Crowdfunding

22. Januar 2012 20:52; Akt: 23.01.2012 03:49 Print

Musiker auf Spendenfang im Internet

von Alex Hämmerli - Immer mehr Bands und Einzelkünstler sammeln auf dem Netz Geld für ihr neues Album – und das mit grossem Erfolg. Das Zauberwort heisst Crowdfunding.

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Erfolg im Netz: Rap-Urgestein Flavor Flav von Public Enemy freut sich mit den Fans auf das kommende Album. (Bild: Keystone/AP)

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Das Prinzip ist so einfach wie genial: Wenn Musiker ein Album auf den Markt bringen wollen, lassen es sich von ihren Fans finanzieren. Ein Plattenlabel braucht es nicht. Das Konzept heisst auf neudeutsch Crowdfunding – frei übersetzt «Finanzierung durch die Massen».

Am einfachsten geht das heute übers Internet: Auf Portalen wie Kickstarter, Pledgemusic, Artistshare, Sellaband, Rockethub oder Sonicangel präsentieren sich Musiker der breiten Öffentlichkeit – inklusive der Summe, die sie brauchen. Meist werben sie per Videobotschaft und Hörproben für sich selbst. Wer die Musik mag, kann zum Gönner werden. Geld kann man beispielsweise auch für die neuste T-Shirt-Reihe der Band, eine Online-Werbekampagne oder für die Miete des Tournee-Busses spenden.

Ist das finanzielle Ziel erreicht, wird das Geld ausbezahlt. Und die Gönner erhalten ein Dankeschön; beispielsweise die neue CD inklusive persönlicher Widmung, VIP-Tickets für die Tournee oder ein privates Konzert in den eigenen vier Wänden. Manche Künstler bieten auch eine Gewinnbeteiligung an der Tour oder den CD-Verkäufen.

Die Kunstszene fliegt auf die Massen

Viele der Portale werden nicht bloss von Musikern genutzt. Auch Künstler und Kulturschaffende aus anderen Bereichen tummeln sich hier. Die meisten Unternehmen, die hinter den Crowdfunding-Seiten stehen, finanzieren sich, indem sie einen Teil der Gönner-Beiträge für sich behalten. Oft sind es rund 10 Prozent. Bei manchen dürfen die Künstler aber auch alles einsacken.

Das derzeit erfolgreichste Crowdfunding-Portal für Musiker ist Kickstarter. 2011 wurden dort 3653 Band-Projekte finanziert. Sie generierten zusammen beinahe 20 Millionen US-Dollar (siehe Box).

Die Projekte auf Kickstarter sind teils derart erfolgreich, dass das angestrebte Budget gleich mehrfach übertroffen wird. So etwa das neue Album der Ska-Band Five Iron Frenzy. Mit über 185 000 Dollar sind bislang mehr als sechsmal so viel Geld hereigekommen wie erhofft. Die Sängerin Nataly Dawn bekommt von ihren Fans für ihr neues Album rund 105 000 Dollar. Angepeilt waren ursprünglich 20 000 Dollar (Videos weiter unten).

«Während der vergangenen 60 Jahren war die Art, wie man Musik aufnimmt und mit anderen teilt, vorgeschrieben», zitiert das Newsportal «Independent Weekly» Kickstarter-Gründer Yancey Strickler. Heute sei man glücklicherweise nicht mehr von einer Plattenfirma abhängig.

Das Bewusstsein wächst dank Public Enemy & Co.

Laut Crowdfunding-Experten steht das Konzept vor einer goldenen Zukunft: «Worum es geht, ist Aufmerksamkeit zu generieren. In den Medien, in der Bevölkerung, aber auch bei den Künstlern und Projektstartern», so Crowdfunding-Kenner und Journalist Wolfgang Gumpelmaier im Blog des Portals Visionbakery. Natürlich brauche alles seine Zeit, doch mit jedem neu gestarteten bzw. erfolgreich abgeschlossenen Projekt wachse das Bewusstsein und die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Für einiges an Aufsehen in der Crowdfunding-Szene sorgte beispielsweise das US-Rap-Urgestein Public Enemy. Die Band generierte 2010 über das deutsche Portal Sellaband 75 000 Dollar für ein neues Album. Die Platte mit dem Namen «Most of Our Heroes Don't Appear on a Stamp» soll 2012 erscheinen. Über 1000 Fans waren bereit, ihr Geld in das Projekt zu stecken.

Der Erfolg kommt nicht von selbst

Die grosse Masse an Bands, die via Crowdfunding nach Geldgebern suchen, sind aber nicht etablierte Bands wie Public Enemy, sondern eher Unbekannte, die den Durchbruch suchen. Und der Erfolg kommt nicht von selbst: Laut Gumperlmaier müssen die Bands im Web und auch ausserhalb aktiv nach Gönnern suchen – und das bedeute harte Arbeit: Es geht um gut gemachte Video-Aufrufe im Netz, Flyer, die an Konzerten verteilt werden und natürlich auch um klassische Mund-zu-Mund-Propaganda.

Laut Sellaband-Geschäftsführer Michael Bogatzki fliessen drei Viertel der Gelder in die Genres Pop, Rock, Alternative und Singer-Songwriter. Gemäss der deutschen Crowdfunding-Studie 2011 des Instituts für Kommunikation und Soziale Medien wird etwas mehr als jedes zweite Crowdfunding-Projekt erfolgreich finanziert. Eng könnte es für die derzeit aktiven Schweizer Projekte auf Sellaband werden: Vier der fünf Bittsteller haben bislang gar keine Gönner überzeugt, die Boygroup Blue Pearl kommt nach fünf Monaten auf erst 770 Euro – und das bei einem angestrebten Betrag von 27 000 Franken.


Riesenerfolg auf Kickstarter: Nataly Dawn.


Die japanische Rockband Electric Eel Shock hat 2008 via Sellaband 50 000 Dollar generiert.


Die holländische Pop- und R&B-Sängerin Hind Laroussi hat 2009 bei Sellaband 40 000 Euro für ihr Album Crosspop bekommen. Für die Promotion kamen weitere 24 000 Euro zusammen.


Die Ska-Band Five Iron Frenzy hat auf Kickstarter derzeit über 170 000 Dollar an Fan-Beiträgen eingespielt. Das Ziel lag Ursprünglich bei lediglich 30 000 Dollar.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Date Belman am 23.01.2012 00:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Wirkung

    Kein Förderinstrument zur Vermittlung von musikalisch komplexen, anspruchsvollen Inhalten- denn dieses System impliziert natürlich, dass das Geld dorthin fließt, wo am ehesten dem Massengeschmack entsprochen wird.

  • Dimi K. am 22.01.2012 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache!

    Finde ich sehr gut. So kann man auswählen welche Musikrichtung sprich Band unterstützen will. Solche Projekte finde ich Top!

  • Big Bear am 22.01.2012 23:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Na endlich eine positive Meldung

Die neusten Leser-Kommentare

  • Date Belman am 23.01.2012 00:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Wirkung

    Kein Förderinstrument zur Vermittlung von musikalisch komplexen, anspruchsvollen Inhalten- denn dieses System impliziert natürlich, dass das Geld dorthin fließt, wo am ehesten dem Massengeschmack entsprochen wird.

  • Big Bear am 22.01.2012 23:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Na endlich eine positive Meldung

  • Musiker am 22.01.2012 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist doch mal was!!!!

    Supersache, so braucht es langsam aber sicher die Abzocker von der Unterhaltungsindustrie nicht mehr... wirklich eine Spitzenidee!!

  • John am 22.01.2012 22:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Börse

    Finde ich auch Top. Vermutlich wird das bald eine Art neue "Börse" wo man Auf den Erfolg der Musiker spekulieren und somit auf gute Erträge an den Anteilen hoffen kann :)

  • Dimi K. am 22.01.2012 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache!

    Finde ich sehr gut. So kann man auswählen welche Musikrichtung sprich Band unterstützen will. Solche Projekte finde ich Top!