Königin der Aludosen

21. Mai 2010 15:03; Akt: 21.05.2010 16:41 Print

Nestlé lanciert die Teekapsel

von Sandro Spaeth - Nach dem Nespresso-Erfolg mischt Nestlé den Teemarkt auf. Bald gibt es die Dose auch fürs Teekraut. Ist das der grosse Coup, weil die Konkurrenz ständig das Kaffee-System kopiert?

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Tropfende Teebeutel waren gestern: Bald gibts den Tee in schicken Alu-Dosen. Der Schweizer Nahrungsmittelgigant Nestlé startet im September in Frankreich mit dem Verkauf eines Teekapsel-Systems, das auf der Nespresso-Technologie basiert. «Special.T» – so der Name des Systems – erinnert an einen japanischen Fächer und wird rund 90 Euro (rund 130 Franken) kosten; eine Teekapsel rund 35 Cent. Wie die Nespresso-Maschinen werden auch die Teekocher von Drittherstellern in Lizenz produziert, womit der Schweizer Konzern erneut doppelt kassiert: Lizenzgebühren und Kapselverkäufe.

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«Wir werden das Tee-System zuerst in Frankreich lancieren, weil sich das Land als Testmarkt für Premiumprodukte besonders gut eignet. In Frankreich ist Nestlé sehr bekannt», sagte Sprecherin Melanie Kohli gegenüber 20 Minuten Online. Später werde «Special.T» aber auch in andern Ländern Europas sowie China und den USA erhältlich sein.

Intelligenter Teekocher

Nestlé wird 25 verschiedene Teesorten anbieten – und laut eigenen Angaben nur das oberste Prozent der Qualität in die Aludosen packen. Damit soll das System laut Kohli auch die Ansprüche der «richtigen» Teefans erfüllen. Ein weiterer Grund: Der Kapsel-Tee wird von der Maschine «intelligent» zubereitet. So merkt der Hightech-Teekocher selbständig, wie lange die einzelne Sorte ziehen muss und kennt sogar die richtige Wassertemperatur. Wie lange am neuen Teesystem geforscht wurde, kann die Nestlé-Sprecherin nicht sagen, für Forschung und Entwicklung gebe Nestlé jährlich insgesamt aber zwei Milliarden Franken aus.

Grossangriff gegen Nespresso

Derzeit hat Nestlé mit seinem Nespresso-Kapsel-System weltweit die Vormachtstellung inne und machte damit zuletzt einen Jahresumsatz von 2,8 Milliarden Franken. Ob das aber ewig so weiter geht, steht auf einem anderen Blatt, denn Nestlés Konkurrenten kopieren das System «en masse». Zum Grossangriff blies etwa Ex-Nespresso-Chef Jean-Paul Gaillard: Er brachte eine für Nespresso-Maschinen kompatible Dose auf den Markt, die zehn Prozent weniger kostet und seit kurzem vom französischen Grossverteiler Casino verkauft wird. Gaillards Coup könnte aufgehen, denn Nestlé kann das Produkt trotz seiner Patente womöglich nicht verhindern. Der Grund: Die Konkurrenz-Dose besteht nicht aus Alu, sondern aus abbaubaren Pflanzenfasern.

Keine Angst vor Bio-Kapseln

Hat Nestlé das Tee-Konzept etwa lanciert, weil die Position im Kaffeebereich angegriffen wird? Kohli verneint: «Wir haben noch immer ein grosses Wachstum. Konkurrenz-Kapseln machen uns keine Sorgen.» So hätten die Bio-Kapseln in einem Blindtest der Zeitung «Le Temps» viel schlechter abgeschnitten als jene von Nestlé.

Dass das Teesystem lanciert wurde, weil Nestlé im Kaffeemarkt ständig kopiert wird und die Leute künftig auf günstigere Kapseln ausweichen, glaubt auch ZKB-Analyst Patrik Schwendimann nicht: «Niemand in der Nahrungsmittelindustrie wächst so stark wie Nestlé.» Die Konkurrenzkapseln würden Nestlé nicht allzu viel Sorgen bereiten. «Sie werden zwar voraussichtlich einen gewissen Marktanteil erobern, die meisten Nespresso-Kunden dürften jedoch in der Premium-Welt bleiben wollen.» Und dazu gehören die Originalkapseln.

Keine Freude an rot, blau oder gelb

Zurück zum neuen Teesystem, das laut Nestlé-Angaben auch die «richtigen» Teetrinker ansprechen soll. Fachmann Heini Schwarzenbach, dessen Kolonialwarenhandlung seit 140 Jahren exklusive Teesorten verkauft, ist skeptisch: «Qualitativ hochstehenden Tee zu trinken ist ein Erlebnis, wozu auch das Zubereiten gehört.» Zudem wolle der Teefreund vor der Auswahl am Kraut riechen und nicht einfach eine rote, blaue oder gelbe Dose in die Maschine schieben. Laut Schwarzenbach wird das Nestlé-Tee-System nicht zum Grosserfolg, denn guten Tee zuzubereiten sei im Vergleich zu Kaffee einfach.

Ans grosse Potenzial des Nestlé-Tee-Systems glaubt hingegen ZKB-Analyst Schwendimann. «Die Technologie und das Premium-Verkaufskonzept lehnt sich stark an jenes von Nespresso an. So profitiert des Teesystem vom guten Ruf von Nespresso.» Möglicherweise ist das Tee-System sogar der ganz grosse Wurf: Beim Nespresso-System war die Skepsis laut dem Branchenkenner anfänglich auch gross und das Potenzial wurde massiv unterschätzt.» Wenn Nestlé dem jüngsten Kind genügend Zeit einräume um sich zu entwickeln, könne auch der 'Teekocher' zur Erfolgsgeschichte werden.