Retouren

13. Dezember 2019 04:51; Akt: 13.12.2019 04:51 Print

Eine Gebühr soll die Päckli-Flut eindämmen

von Raphael Knecht - Gäbe es eine gesetzliche Retourengebühr, würden Schweizer fast zwei Millionen Pakete weniger verschicken – aber hat so eine Gebühr überhaupt eine Chance?

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Rund die Hälfte der Zalando-Bestellungen wird zurückgeschickt – und zwar kostenfrei. Auch in der Schweiz bietet bereits jeder vierte Onlineshop kostenlose Retouren an. Eine Forschungsgruppe der Universität Bamberg schlägt nun vor, eine gesetzlich verankerte Rücksendegebühr einzuführen. In einer Studie heisst es, man könne allein in Deutschland die Zahl der Retouren um 16,2 Prozent – rund 80 Millionen Artikel pro Jahr – senken, wenn dem Konsumenten pro Rücksendung 3 Euro belastet würden. Auch in der Schweiz würde eine Gebühr von 3 Franken einen ähnlichen Effekt haben, ist Darius Zumstein, Dozent an der ZHAW, überzeugt. Der Onlinehandel-Experte rechnet für 2019 mit 12 Millionen Retouren in der Schweiz. Bei einer Verminderung dieser Zahl um 16,2 Prozent würde das in der Schweiz um die 2 Millionen Pakete ausmachen. Allerdings überlasse die liberale Schweizer Politik die Entscheidung, nachhaltig einzukaufen und zu retournieren, den Konsumenten. Dass es in der Schweiz eine gesetzlich vorgeschriebene Retourengebühr geben werde, sei darum unwahrscheinlich. Knapp 80 Prozent der Retouren im Onlinehandel werden direkt wiederverkauft. Im Bild: Retouren, die bei Zalando verarbeitet werden. Weggeworfen werden 4 Prozent der Ware. Das zeigt eine Studie der Universität Bamberg. Am meisten werde Damenoberbekleidung zurückgeschickt, sagt Ralf Wölfle, Experte für E-Commerce an der Fachhochschule Nordwestschweiz: «Da können ohne weiteres zwei Drittel der Produkte zurückgehen.» Der Kleiderhandel macht den Grossteil der Retouren im Schweizer Versandhandel aus. Das Geschäft bei Zalando läuft sehr gut. Das Unternehmen konnte den Jahresumsatz 2018 deutlich steigern. Dies geht aus einer Detailhandelsstudie der Credit Suisse hervor. Gemäss dem Retail Outlook 2019 setzte der Onlinehändler in der Schweiz knapp 800 Millionen Franken um. Zalando gibt es in der Schweiz erst seit 2012. Der Anstieg in nur sieben Jahren ist enorm. Die Steigerung der Zalando-Umsätze dürfte zwar etwas geringer ausfallen als 2017, aber immer noch gut 28 Prozent betragen. Der Gesamtmarkt für Bekleidungs- und Schuhdetailhandel beträgt in der Schweiz rund 8,8 Milliarden Franken. Will heissen: Fast jeder zehnte Franken, den Schweizer für Mode ausgeben, landet bei Zalando.

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Zalando hat die Gratis-Rücksendung populär gemacht, andere Händler ziehen nach: In der Schweiz bietet bereits jeder vierte Onlineshop kostenlose Retouren an, wie eine Erhebung von Darius Zumstein, Dozent am Institut für Marketing der ZHAW, zeigt. Für die Umwelt ist die Rücksenderei eine erhebliche Belastung: Einerseits verbrauchen Transport und Verpackung Ressourcen und der CO2-Ausstoss steigt. In manchen Fällen werden die zurückgesendeten Produkte auch gar nicht wiederverwendet, sondern direkt vernichtet.

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Eine Forschungsgruppe der Universität Bamberg schlägt nun vor, eine gesetzlich verankerte Rücksendegebühr einzuführen. In einer Studie heisst es, man könne allein in Deutschland die Zahl der Retouren um 16,2 Prozent – rund 80 Millionen Artikel pro Jahr – senken, wenn dem Konsumenten pro Rücksendung 3 Euro belastet würden.

Jährlich 12 Millionen Retouren in der Schweiz

Auch in der Schweiz würde eine Gebühr von 3 Franken einen ähnlichen Effekt haben, ist Zumstein überzeugt. Der Onlinehandel-Experte rechnet für 2019 mit 12 Millionen Retouren in der Schweiz. Bei einer Verminderung dieser Zahl um 16,2 Prozent würde das in der Schweiz um die 2 Millionen Pakete ausmachen.

Die effektive Reduktion dürfte jedoch etwas kleiner als in Deutschland sein. Einerseits sei die Retourenquote in der Schweiz bereits jetzt signifikant geringer als in Deutschland. Wegen der hohen Kaufkraft machen 3 Franken Gebühr bei einem durchschnittlichen Warenkorb im Wert von 150 Franken zudem wenig aus. Dazu kommt, dass Schweizer relativ kurze Wege haben, um bei vielen Anbietern die Produkte direkt im Laden zurückzugeben.

Trotzdem sehen umweltbewusste Politiker Potenzial in einer solchen Gebühr. Die Grüne Partei Schweiz etwa unterstütze das Konzept, sagt der stellvertretende Generalsekretär, Urs Scheuss, zu 20 Minuten: «Die Studie belegt die Wirksamkeit dieser umweltfreundlichen Massnahme.» Wichtig sei, dass man nicht nur in der Schweiz eine Gebühr einführe, sondern auch europaweit eine Lösung finde.

Politik überlässt Entscheidung den Konsumenten

Doch wie stehen die Chancen? «Theoretisch könnte man eine solche Gebühr ähnlich wie eine CO2-Abgabe schon umsetzen, es trifft ja auch den grünen Zeitgeist», so Zumstein. Allerdings überlasse die liberale Schweizer Politik die Entscheidung, nachhaltig einzukaufen und zu retournieren, den Konsumenten. Dass es in der Schweiz eine gesetzlich vorgeschriebene Retourengebühr geben wird, sei darum unwahrscheinlich.

Dieser Einschätzung schliesst sich E-Business-Experte Ralf Wölfle von der Fachhochschule Nordwestschweiz an. Auch der Konsument hätte Nachteile, wie Wölfle sagt: Wenn sich die Politik in die Marktwirtschaft einmischt, würden in der Regel die Produkte teurerer oder das Sortiment kleiner.

Händler wollen Bestellschwelle niedrig halten

Selbst wenn in Deutschland eine Retourengebühr vorgeschrieben wäre, würde das Schweizer Kunden von deutschen Händlern wie Zalando wohl kaum treffen, sagt Wölfle: «Zalando hat gute Gründe, die Bestellschwelle niedrig zu halten.» Denn Gratis-Retouren ermutigen Konsumenten zum Einkauf. Oft behalte man die Produkte am Schluss auch deswegen, weil das Zurücksenden sehr lästig sei.

Dazu kommt, dass eine gesetzlich verankerte Gebühr den Händlern Mehrkosten verursachen dürfte, so Zumstein von der ZHAW: «Wie bei den Zöllen würde eine Retourengebühr zusätzlichen administrativen Aufwand bedeuten.» Würden Händler eine solche Gebühr freiwillig einführen, wäre das Problem kleiner, da sie dann den Behörden keine Rechenschaft schuldig wären.

Da sich der Umsatz im Onlinehandel alle vier Jahre verdoppelt, müsse sich die Branche mit Lösungen für das Umweltproblem befassen, sagt Zumstein: «Die Diskussion geht gerade erst richtig los.»


Das sind Alternativen zur Retourengebühr

Darius Zumstein von der ZHAW schlägt einen positiven Anreiz zu umweltfreundlichem Verhalten vor: Man könnte etwa Kunden, die selten Artikel retournierten, mit Rabatten oder Gutscheinen belohnen. Umgekehrt können Händler natürlich auch von Kunden, die besonders oft Produkte retournieren, Versandkosten verlangen oder sie gleich ganz vom Verkauf ausschliessen.

Ein weiterer Ansatz ist, bei der Gratisrücksendung auf die negativen Auswirkungen hinzuweisen – etwa wie viel CO2 genau ausgestossen wird, wie viel zusätzliches Material verbraucht wird oder was mit der Retoure am Ende passiert. Auf diese Weise denken Konsumenten aktiver über die Konsequenzen für die Umwelt nach.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Urs am 13.12.2019 05:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer mehr Gebühren

    Was hier unter dem Deckmantel CO2 alles an neuen Gebühren entstehen soll ist haarsträubend.

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  • Mo am 13.12.2019 05:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ... echt jetzt?

    Da werden überall die Poststellen geschlossen, und jetzt ist man auch noch mit dem Versand überfordert!! Viel Arbeit ist nicht gut, wenig Arbeit ist auch nicht gut! Mein Gott, wann ist der Mensch endlich zufrieden?!?!

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  • Foolio am 13.12.2019 05:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig

    Bin nicht übertrieben "Grün", aber es geht hier um's Prinzip: Wieviele Leute bestellen online, weil es ihnen zu unbequem ist in einen Laden zu gehen? Probieren's dann zu Hause und senden es zurück? Wieviele brauchen die Klamotten nur für ein Wochenende und senden sie dann wieder retour? Unsere Gesellschaft ist einerseits zu bequem geworden, anderseits zu gierig. Immer das sehen wollen, was nicht da ist. Was man hat wird entweder ignoriert oder es ist selbstverständlich.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • B.armin am 14.12.2019 22:46 Report Diesen Beitrag melden

    Heute bestellen - Übermorgen entsorgen??

    Wer Portofrei bestellt und Retourniert muss wissen, dass das auf Kosten der Mitarbeiter geht. Also, zuerst Hirn einschalten, dann Button drücken!Eine erhebliche Gebühr braucht es - nur schon darum, den Einheimischen Detailhandel zu schützen.

  • J,Wermuth am 14.12.2019 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Appenzeller Rässe

    Migros und Coop wird sicher auch bald geschlossen,,nur der Käseladen nicht wir wollen das so,wir machen alles kaputt hier in der Schweiz

  • c==3 am 14.12.2019 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Haha ein Scherz

    Bis jetzt wird kein Paket gratis verschickt, es wird von Zalando etc selber berappt, da es zum Geschäftmodell gehört. Wahrscheinlich gehört auch dazu, dass nun der Kunde dafür bezahlt, wie es eigentlich normal wäre

  • Klärli am 14.12.2019 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Instagram

    Wenn die bestellten Kleider beim Fotografien und Posten leuchten würden wie ein Glühwürmli, würde vielleicht weniger zum Weekend hin bestellt und am Montag nach dem Insta-shooting wieder zurück geschickt!

  • Wenn zwei Personen am 14.12.2019 18:39 Report Diesen Beitrag melden

    neun Zalando - Retouren

    am Bahnhofskiosk abladen, obwohl die Post offen und nur 200 m entfernt ist, dann wird sich die Kioskbetreiberin künftig erst recht die Haare raufen. Warum? Weil sie jetzt schon nicht mehr weiss, wo sie all die Retouren stapeln soll. Denn als der Kiosk vor ca. 3 Jahren umgebaut wurde, ging ausgerechnet der Päckli -Stauraum vergessen.