Dekor-Beschiss

12. Juni 2013 13:33; Akt: 12.06.2013 13:56 Print

Nordirland gaukelt mit Fototapeten Wohlstand vor

In Nordirland wird nächste Woche der zweitägige G-8-Gipfel abgehalten. Um sich in ein besseres Licht zu stellen, hat die Regierung nun wirtschaftlich desolate Städtchen verkleidet.

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Lang, lang ists her, als die russische Zarin Katharina II. 1787 in das just eroberte Krimgebiet reiste, um sich ihren neuen Besitz zeigen zu lassen. Die Führung übernahm ihr Günstling und Geliebter, der Feldmarschall Reichsfürst Grigori Alexandrowitsch Potemkin, der sich um die Entwicklung dieses Gebietes kümmerte. Um seine Herrin zu beeindrucken, liess Potemkin entlang dem Weg Kulissen mit aufgemalten Häuserfassaden aufstellen, die einerseits den wahren desolaten Zustand der Gegend verbargen und andererseits den Eindruck erweckten, als stünden da Dörfer. So jedenfalls will es die Sage, der wir den Ausdruck «Potemkinsche Dörfer» verdanken.

Potemkinsche Dörfer in Nordirland

Diese Art der Blenderei gibt es nun auch in einer modernen Version, und zwar in Nordirland. Denn am 16. und 17. Juni findet dort der G-8-Gipfel statt; während dieser Zeit wird den wichtigsten Staatsmännern der Welt ein wirtschaftlicher Boom vorgegaukelt, den man sich im finanzkrisengeschüttelten Land schon lange nur noch wünschen kann.
Dafür hat die britische Regierung, die dieses Jahr den Vorsitz der G-8 hat, tief in die Taschen gegriffen. Mit 2,4 Millionen Euro wurden im winzigen Kaff Belcoo nach dem Vorbild des russischen Marschalls Shops und Cafés hervorgezaubert, wo seit langem nur noch aufgegebene Läden stehen. Deren Fensterfronten wurden ganz einfach mit Plakaten überklebt, die ein prosperierendes Treiben zeigen. So hängen im «Schaufenster» der «Metzgerei» dicht an dicht Würste, und im «Restaurant» lassen sich die Gäste bewirten (siehe Bildstrecke oben). Im rund 15 Kilometer entfernten Enniskillen wurden Fassaden neu gestrichen und hässliche, unfertige oder einfallende Bauten hinter riesigen Leinwänden versteckt, die hübsche Landschaften zeigen.

Kopfschütteln über die Attrappen

Der Umweltminister des Landes begründet die Aktion laut «orf.at» so: «Wir sollten Nordirland im bestmöglichen Licht erscheinen lassen.» Und Nordirlands Minister für soziale Entwicklung führt aus: «In solch schwierigen Zeiten für den Handel ist es wichtig, dass die Stadtzentren so attraktiv und einladend wie möglich aussehen.»

Ob sich die Staats- und Regierungschefs aus den USA, Russland, Italien, Japan, Kanada, Deutschland und Frankreich blenden lassen, wird sich weisen. Die meisten Einwohner des 14’000-Seelen-Ortes Enniskillen haben für die Attrappen, von denen in einem halben Jahr wohl nur noch Papierfetzen zeugen werden, lediglich ein Kopfschütteln übrig. «Die Geschäftsfassaden sind Schönheitsoperationen für ernsthafte Verletzungen», sagte ein 62-jähriger Bewohner gegenüber dem TV-Sender RTE. Die Regierung habe sich nur um die Banken gekümmert, anstatt gute Geschäfte zu retten.

Die Wirtschaftskrise hat Nordirland stark getroffen. Sogar das Luxushotel, in dem der Gipfel stattfindet, erhält seit 2011 Subventionen.

(lue)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Karl Meyer am 12.06.2013 13:44 Report Diesen Beitrag melden

    Lügen wird salonfähig

    Nichts hinzuzufügen

  • A. Guant am 12.06.2013 16:28 Report Diesen Beitrag melden

    Aussen Fix Innnen Nix, Mokafix

    Wie zur Zeiten der DDR, so weit sind wir nun gekommen...

  • Sue R. am 12.06.2013 22:08 Report Diesen Beitrag melden

    Attrappe?

    Wäre vielleicht mal gut gewesen, die G8-Leute hätten die Realität endlich zur Kenntnis nehmen müssen, anstelle alles zu globalisieren, doch die wirklichen Probleme scheinen dadurch nicht gelöst zu werden. Im Gegenteil. Es gibt anscheinend immer neue Vereinbarungen/Übereinkünfte, doch die echten Resultate scheinen hinterher zu hinken. Manchmal hab' ich fast das Gefühl, alles sei nur Gerede, ohne dass wirklich etwas geschieht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • gAmER am 15.06.2013 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Irland, Message angekommen

    Im Grunde bedeutet Globalisierung nichts anderes dass zwecks Gewinnmaximierung Global nach der ökonomischten Lösung gesucht wird. Global! Das führt zu Sitzungen, Besprechungen und so. Herstellung wird verlagert nach...(Verlierer) als Konsum für...(Gewinner )....Menschenrechte spielen offenbar keine Rolle da sie nicht Global eingehalten werden. Ja, das ist klar. Auch wir werden uns entsprechend dorthin weiterentwickeln, da Menschenrechte NICHT ökonomisch sind.

  • Erik am 14.06.2013 09:19 Report Diesen Beitrag melden

    Als Ire einfach ein Föteli

    mit dem Steuerbetrag in bar, schön arrangiert, dem Finanzamt einschicken ;)

  • Gerber Stefan am 14.06.2013 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    Disneyland

    Das passt doch perfektin die Zeit.Jetzt müssen nur noch an Parlamenten und Bundeshaus fototapeten mit scheinbar arbeitenden Politiker geklebt werden und in den Teppichetagen Bilder von arbeitenden Manager dann leben wir überall in DisneyLand

  • Calvin W. am 14.06.2013 07:22 Report Diesen Beitrag melden

    Hallo wo lebt ihr denn?

    Dieses Blendwerk ist doch nichts neues. Das ist genau so bei der Frisierung von Bilanzen. Die Banken beispielsweise werden mit den gleichen, zwar nicht photographischen, jedoch Finanztricks ins 'gute' Licht gerückt.

  • r. olfino am 13.06.2013 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wie einst im letzten Jahrhundert.....

    Wenn wir Brot hätten, könnten wir Schinkenbrote essen, wenn wir Schinken hätten..... Kurt Tucholsky