Trotz Milliardengewinn

25. Oktober 2011 17:55; Akt: 25.10.2011 17:55 Print

Novartis streicht 2000 Stellen

Der Basler Pharma-Riese will trotz Milliardengewinn in der Schweiz und in den USA insgesamt 2000 Stellen abbauen, 1100 davon in Basel und Nyon. Eine Chemieanlage wird geschlossen.

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Trotz Milliardengewinn baut Novartis tausende Stellen ab. (Bild: Keystone)

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Angesichts des Drucks auf die Medikamentenpreise, der Schuldenkrise und Konjunkturunsicherheiten greift Novartis zum Rotstift. Der Pharmakonzern will weltweit insgesamt rund 2000 Stellen streichen, vor allem in der Schweiz und den USA.

Die meisten Stellen gingen in den nächsten drei bis fünf Jahren in der Schweiz verloren, gab Novartis am Dienstag in einem Communiqué bekannt. Hierzulande würden 1100 der total 12'500 Stellen abgebaut. Am härtesten trifft es Basel, wo der Pharmamulti die Schliessung einer Chemieanlage auf dem firmeneigenen Campus und die Verlagerung von gewissen Forschungsaktivitäten plant. Dies kostet 760 Vollzeitstellen.

Ganz geschlossen wird die Fabrik für rezeptfreie Medikamente in Nyon VD mit 320 Vollzeitstellen. Diese Aktivitäten sollen an andere Novartis-Standorte oder an Drittanbieter verlagert werden, wie Konzernchef Joseph Jimenez in einer Telefonkonferenz am Dienstag erklärte.

Preisdruck schuld

Schuld am Stellenabbau sei vor allem der Preisdruck der hochverschuldeten Staaten auf die Medikamente. Im diesem Jahr seien die Preise im europäischen Pharmageschäft um rund 5 Prozent gesunken. Alleine in der Schweiz habe der Preisdruck Novartis in den letzten drei Jahren 100 Mio. Fr. gekostet.

Zudem machten die Nachahmermedikamente (Generika) den Umsätzen zu schaffen. Der starke Franken habe indes kaum eine Rolle bei dem Streichungsentscheid gespielt, sagte Jimenez.

Damit geht das Streichkonzert bei Novartis weiter. Vor knapp einem Jahr hatte der Pharmakonzern den Abbau 1400 Aussendienstmitarbeitern in den USA angekündigt. Im Frühling fielen 500 Stellen in Grossbritannien weg. Lokalrivale Roche gab seinerseits vor einem Jahr die Reduktion von weltweit 4800 Arbeitsplätzen bekannt.

Auch der deutsche Branchenführer Bayer will sich von 4500 Angestellten trennen. Und der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer streicht die Forschung zusammen, um die Kosten gut ein Drittel zu drücken.

Jobs in Billiglohnländern

Mit dem Abbau will Novartis jährlich rund 200 Mio. Dollar sparen. Bis die Einsparungen voll wirksam würden, dürfte es aber drei bis fünf Jahre dauern, sagte Konzernchef Joseph Jimenez. Denn es brauche Zeit, bis die Produktion nach den Verlagerungen wieder reibungslos funktioniere. Dazu wolle Novartis in China, Indien und anderen Billiglohnländern 700 Jobs aufbauen.

Denn der Preisdruck dürfte anhalten: «Ich glaube nicht, dass das Umfeld in den nächsten zwei bis drei Jahren erheblich besser wird», sagte Jimenez.

Dabei stehe Novartis noch besser da als eine Reihe von Konkurrenten. Nur 55 Prozent der Novartis-Verkäufe seien Medikamente, die in irgendeiner Form von Rückvergütungen an die Patienten abhingen. Bei gewissen Konkurrenten belaufe sich dieser Umsatzanteil gar auf 90 Prozent.

Kräftiges Wachstum

In den ersten neun Monaten hat der Konzern deutlich mehr umgesetzt und verdient. Der Umsatz kletterte um 20 Prozent auf 43,785 Mrd. Dollar. Schub gab dabei die Schwäche des Dollars. Zu konstanten Wechselkursen hätte der Umsatz lediglich um 15 Prozent zugelegt.

Das operative Ergebnis verbesserte sich noch um 7 Prozent auf 9,681 Mrd. Dollar. Unter dem Strich erzielte Novartis einen Reingewinn von 8,035 Mrd. Dollar. Das sind 4 Prozent mehr als vor einem Jahr. Analysten hatten mehr erwartet. An der Schweizer Börse fiel die Novartis-Aktie bis kurz vor 16 Uhr um 3,3 Prozent auf 50,10 Franken.

Angesichts dieser Geschäftszahlen reagierten Gewerkschaften und Personalvertreter sauer auf den Stellenabbau. Der Verband Angestellte Schweiz und der Novartis Angestelltenverband NAV zeigten sich laut einem gemeinsamen Communiqué «schockiert und zutiefst betroffen».

Zwar seien wegen des Marktdrucks Massnahmen zu erwarten gewesen. Doch die Streichung von 9 Prozent des Personals in der Schweiz sei eine Überreaktion.

Die Gewerkschaften Unia und Syna meinten, Profite zulasten von Angestellten und des Staates zu maximieren sei inakzeptabel. Beide Organisationen fordern einen Verzicht auf den Abbau respektive auf Kündigungen. Die Syna rief die Politik auf, sich für den Chemie-/ Pharma-Werkplatz Schweiz einzusetzen.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans am 25.10.2011 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Fragen über Fragen

    Hat es Joeseph Jimenez darauf angelegt den Standort Schweiz der Novartis zu schwächen? Will er die Stellen in seine Heimat USA verlagern? Oder gar nach Mexiko? Wieso werden Standorte geschlossen bei so massivem Gewinn? Warum werden langjährige Mitarbeiter von Karriere-Managern vor den Kopf gestossen und auf die Strasse gestellt? Welches Mitspracherecht haben hier die Personalvertreter (1% ?)? Wieso werden in Basel Prunkbauten erstellt (Prestige-Objekte, die mehrere hundert Millionen kosten) und gleichzeitig Stellen abgebaut? Alles Fragen auf die es wohl nur eine Antwort gibt ...

    einklappen einklappen
  • ristretto am 25.10.2011 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    kommastellen?

    vielleicht auch ein par kommastellen bei den topverdienern???

  • Hans A. Luft am 25.10.2011 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Es zeigt sich hier wieder einmal...

    ...die hässliche Fratze des Kapitalismus. Viel Geld reicht nicht. Egal wieviel Geld verdient wird, es muss immer noch MEHR, MEHR, MEHR sein... Es ist zu hoffen, dass die 99% bald einmal geschlossen aufstehen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Supermario am 26.10.2011 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst nachdenken, dann...

    Gewinnmaximierung??? Im Vergleich zum Aktienkurs vor 10 Jahren notiert Novartis etwa 20% tiefer! Die 90%, die hier über unverschämte Gewinnmaximierung poltern sollten mal nachdenken, ob sie nicht indirekt via PK selbst von dieser Geldvernichtung betroffen sind. Da schlägt dann summa sumarum - auch wenn ich die hohen Managergehälter auch nicht toll finde - die Vergütung an den CEO nur noch äusserst marginal zu Buche.

  • Novartis Mitarbeiter am 26.10.2011 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig...

    Es ist einfach traurig und absurd das so viele Leute hier ihren Hut nehmen sollen nur weil das Top Management noch ein paar Millionen einsparen will. Der Novartis geht es seit JAHREN Top, jedes Jahr eine satte Umsatz und Gewinnsteigerung und daran haben diese 1100 Menschen alle mitgewirkt und jetzt sollen sie gehen? Ich kann es ja vollkommen verstehen wenn sich eine Firma gesund schrumpfen möchte weil sie rote Zahlen schreibt oder was auch immer aber nicht wenn man gleichzeitig einen Milliardengewinn bekannt gibt.

    • Vor die Hunde gehen am 26.10.2011 14:03 Report Diesen Beitrag melden

      Genau so sehe ich das auch

      DIITO! Die Milliardengewinne sind nicht nur durch die Obersten entstanden. alle haben da mitgearbeitet.

    einklappen einklappen
  • Tina am 26.10.2011 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Megatrend!!!

    Durch die renditeorinetierte und globalsichtige Managermentalität wurde und wird weiterhin die Wirtschaft massiv globalisiert ohne klare politische und gesellschaftliche Regeln einhalten zu müssen. Die Konzerne werden sich gegenseitig dazu hochschrauben, wenn keiner Einhalt gebietet. Verlierer können nur die AN in den alten Industrienationen (frühere Standorte) sein.

  • Silvio S. am 26.10.2011 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Immer nur jammern

    Der Schweizer ist schon ein Mensch der immer ds "Füfi u ds Weggli" haben will. Da beklagen sich alle die Medikamente seien hier in der Schweiz viel zu teuer aber nehmen keine Massnahmen des Konzerns in Kauf. Man will immer mehr und mehr aber ist auf nichts bereit zu verzichten.. immer wird nur das negative gesehen.

  • Boit am 25.10.2011 21:17 Report Diesen Beitrag melden

    Vor dem Kapitalismus nicht kapitulieren

    Das Bild vom "Arbeitsplätze schaffenden Unternehmen" stimmt schon lange nicht mehr. Das Bild vom "Arbeitgeber mit sozialer bzw. volkswirtschaftlicher Verantwortung", indem er Arbeitsplätze erhält und somit die Kaufkraft der Bevölkerung garantiert, stimmt noch weniger. Globaler Kapitalismus ist (auch wenn die Bezeichnung mittlerweile etwas abgegriffen ist) Raubtierkapitalismus. Lassen wir uns nicht blenden von Argumenten wie "Wirtschaftsstandort erhalten". Kämpfen wir für soziale Rahmenbedingungen.