Frankreich

07. Dezember 2010 12:08; Akt: 07.12.2010 17:32 Print

Nur Wenige beteiligen sich am «Bankrun»

von Sandro Spaeth - Nervosität bei den Banken. Werden die Kunden am heutigen Dienstag dem Aufruf von Ex-Fussballer Eric Cantona folgen und ihre Konten plündern?

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Panik geht um: Im Oktober 1991 stürmen die Kunden die Spar + Leihkasse Thun. (Bild: Keystone)

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Frankreichs Banker und Politiker sind angespannt: Kommt es heute in Paris, Lyon und Marseille zum grossen Bankensturm, da Zehntausende ihr Guthaben abheben wollen? Ein solches Szenario ist keinesfalls Utopie: Erinnern wir uns an die Kolonnen vor den Türen der Spar- und Leihkasse Thun im Oktober 1991. Als sich Gerüchte über die Finanzprobleme der Bank wie ein Lauffeuer verbreiteten, plünderten die Kunden ihre Konten, was der Bank letztlich das Genick brach.

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Der französische Ex-Fussballer Eric Cantona ruft dazu auf, alle Konten zu leeren und so das Bankensystem zu stürzen. Was halten Sie von dieser Aktion?
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Ein solcher Sturm droht möglicherweise heute in Frankreich. Aufgerufen zum «Bankrun» hat der Ex-Manchester-United-Profi Eric Cantona, der sich damit am «korrupten Bankensystem rächen will». Seit die Medien dieses Thema aufgegriffen haben, hat das Anliegen im Internet immer mehr Anhänger gefunden. Im Netzwerk Facebook fanden sich binnen weniger Tage 40 000 Franzosen, die fest zusagten, sie würden am 7. Dezember ihr Konto räumen. Laut Medienberichten folgten der Bewegung im Verlauf des Dienstagmorgens aber nur wenig Anhänger. Der Ex-Nationalspieler wollte es ihnen am Nachmittag in Paris gleichtun.

Panik wegen TV-Bilder

Eric Cantona, heute Schauspieler und Galionsfigur der Bewegung, sagt in einem Video auf der Website www.bankrun2010.com: «Wenn 30 Millionen Menschen gleichzeitig ihr Geld abheben, bricht das System zusammen.» Laut dem emeritierten Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann würden dafür in Frankreich bereits weniger eine Million Personen genügen. Obwohl viele Leute Hass auf die Banken verspüren, glaubt er aber nicht an den grossen Ansturm auf die Banken: «Damit es heikel wird, bräuchte es eine Panik, geschürt durch TV-Bilder von Schlangen vor Bankschaltern.» Dies sei aber nicht sehr realistisch.

In den letzten Tagen machte sich nach anfänglichem Belächeln insbesondere bei Bankern und Politikern Unruhe breit. Der französische Wirtschaftsminister François Barion warnte öffentlich, den Aufruf nicht ernst zu nehmen und die Grossbank BNP betonte, dass Frankreichs Banken keine Schuld an der Finanzkrise treffe. Gestern sah sich sogar der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, zu einer Stellungnahme genötigt: Auch er hege «gegenüber dem Finanzsektor gemischte Gefühle», aber die von Cantona gestartete Aktion sei «vollkommen unverantwortlich».

«Illiquide Banken»

Die Aussagen zeigen: Der Aufruf ist brisant. «Es ist das Wesen unseres Banksystems, dass es potenziell illiquid ist», erklärt Bankenexperte Hans Geiger. In den Banktresoren ist meist nicht allzu viel Bargeld vorhanden. Der Grund: Wenn eine Bank eine Einlage von 1000 Franken erhält, behält sie einen Reservesatz ein und leiht den Grossteil des Geldes wieder aus. Schliesslich wird die Ersparnis eines Bankkunden mehrfach ausgeliehen. Folglich ist nie genügend Geld für alle da – sofern die Kunden alle gleichzeitig ihr Guthaben abheben möchten.

Ganz so einfach können die Kunden ihre Gelder aber nicht von den Banken abziehen. So haben Sparhefte beispielsweise eine Rückzugslimite von 10 000 Franken, bei anderen Konten ist diese zwar meist höher, aber auch nicht unbeschränkt. Theoretisch ist zumindest klar: «Jede Bank kann unter Umständen illiquid werden, aber die SNB würde sie mit Liquidität versorgen, bis sie es nicht mehr wäre», sagt Bankenprofessor Martin Jansen. Voraussetzung dafür sei, dass die Bank nicht überschuldet: Die Aktiven in der Bilanz müssen die Passiven übertreffen.

Geschlossene Schalter

Bisherige Bankpleiten wurden laut Finanzexperte Hans Geiger durch andere Banken, institutionelle Anleger und Hedge Funds ausgelöst, die ihr Geld abzogen – und nicht durch Privatkunden. Die Schlange der Kleinsparer vor den Banken sei meist erst die zweite Konsequenz gewesen.

Falls es in Frankreich entgegen der Erwartungen doch zum grossen Ansturm auf die Banken kommen würde, sieht Wittmann folgendes Szenario: Die Institute würden vorübergehend einfach ihre Schalter schliessen und der Finanzminister würde vermelden: «Es gibt keinen Grund zur Panik, die Einlagen sind über den Staat gesichert.»

Harsche Kritik an Cantonas Aufruf übte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde: «Man sollte über Sachen reden, von denen man Ahnung hat.» Cantona sei ein grossartiger Fussballer, aus wirtschaftlichen Dingen solle er sich aber besser heraushalten.