sind dagegen einzig mehr Ferien nicht zwingend mehr Erholung. «Bei der Personengruppe mit 12 Wochen Ferien – den Lehrern – ist die Burnoutquote besonders gross. Das zeigt, dass mehr Ferien allein nicht nützen», ist er überzeugt.

Der Arbeitsmediziner plädiert ohnehin dafür, das Ferienbedürfnis individuell zu betrachten. «Für Personen, die geregelte Arbeitszeiten und eine geringe Belastung haben, reichen die gesetzlichen vier Wochen völlig aus», findet er.

Bumerang-Effekt

Eine einzige Woche mehr Ferien bringe dagegen Angestellten mit Zwölfstundentagen und Sechstagewochen zu wenig. Hier wären laut Kissling mindestens acht Wochen im Jahr nötig. Notabene, wie das Beispiel der Lehrer zeigt, ohne Garantie für einen massiven Rückgang der Burnout-Fälle. Denn Erholung hängt auch massgeblich von den Arbeitsbedingungen ab.

Zudem warnt Kissling davor, dass mehr Ferien auch zum Bumerang werden könnten: «Müssten die Angestellten für Ihre Ferien während der restlichen Arbeitszeit mehr leisten, können mehr Ferien sogar schädlich sein.» Dass aber die Arbeitgeber kompensatorisch mehr Mitarbeitende anstellen, ist wenig wahrscheinlich. So liess denn auch in der heutigen Nationalratsdebatte das Gewerbe verlauten, man könne sich sechs Wochen Ferien schlicht nicht leisten. «Gut möglich, dass stattdessen Lohnkürzungen zum Zug kommen», vermutet Kissling. Daran wiederum dürften die Gewerkschaften wenig Freude haben.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • witzi am 17.03.2011 15:42 Report Diesen Beitrag melden

    witz

    "Zudem habe er den Eindruck, dass der Stress gar nicht primär am Arbeitsplatz entstehe, sondern in der Freizeit" - Das ist ein Witz oder?

  • dudu am 21.03.2011 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Frage!?

    Liebe Leute, Leben wir für die Arbeit oder arbeiten wir um leben zu können? In der heutigen Gesellschaft, so scheint mir, ist das einzig wichtige...GELD. Klar ist Geld wichtig, das ist unbestreitbar, aber die lieben Wirtschaftsfachleute & Bosse sollen mal einen Gang runterfahren, ihr Leben geniessen, Zeit mit Familie und Freunde verbringen. Setzt doch mal prioritäten und die, liegen bei mir nicht in der Arbeit.

  • upjj am 18.03.2011 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    wer bezahlt das

    hat jemand überlegt, wer die ausfallende arbeitszeit übernimmt. sollten mehr personen angestellt werden müssen, so müssten zwangsläufig auch die löhne angepasste werden. die hitliste der ferienansprüche stinkt. es sagt nicht aus über wochenarbeitszeit und lohnniveau aus. wer mehr ferien hat braucht auch mehr geld. also auch da beisst sich die katze in den schwanz. es ist halt ein populäres begehren für die linken. kurzfristig jubeln alle, langsfristig wird es nicht aufgehen. da lehrer eine geschützte sprezies ist, kann dies nicht als vergleich genommen werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Monika am 23.03.2011 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    5 Wochen

    tja.... ich wäre schon mit 5 Wochen Ferien zufrieden, ich hatte die letzten Jahre immer nur 4 Wochen... aber gewisse Menschen können nie genug bekommen :-(

  • richard leber am 21.03.2011 14:15 Report Diesen Beitrag melden

    peu à peu

    Warum musste man gleich 6 Wochen disskutieren? 5 hätten doch auch gereicht. in der schweiz muss alles peu à peu gehen und nicht gleich auf fünfer und s'Weggli machen!

  • John Doe am 21.03.2011 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    Angstmacherei

    Früher hatte man auch in der Schweiz nur 2 Wochen oder weniger, fragt mal eure Grosseltern! Und oh welche Wunder, unsere Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen als alle 4 Wochen bekommen haben. Also hört auf mit der Angstmacherei und stimmt JA!

  • dudu am 21.03.2011 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Frage!?

    Liebe Leute, Leben wir für die Arbeit oder arbeiten wir um leben zu können? In der heutigen Gesellschaft, so scheint mir, ist das einzig wichtige...GELD. Klar ist Geld wichtig, das ist unbestreitbar, aber die lieben Wirtschaftsfachleute & Bosse sollen mal einen Gang runterfahren, ihr Leben geniessen, Zeit mit Familie und Freunde verbringen. Setzt doch mal prioritäten und die, liegen bei mir nicht in der Arbeit.

  • Wenzin am 21.03.2011 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht

    sollte Herr Hassler sich statt von "Eindrücken" mehr von Tatsachen leiten lassen? Seine Argumentation entbehrt nicht einer gewissen Arroganz.