Schliessung SBB Cargo

06. Juni 2012 18:29; Akt: 06.06.2012 18:39 Print

Mehr Güter auf der Strasse

Notorisch rote Zahlen zwingen die SBB 128 Güterverladebahnhöfe zu schliessen. Als Folge daraus werden mehrere Tausend LKW-Fahrten pro Jahr zusätzlich über die Strassen rollen.

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Durch die Schliessung der SBB Cargo-Bahnhöfe wird weiterer Verkehr auf die Strasse verlagert. (Bild: Keystone)

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Das Gütertransportunternehmen SBB Cargo baut seinen Service im Wagenladungsverkehr ab. 128 der 500 Verladebahnhöfe werden ab Dezember nicht mehr bedient. Eine Teil der betroffenen Kunden wird auf die Strasse ausweichen müssen.

Die Streichung der Bedienpunkte kommt nicht überraschend. Schon seit Jahren möchte SBB Cargo sein Verladenetz verkleinern, war aber zunächst von der Politik gestoppt worden. Absehbare Folge der Massnahme sind nämlich zusätzliche Lastwagen auf der Strasse, was den erklärten Zielen der Schweiz in der Verkehrs- und Umweltpolitik zuwiderläuft.

Rote Zahlen

Andererseits macht die Politik der SBB, deren Gütertransportsparte seit Jahren rote Zahlen schreibt, finanzielle Vorgaben. Der Bundesrat hat SBB Cargo darum im Frühling sein Einverständnis zur Verkleinerung des Verladenetzes signalisiert. Damit macht das Unternehmen nun ernst.

Ab dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2012 wird SBB Cargo an 128 Bedienpunkten keine einzelnen Güterwagen oder Wagengruppen mehr zustellen oder abholen, wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Besonders betroffen sind die Kantone Bern, Zürich und Thurgau.

Ursprünglich wollte SBB Cargo 155 Bedienpunkte dichtmachen. In Verhandlungen konnten für einige davon aber Lösungen gefunden werden. Der Abbau kostet zudem 200 Stellen. Davon betroffen sind 100 Mitarbeitende von SBB Cargo. Für diese sollen interne Lösungen gefunden werden, Entlassungen gibt es keine.

Mehr Lastwagenverkehr

Von der beschlossenen Massnahme besonders betroffen sind die Holz- und Zementbranche sowie die Landwirtschaft. In diesen Branchen fällt oft zu wenig oder zu wenig regelmässig Ware an, die transportiert werden könnte. Nach Angaben von SBB Cargo verkehrt an den nicht mehr bedienten Verladebahnhöfen im Schnitt weniger als ein Wagen pro Tag.

Das Unternehmen schätzt, dass rund 2 Prozent des Volumens von knapp 200 000 Tonnen pro Tag nicht mehr transportiert wird. Ein grosser Teil der Waren, die von SBB Cargo nicht mehr abgeholt oder zugestellt werden, dürfte in Zukunft wieder per Lastwagen verkehren. Rechnet man die Angaben von SBB Cargo hoch, handelt es sich um einige Tausend Fahrten pro Jahr.

Der Solothurner SP-Nationalrat und SEV-Gewerkschaftssekretär Philipp Hadorn (SO) befürchtet, dass es Zehntausende sein könnten. Für ihn geht der Abbau darum in eine völlig falsche Richtung, wie er auf Anfrage der SDA sagte.

Kein Präjudiz

Der Entscheid widerspricht auch den politischen Vorgaben des Parlaments. Vor gut einem Jahr hatten die eidgenössischen Räte vom Bundesrat eine Gesamtkonzeption für die Förderung des Schienengüterverkehrs im Flachland verlangt. Ziel des Vorstosses ist es, den Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene mindestens zu halten.

Dass SBB Cargo mit Unterstützung des Bundesrats nun vollendete Tatsachen geschaffen hat, stösst nicht nur Hadorn sauer auf. Markus Hutter (FDP/ZH), Präsident der Verkehrskommission des Nationalrats, kritisiert die fehlende politische Führung. Eine Auslegeordnung sei längst überfällig.

Beim Bundesamt für Verkehr sieht man in der der Schliessung von Verladepunkten jedoch kein Präjudiz für die vom Parlament geforderte Gesamtkonzeption. Diese soll noch vor Ende Jahr in die Vernehmlassung gehen, wie ein Sprecher sagte.

Langfristige Folgen

Der Entscheid von SBB Cargo stellt aber nicht nur die Politik vor Probleme. Die von der Nachrichtenagentur SDA befragten Unternehmen Migros, Coop und fenaco, die zu den grössten Kunden der SBB-Tochter gehören, verlieren einige Verladepunkte und müssen in Zukunft wieder mehr Waren auf der Strasse transportieren.

Mit den ausgehandelten Lösungen zeigten sie sich aber weitgehend zufrieden. Probleme dürften vor allem kleinere Kunden haben, wie Franz Steinegger, Präsident des Verbands der verladenden Wirtschaft (VAP), auf Anfrage sagte.

Für bedenklich hält er jedoch vor allem die langfristigen Folgen des Entscheids. Logistik funktioniere immer als System. Wenn einige Bedienpukten wegfielen, könne es sein, dass das ganze System umgestellt werde, sagte er.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • chruzi am 06.06.2012 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    Verlagerung des Güterverkehr auf Strasse

    Wie war das mit der Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Bahn?? Aber wenn die Zahlen nicht stimmen, ist es egal, dass alles wieder auf die Strasse kommt! Es steckt halt doch immer nur das Geld hinter jedem Entscheid und nicht der Umweltgedanke!!

    einklappen einklappen
  • C.S. am 06.06.2012 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    mal so, mal so

    Es war einmal, da wollte man die Gütertransporte auf die Schiene zwingen, ( will man immer noch ) aber nun abbau der Dienstleistung auf der Schiene, da könnt Ihr euch auf der Strasse schon mal schön auf die kommenden Staus einstellen, da die im Beitrag angeführten 200 Lkw nur ein bruchteil dessen sind die nun auf die Strasse ausweichen MüSSEN !!!!, aber der BR denkt offenbar dass mehr Lkw`s auf der Strasse auch Mehreinnahmen in Form von Steuern anfallen, die er dann zusammen mit dem Ertrag der teurern Autobahnvignetten der SBB reinschieben kann, nur nicht in die Strasse Investieren.

  • Bähnler am 06.06.2012 13:34 Report Diesen Beitrag melden

    Für Güter die Bahn...

    oder neu heisst es, Güter auf die Strasse. Oder wie soll man das verstehen. Milliarden über Milliarden CHF verlochen wir für die Bahn Infrastruktur usw. Das Verlagerungsziel bleibt so eine Utopie. Jetzt ist mir auch klar, wieso im Werbespott SBB (Welcome Home) so wenig Güterverkehr zu sehen ist. Die Bahn will keine Güter transportieren, sondern nur Personenverkehr abwickeln. Das wird auch Dauer nicht funktionieren.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Werner F. am 06.06.2012 23:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ehem. Fachkader SBB Cargo CLZ

    Mit kleinen Schritten habt Ihr besserwissenden Dilletanten der SBB Cargo ganz langsam an die Wand gefahren. Gratuliere und kondoliere zugleich, denn bald wird es die SBB Cargo nicht mehr geben. Warum auch. Die Konkurrenz ist eben besser und Kunden freundlicher. Der Kaufnteressent steht sicher schon mit einem Bein in der Tür. Dann braucht Ihr euch nicht mehr mit diesem "unrentablen" Geschäft abzumühen. Hiermit Grüsse ich Theo, Kurt und Aldo von der SBB Cargo CLZ. Mich und andere MA wurden ja krank gemobbt, weil wir unseren Job zu gut machten. Danke.

  • Hans am 06.06.2012 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    CO2 Ausstoss ist ein Papiertiger, gell!

    Wundert mich nicht, mit Leuten aus der Lastwagen-Lobby im Verwaltungsrat der SBB Cargo.

  • Gordon Gin am 06.06.2012 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Schon seltsam

    Es schon seltsam, dass gerade bei einem solchen Thema dann plötzlich die Klimakatastrohpe gar nicht mehr so schlimm ist... oder warum sonst lässt der Bund es zu, dass noch mehr Lastwagen fahren? Wir werden doch von der Politik nach Strich und Faden veräppelt! Vermutlich ist einfach alles nur eine grosse Lüge! Wir sollten kritischer werden und nicht mehr jeden seichten Mist glauben, den uns die Politik und die Medien sowie hochstudiert "Fachleute" verzapfen wollen!

  • Mona am 06.06.2012 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Kompletter Fehlentscheid

    Wir haben ja freie Fahrt und keinerlei Stau auf den Autobahnen. Mit allen Kräften müsste daran gearbeitet werden soviele Güter wie möglich auf die Schiene zu verlagern, anstelle Bedienpunkte abzuschaffen. Das ist ein Komplettversagen von Politik und SBB.

    • Tony am 06.06.2012 21:44 Report Diesen Beitrag melden

      Unlogisch, mehr Belastungen

      Genau! Verkehrsüberlastung, Umweltbelastung.. absolut unlogisch.. Sollte man fast über eine Initiative für (viel) weniger Güterverkehr im Strassennetz nachdenken.

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  • Mark am 06.06.2012 19:28 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Frage der Rentabilität

    Das ist letztlich eine Frage der geforderten Rentabilität. Migros & Co schliessen Filialen, die zu wenig verkaufen. Aber die SBB soll die Infrastruktur eines Bahnhofs für 20 Güterwagen im Jahr im Schuss halten? Alle, die jetzt schimpfen, werden auch in diesem Fall ausrufen und von Geldverschleuderung reden. Letzlich ist es aber keine Gute Entwicklung im Sinn der Verlagerung auf die Bahn.