Japan ohne Strom

17. März 2011 15:21; Akt: 17.03.2011 15:47 Print

Mit Blackouts ist noch lange zu rechnen

von Joe McDonald, AP - Tokio wird wohl noch mindestens sechs Monate mit Stromausfällen zu kämpfen haben. Dies obwohl dort 40 Prozent der japanischen Wirtschaftskraft generiert werden sollten.

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Die Neon-Reklamen werden in Tokio immer wieder dunkel sein. (Bild: Keystone)

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Schon jetzt wird in Tokio täglich drei Stunden lang der Strom abgestellt: Pendlerzüge stehen still, Ampeln fallen aus. Eine rasche Besserung der Lage ist nicht in Sicht, schliesslich ist das Land wie kaum ein anderes in der Welt abhängig von der Atomkraft.

Vier Reaktoren sind ausgefallen und werden wohl auch nicht wieder ans Netz gehen. Nun müssen zunächst die konventionellen Generatoren repariert oder ersetzt werden. Dann wird in Japan die Nachfrage nach Öl und Gas zunehmen und wohl auch die Weltmarktpreise steigen lassen.

25 Prozent weniger Strom

«Es kommen gewaltige Störungen und Ausgaben» auf Japan zu, erklärte der Vizepräsident von Argus Media, Jason Feer, der den Energiemarkt analysiert. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Erdbebens werden derzeit überschattet von der Atom-Krise im Kraftwerk Fukushima-Daiichi. Aber die Folgen könnten weitreichend sein, weil die Stromknappheit die japanischen Firmen auf dem Weltmarkt trifft - von den Autobauern bis zu den Finanzdienstleistern.

Der Stromversorger Tokyo Electric Power Co. (Tepco) erklärte, wegen des Verlusts von Fukushima und anderer Erdbebenschäden sei die erzeugte Strommenge auf 33,5 Millionen Kilowatt pro Tag gesunken. Das ist 25 Prozent weniger als nachfragt wird.

Elf AKW abgeschaltet

Japan schaltete nach dem Beben elf seiner 54 Atomkraftwerke ab - ein heftiger Schlag für eine Wirtschaft, die 30 Prozent ihrer Energie aus Atomkraft bezieht. Das Ausmass der Schäden an den mit Gas oder Kohle betriebenen Generatoren ist nicht bekannt. Die Schätzungen, wie viel Kapazität zur Erzeugung von Energie verloren gingen, reichen von zehn bis 40 Prozent. «Ein Teil davon ist bereits wieder da», sagte Feer. «Einiges wird nie zurückkommen.» Vier Reaktoren seien ein Totalverlust. «Drei sind mit Meerwasser gefüllt und jeder räumt ein, dass sie niemals wieder ans Netz gehen werden.»

Die japanische Regierung hat angekündigt, künftig sogar 40 Prozent seiner Energie aus Atomkraft zu beziehen. Beobachter rechnen damit, dass sich dieses Ziel auch angesichts der Katastrophe in Fukushima nicht verändern wird. «Langfristig wird Japan wahrscheinlich an seinen Atomplänen festhalten», sagte der Japan-Experte David Rea von der Beratungsfirma Capital Economics.

Gas, Öl und Kohle statt Atomstrom

Zunächst werden die japanischen Versorger die Lücke, die die Atomkraft hinterlassen hat, mit Gas, Öl und Kohle füllen. Es wird erwartet, dass auch die Nachfrage nach Benzin steigt, wenn der Wiederaufbau beginnt. Diese höhere Nachfrage könnte die Preise in die Höhe treiben. Gas- und Öllieferanten wie Shell und staatliche Unternehmen in Katar haben Japan bereits verstärkte Lieferungen zugesagt, auch wenn der genaue Bedarf noch gar nicht ermittelt ist. Das lässt wiederum Befürchtungen laut werden, für Europa bestimmte Lieferungen könnten nach Japan umgeleitet werden.

Japanische Unternehmen versuchten derzeit, Öl und Diesel auf dem Weltmarkt zu bekommen, erklärte ein Händler in Singapur, der nicht genannt werden wollte. Allerdings seien wenig Kapazitäten frei, weil die meisten Lieferanten ihre Produkte mit einem oder mehrere Monaten Vorlauf verkauften.

Die Analysten blicken derzeit auf vergangene Katastrophen zurück, um den künftigen Bedarf in Japan zu ermitteln. So stiegen die Ölimporte 2002 deutlich an, nachdem der Versorger gezwungen war, 17 japanische Atomkraftwerke aus Sicherheitsgründen vorübergehend stillzulegen. Nach einem Erdbeben 2006, bei dem ein Reaktor beschädigt wurde, wurde ebenfalls mehr nachgefragt. Die Nachfrage nach Öl und Benzin stieg damals um 25 bis 50 Prozent, während Gas und Kohle um 8 bis 12 Prozent zulegten.

Erhöhte Nachfrage im Sommer erwartet

Die Analysten haben ihre Erwartungen an das japanische Wirtschaftswachstum bereits gesenkt. JP Morgan rechnet nun noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. Vor dem Beben waren es 2,2 Prozent. «Wahrscheinlich werden die Probleme mit der Elektrizität in sechs Monaten geringer sein», sagte der Analyst Masaaki Kanno von JP Morgan.

Aber noch während die Stromversorger das Netz wieder aufbauen, wird die Nachfrage im Sommer erneut steigen. «Es wird schwierig für die Regierung, die Nachfrage der Haushalte nach Strom zu kontrollieren», sagte Kanno. «Aber die Regierung könnte die Unternehmen auffordern, Strom zu sparen. Die Auswirkungen der Stromausfälle werden also die Industrie härter treffen, besonders im Sommer.»