Nobelpreisträger am Pranger

15. Dezember 2010 21:01; Akt: 15.12.2010 21:01 Print

Mikrokredit-Erfinder Yunus in der Kritik

von Sandro Spaeth - Muhammad Yunus ist gefeierter Nobelpreisträger. Nun steht er im Verdacht, Entwicklungsgelder veruntreut zu haben. Doch seine Idee wird überleben: Sie ist zum Big Business geworden.

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Muhammad Yunus am World Economic Forum in Davos. (Bild: Keystone)

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Wenn eine Inderin Geld erhält, damit sie eine Kuh anschafft, deren Milch sie verkauft, ist das genau im Sinn von Mikrokredit-Erfinder Muhammad Yunus. Sein Ziel ist arme Menschen dank Kleinstkrediten zu Unternehmern zu machen. Yunus’ Idee war von Erfolg gekrönt: 2006 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis und wurde in seiner Heimat Bangladesh zum Volksheld.

Nun steht die Identifikationsfigur aber mit dem Rücken zur Wand. Ihm wird Veruntreuung von Entwicklungsgeldern vorgeworfen. Den Fall ins Rollen brachte der norwegische TV-Sender NRK mit dem Beitrag «Gefangen im Mikrokredit». Die Vorwürfe: Die von Yunus gegründete Grameen Bank soll zweckgebundene Entwicklungsgelder unter anderem aus Norwegen, Deutschland und den USA ohne Wissen der Geber in andere Projekte gesteckt haben. Konkret soll Yunus 1996 umgerechnet 100 Millionen Dollar in ein Tochterunternehmen transferiert haben.

Mikrokredit für Hochzeit

«Die Vorwürfe wegen Veruntreuung sind aus der Luft gegriffen und ohne jede Grundlage», betonte der Nobelpreisträger bei einer Pressekonferenz in seiner Grameen Bank in Dhaka. Den Geldtransfer streitet Yunus aber nicht ab. Man habe das Tochterunternehmen als eine Art Kontrollinstanz für die Bank genutzt, um die Angestellten zu finanzieller Disziplin zwingen, begründet Yunus sein Vorgehen laut «Spiegel».

Genau diese Disziplin liessen zuletzt immer mehr Anbieter von Mikrokrediten vermissen. Die Kleinstbeträge wurden nicht mehr in den Aufbau von Mikro-Unternehmen investiert, sondern für Konsumzwecke ausgegeben. Teilweise sogar für Hochzeiten. Diese Gefahr kennt auch Andreas Missbach, Finanzexperte bei der Erklärung von Bern: «Mikrokredite dürfen nur an Leute erteilt werden, die das Geld tatsächlich in eine Geschäftstätigkeit investieren, die es erlaubt, Zinsen zu bezahlen.» Gingen die Mikrokredite an die falschen Leute - die sich mit dem Geld beispiesweise Nahrung kaufen - würde sich deren Situation später nur noch verschlimmern.

Mikrokredit als Geschäft

2005 hat die Uno zum Jahr der Mikrokredite ausgerufen und damit eine riesige Bewegung losgetreten. Das weltweite Mikrokredit-Volumen hat sich laut dem Microfinance Market Qutlook 2011 in den letzten fünf Jahren mehr als verfünffacht und beträgt annähernd sechs Milliarden US-Dollar. Im kommenden Jahr dürft das Volumen weltweit weitere 10 bis 15 Prozent wachsen, was Missbach mit Skepsis beobachtet. «Das viele Geld in diesem Sektor führt dazu, dass die Seriosität bei der Prüfung der Kreditnehmer abnimmt, was später Schaden anrichtet.»

Die Grenzen zwischen Mikrokrediten als Geschäft und Mikrokrediten als Entwicklungshilfe haben sich vermischt – und damit das von Erfinder Yunus gedachte Non-Profit-System ins Wanken gebracht. Grosse Anbieter, darunter Branchenprimus SKS Microfinance drängten in Indien sogar erfolgreich an die Börse. Sie witterten das grosse Geschäft, indem sie zu 8 bis 10 Prozent geliehenes Geld für Zinssätze von über 30 Prozent weitergaben. Für Kreditnehmer waren selbst diese horrenden Raten attraktiv, weil lokale Kredithaie noch viel mehr verlangten.

Soziale Kontrolle geht verloren

«Die Anbieter sind zuletzt stark gewachsen und haben eine Bankenlogik übernommen. Doch das funktioniert nicht», kritisiert Missbach. Laut dem Finanzexperten ist für ein funktionierendes Mikrokreditsystem die soziale Kontrolle elementar. «Der Kreditgeber muss den Kreditnehmer kennen.» Bei grossen, kommerziellen Anbietern ist das laut Missbach nicht mehr gegeben.

In den Vorwürfen gegen Nobelpreisträger und Mikrokrediterfinder Muhammad Yunus erkennt Missbach auch einen Funken Hoffnung. «Wenn es dazu führt, dass der Hype um Mikrokredite etwas abnimmt, ist das sogar zu begrüssen», so der EVB-Experte. Kleinstkredite seien keine eierlegende Wollmilchsau. Für die Entwicklung einer Region braucht es laut Missbach auch Schulen, Spitäler, Strassen und Brücken. Aber genau für diese Bereiche seien keine Mikrokredite erhältlich.

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