Gesetz zum Home-Office

31. Januar 2018 12:21; Akt: 31.01.2018 16:55 Print

Müssen wir bald bis 17 Stunden pro Tag arbeiten?

von Isabel Strassheim - Der Arbeitszeitrahmen soll auf 17 Stunden ausgedehnt werden, wie ein Gesetzesvorschlag vorsieht. 20 Minuten erklärt, was sich ändern soll.

Bildstrecke im Grossformat »
Viele Firmen ermöglichen es ihren Mitarbeitern, teilweise im Home-Office zu arbeiten. FDP-Nationalrat Thierry Burkart hat darum eine parlamentarische Initiative eingereicht mit dem Titel «Mehr Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Home-Office». Laut Burkart trägt das heutige Arbeitsgesetz den Bedürfnissen von Angestellten im Home-Office zu wenig Rechnung. Es sei auf die Arbeit in einem Industriebetrieb ausgerichtet. Burkart will mit der Gesetzesänderung, dass Mitarbeiter im Home-Office ihren Arbeitszeitrahmen von 14 auf 17 Stunden ausweiten. Laut geltendem Recht müssen Firmen ihren Angestellten zwischen zwei Arbeitstagen eine Ruhezeit von elf Stunden gewähren. «Ein Arbeitnehmender, der um 22 Uhr noch eine kurze E-Mail schreibt, darf am nächsten Tag seine Arbeit frühestens um 9 Uhr aufnehmen. Das sei realitätsfremd», schreibt Burkart in seinem Vorstoss. Über ein Viertel der Schweizer arbeitet laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte schon jetzt mindestens einen halben Tag pro Woche von zu Hause aus. Die Gewerkschaft Unia positioniert sich klar gegen die Anpassung des Arbeitsgesetzes: «Die Arbeitszeit wird dadurch noch mehr zerstückelt», sagt Sprecherin Leena Schmitter zu 20 Minuten. Damit wird die Verfügbarkeit der Angestellten noch grösser. «Der SGB wird solche Wildwest-Verhältnisse für Home-Office-Arbeitnehmende bekämpfen. Statt Abbau braucht es einen besseren Schutz dieser Arbeitnehmenden», heisst es bei der Gewerkschaft. (Im Bild: SGB-Präsident Paul Rechsteiner) Was sagen die Arbeitgeber zum Vorstoss von FDP-Mann Thierry Burkhart? «Für einige Branchen ist das durchaus legitim», sagte Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband. (Im Bild: Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes) Das neue Gesetz würde den Arbeitnehmerschutz extrem aufweichen, sagte Corrado Pardini, SP-Nationalrat und Unia-Gewerkschafter bereits 2016. «So kommt es so weit, dass die Angestellten bald auch am Sonntag arbeiten müssen.» Beraterin und Coach Andrea Ruh Woodtli sagt: «Wichtig ist, sich Grenzen zu setzen. Es besteht die Gefahr, dass man sich mehr auflädt oder aufladen lässt, nur weil man mehr Zeit zum Arbeiten zur Verfügung hat.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sollen wir künftig 17 Stunden arbeiten?
Es geht nicht um die Arbeitszeit selbst, sondern um den Zeitraum, innerhalb dessen diese erbracht wird. Derzeit darf der Rahmen die Dauer von 14 Stunden nicht überschreiten. Das heisst, auch wenn jemand zwischendurch eine lange Pause gemacht oder sich am Nachmittag um seine Kinder gekümmert hat: Wenn er um 7 Uhr mit der Arbeit begonnen hat, muss er nach heutigem Recht um 21 Uhr fertig sein. Der Vorstoss von FDP-Nationalrat Thierry Burkart will diesen Zeitraum auf 17 Stunden ausweiten, sodass erst um Mitternacht Schluss sein müsste. Damit entfällt auch die vorgeschriebene Ruhezeit von 11 Stunden zwischen den Arbeitstagen.

Umfrage
Ich liebe mein Home-Office, weil ...

Wen trifft das?
Genaue Zahlen hierzu gibt es nicht. Home-Office liegt aber wegen der Digitalisierung im Trend: Über ein Viertel der Schweizer arbeitet laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte schon jetzt mindestens einen halben Tag pro Woche von zu Hause aus.

Was ist mit beruflichen E-Mails, die ich zwischendurch lese?
Zurzeit gilt dies als Arbeitszeit. Das könnte sich ändern: «Gelegentliche Arbeitsleistungen von kurzer Dauer unterbrechen die Ruhezeit nicht», heisst es im neuen Gesetzesvorschlag von Nationalrat Burkart.

Darf ich am Sonntag von zu Hause aus arbeiten?
Nach jetzigem Recht nicht. Dazu braucht es eine Bewilligung der Behörden. Burkart stört dies, weil es ihm zufolge Arbeitnehmer gibt, die «die Sonntagsruhe ausnutzen möchten, um einmal ungestört arbeiten zu können». Deswegen will er mit seinem Vorstoss zugleich auch die Sonntagsarbeit im Home-Office einführen: Denn «die öffentliche Sonntagsruhe würde (...) in keiner Weise gestört, wenn der Arbeitnehmende die Sonntagsarbeit zu Hause verrichtet». Die Frage der Sonntagszuschläge bleibt offen.

Würden sich die Arbeitgeber über eine solche Ausweitung freuen?
«Für einige Branchen ist das durchaus legitim», sagt Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband. Der Fokus des Verbands liegt jedoch auf einem Vorstoss zur Arbeitszeiterfassung. Dabei geht es darum, dass nicht nur Kader, sondern neu auch leitende Angestellte und Fachspezialisten von ihr ausgenommen werden können.

Was sagen die Gewerkschaften?
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund spricht von einer «skandalösen und radikalen Initiative». Statt Abbau brauche es einen besseren Schutz für Arbeitnehmende im Home-Office. «Das bedeutet, die Arbeitszeit wird noch mehr zerstückelt», sagt Unia-Sprecherin Leena Schmitter zu 20 Minuten. Damit werde die Verfügbarkeit der Angestellten noch grösser. Zum Beispiel wäre eine Telefonkonferenz mit US-Firmen um 23 Uhr möglich, auch wenn jemand schon um 6 Uhr mit seiner Arbeit angefangen hat. «Damit verschwindet die Kontrolle über die eigene Arbeitszeit, das ist nicht nur ein Gesundheitsproblem, sondern auch ein massiver Eingriff ins Privatleben», kritisiert Schmitter.

Der Gesetzesvorstoss betrifft nur das Home-Office, wie sieht es mit anderen Arbeitsverhältnissen aus?
«Generell wird derzeit immer mehr zu Lasten der Arbeitnehmer flexibilisiert», sagt Unia-Sprecherin Schmitter. Der Druck auf die Arbeitnehmer steige auch durch andere Vorstösse im Parlament wie dem zur Arbeitszeiterfassung. Ein Arbeitsmediziner brachte kürzlich auch die Idee ins Spiel, dass kranke Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten sollten. Jean-François Rime, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, unterstützte dies.

Wie geht es weiter?
Die Wirtschaftskommission des Nationalrats hat den Vorstoss diesen Montag gutgeheissen, wie der «Tages-Anzeiger» am Mittwoch berichtet. Nun muss der Ständerat in seiner Wirtschaftskommission darüber entscheiden.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paddington4450 am 31.01.2018 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Einverstanden

    Mit dieser Lösung bin ich erst einverstanden, wenn man dies anhand eines Pilotprojektes im Nationalrat, sagen wir mal für die nächste Legislatur, ausprobiert. Sollten dann die Nationalräte immer noch dafür sein, bekommen sie selbstverständlich meinen Segen dazu.

    einklappen einklappen
  • Einer der genug arbeitet am 31.01.2018 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ich werde diese Sklavenwelt nie verstehn

    Ich bin sicher der feine Herr hat noch nie richtig arbeiten müssen. Krampft euch zu tode an der Arbeit und im Privaten soll man hier sein Leben für die Arbeit opfern? Und mehr und mehr stellt man Billigarbeiter und Pfuscher an. Fragt mal diejenigen, die ein Haus in jüngster Zeit gebaut haben....Arbeiter aus dem Ausland ungelernte Temporäre und man soll noch mehr arbeiten?

    einklappen einklappen
  • gloria derungs am 31.01.2018 13:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bekämpft diesen vorstoss

    stoppt diesen versuch. ich kann euch sagen, was es damit auf sich hat. gerade leute im verkauf sind betroffen, dann fängt ihr um 9h an mit der arbeit, dann gibt euch der arbeitgeber eine lange mittagspause von 13-18 und dann dürft ihr bis 22:30 oder eben noch länger arbeiten. das familienleben, soziale leben und sport kommt zu kurz, das ist die neue form der versklavung. quasi festangestellt, aber auf abruf, damit ihr bei wenig kundschaft heim geschickt werden könnt. zb bei H&M

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus im AG am 01.02.2018 23:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oje Oje Eure Kommentare

    so weit im Schilf zum grössten teil. Home Office= Arbeit dann wenn diese anfällt; Beratung; Störungsbehebung; usw. Da International Firmen keine Ruhezeiten haben da Weltweit vernetz, ist eine 24 Std Präsentszeit gefragt nun weis jeder Arbeitnehmer selber wer die Arbeitszeit zuteilt selten der (Zuhause/Schwimmbad) sitzende Mitarbeiter. Wenn ihr wirklich nach 5 Jahren ausgebrannte Menschen wollt dann öffnet auf 17 Std. aber nur dann. Jeder der dafür ist sollte aber zuerst mal als Schichtarbeiter im 12 Std . Dienst so sagen wir 6 Monate arbeiten gehen dann merkt ihr das der Mensch auch erholungszeit braucht. Nach 34 Jahren Schichtarbeit weis ich wovon ich schreibe.

  • Daniel L am 01.02.2018 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ihr Japaner

    nur noch 9 to 5 Jobs wär die Lösung, bei mind 1h Pause und nicht 5 to 9 auf bis 12 ausweiten, Ihr elendigen Japaner man

    • EXPraktikantin 50+ am 01.02.2018 22:36 Report Diesen Beitrag melden

      x Jahre Suche eines passenden NebenJobs

      Huch Daniel, wer hat dir diese Wut eingetrichtert? Gegen Wut hilft Selbsthilfe. Bist du frustriert, grase das Internet nach einem neuen Job ab. Der jetzige tut dir definitiv nicht gut. Je mehr sich angestaut hat, stolperst du über etwas Sinnvolles. Klar kannst auch die Wut schreiben, aber hilft wenig. Ein klares Bewerbungsschreiben, kurz und bündig, nicht 0815RAVKram und das Glück kann dich küssen. Selbst erlebt, ich verkaufe andere gut, mich zu verkaufen, da happert's. Wenn sie mehr wissen wollen, warum gerade du dies sein solltest, überrasche sie mit Vorschlägen. Wille & Mut zählt bei KMUs.

    einklappen einklappen
  • Anonymousi ;-) am 01.02.2018 21:51 Report Diesen Beitrag melden

    wäre eine Berichterstattung wert, oder?

    Liebe Kommentarprüfer hinter dem Bildschirm vor meinem Kopf. Idee meinerseits eines Beitrages. Befragt Personen die im homeoffice arbeiten (kann auch % sein). Ihre Erfahrungen, das Angenehme, die Work Life Balance, die Risiken, die Schattenseiten, Gesundheit, Freundeskreis, Familie, Freude an ihrer Tätigkeit und Plus- und Minuspunkte. So viele behaupten der Arbeitstag habe dann 17 Stunden, aber trainieren im Fitness nie ihre Rückenmuskulatur, um sich im aktuellen Job zu wehren und zu behaupten.

  • Susanne am 01.02.2018 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger arbeiten.

    Wieso soll ich drei Stunden weniger arbeiten?

  • R. H. am 01.02.2018 21:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht ohne gerechte Entlöhnung

    Mit einem entsprechend angemessenen Lohnzuschlag kann man sich dies überlegen. Sicher aber nicht zum normalen Stundensatz. Weiter müssen die Arbeitgeber auch die Verantwortung tragen, wenn ein Arbeitnehmer auf Grund zu kurzen Ruhezeiten verunfallt oder einen Infarkt erleidet (bei einem solchen Ereignis auch Kündigungss).

    • SESSELKLEBERÜBERWACHER am 01.02.2018 22:51 Report Diesen Beitrag melden

      keine Tagträumer für homeoffice gesucht

      Du willst ein Lohnzuschlag für homeoffice? Darum heisst es Arbeitnehmer? Ein Arbeitgeber bringt dir sehr viel Vertrauen entgegen, wenn du die Arbeit von zu Hause erledigen darfst. Im Büro hat er eine gewisse Kontrolle. Arbeitgeber, die homeoffice akzeptieren sind selbst gerne selbständig, wissen was zu machen ist und stecken viel Herzblut in ihr Unternehmen und sehen dich als Unternehmensmitglied, dem Gewinn und ein gutes Produkt und das Überleben ebenso am Herzen liegt. Wenn du keine Ergebnisse bringst bemerken sie es schnell. Im Büro wie homeoffice überwacht dich dann die Technik.

    einklappen einklappen