550 Stellen bedroht

31. März 2011 12:37; Akt: 31.03.2011 19:25 Print

Papierfabrik in Biberist vor dem Aus

Die Papierfabrik Sappi in Biberist SO wird höchstwahrscheinlich geschlossen. Dies, obwohl das Werk als vorbildlich galt. Die Belegschaft zeigte sich empört.

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Hier wird wohl bald kein Papier mehr produziert: Die Sappi-Fabrik in Biberist. (Bild: Keystone)

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Die Papierfabrik Sappi in Biberist SO steht vor dem Aus. Sechs Wochen haben Gewerkschaften, Beschäftigte und Geschäftsleitung des Werks Biberist im Rahmen einer Konsultation Zeit, um eine Alternative zur Schliessung zu finden. 550 Stellen stehen auf dem Spiel.

Das Management des südafrikanischen Mutterkonzerns Sappi habe mehrere Szenarien seriös geprüft und sei leider zum Schluss gekommen, dass die Schliessung des Werks für das Gesamtunternehmen am besten sei, erklärte Sappi-Verwaltungsrat Mat Quaedvlieg am Donnerstag vor den Medien in Biberist.

Gut gearbeitet und trotzdem vor dem Aus

Sappi-Verwaltungsratspräsident Berry Wiersun stellte der Belegschaft und der Geschäftsleitung von Biberist ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Sie gehörten zu den Besten im ganzen Konzern und hätten alles getan, um Kosten zu senken. Fixkosten wie Löhne seien denn auch nicht der Grund für die Schliessung.

Die Gründe für die nach Ansicht des Sappi-Managements unausweichliche Schliessung lägen vielmehr ausserhalb des Werks. Anhaltende Überkapazitäten in der Papierindustrie, weiter steigende Zellstoffpreise und höhere Energiekosten seien dafür verantwortlich.

Biberist habe zwar 2009 aufgrund von ungewöhnlich tiefen Zellstoffpreisen ein sehr gutes Ergebnis erzielt, 2010 sei der Zellstoffpreis aber stark angestiegen und Biberist sei in die Verlustzone geraten und arbeite derzeit noch immer mit Verlust.

Negativ für den Standort Biberist habe sich ausgewirkt, dass das einzige Werk von Sappi in der Schweiz, keinen eigenen Zellstoff herstellt habe wie die anderen grösseren Werke. Das sei ein gewichtiger Kostennachteil.

Strukturelles Problem

Wiersun betonte, dass es sich um keine vorübergehende Durststrecke handle. Das Management sei überzeugt, dass sich ein definitiver Trend einstelle. Die Nachfrage nach Papier gehe auch in Zukunft weiter zurück.

Der Zellstoffpreis sei ausserdem in den letzten sieben Jahren mit Ausnahme von 2009 immer gestiegen. Um dies auszugleichen müssten die Verkaufspreise erhöht werden, was aber angesichts der Überkapazitäten nicht möglich sei.

Das Management schliesst einen Verkauf als Alternative zur Schliessung nicht aus. Laut Verwaltungsratspräsident Wiersun darf der neue Besitzer aber die Produkte von Sappi nicht konkurrieren.

Gemeinde und Belegschaft erschüttert

Der Gemeindepräsident von Biberist, Martin Blaser, erklärte, er könne die Argumente von Sappi zwar nachvollziehen, er sei aber überzeugt, dass die Globalisierung Biberist übel mitgespielt habe. Die Distanz des Eigentümers zum Werk sei zu gross gewesen. Verantwortungsvolle Manager suchten andere Lösungen.

Der Gemeindepräsident der Nachbarsgemeinde Gerlafingen, Peter Jordi, verwies auf die ähnliche Situation von Gerlafingen vor 15 Jahren bei der Schliessung des Von Roll-Stahlwerks. Es werde «ein Stück aus dem Körper der Standortgemeinde herausgerissen».

Sappi-Verwaltungsratspräsident Wiersun äusserte Verständnis, die finanzielle Realität habe dem Verwaltungsrat aber keine Wahl gelassen. Für die Beschäftigten würden Lösungen gesucht. Sappi hat im deutschsprachigen Raum noch Werke in Deutschland und Österreich.

Die Beschäftigten wurden am Donnerstagmorgen informiert. Die anwesenden rund 400 Beschäftigten seien geschockt gewesen, erklärte Nicolas Mühlemann, Geschäftsführer des Werks Biberist. Die Enttäuschung sei sehr gross.

Mühlemann, selber seit 22 Jahren im Unternehmen, zeigte sich tief betroffen, mit Herzblut habe man gekämpft, jetzt würden Frust, Niedergeschlagenheit und private Ängste vorherrschen. Für die Belegschaft stehe vor Ort ein Care-Team zur Verfügung. Am Freitag wird eine erste Sitzung im Rahmen des Konsultationsverfahrens stattfinden.

Unia verurteilt Vorgehen

Die Gewerkschaft Unia kritisierte das Vorgehen des Sappi-Vorstands. Beim Schliessungsentscheid sei die frühzeitige Information der Sozialpartner und der Arbeitnehmervertreter unterlassen worden. «Die Belegschaft, die Arbeitnehmervertretung und die Gewerkschaften werden damit vor vollendete Tatsachen gestellt», schreibt die Unia in einer Medienmitteilung. Sie verurteile dieses Vorgehen aufs Schärfste.

Man werde nun die betriebliche Lage genau analysieren und Alternativen zur geplanten Betriebsschliessung prüfen, hiess es weiter.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Widmer Christian am 03.04.2011 23:30 Report Diesen Beitrag melden

    Bald keine Papierfabriken in der Schweiz

    Es ist einfach traurig darüber immer zu lesen welche Papierfabriken in der Schweiz schliessen müssen. Zuerst Borregaard dann die Kartonfarbik Deisswil und jetzt noch Sappi. Wer kommt als nächstens Kimberly-Clark ( Tela )? Eine Schweinerei ist das.

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  • Manuela am 13.04.2011 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Zukunft mehr in Biberist

    Sappi in Biberist darf nicht schliessen !

  • Beto Rader am 31.03.2011 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Schweinerei ist das!

    Zur Zeit der Übernahme war ich in Biberist tätig und schon damals wurden Witze über eine baldige Schliessung gemacht! Wir hatten aber noch super teure Kundenevents und erstklassige Weihnachtsessen in der Sales-Division. Das diese Verschwendung nun wieder der kleine Mann ausbaden darf war absehbar!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • hans satt am 17.04.2011 21:32 Report Diesen Beitrag melden

    communism

    die einzige lösung für dieses problem kann langfristing nurer sozialismus sein!

  • Manuela am 13.04.2011 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Zukunft mehr in Biberist

    Sappi in Biberist darf nicht schliessen !

  • Widmer Christian am 03.04.2011 23:30 Report Diesen Beitrag melden

    Bald keine Papierfabriken in der Schweiz

    Es ist einfach traurig darüber immer zu lesen welche Papierfabriken in der Schweiz schliessen müssen. Zuerst Borregaard dann die Kartonfarbik Deisswil und jetzt noch Sappi. Wer kommt als nächstens Kimberly-Clark ( Tela )? Eine Schweinerei ist das.

    • Manuela 75 am 13.04.2011 14:55 Report Diesen Beitrag melden

      Drehen wir bald alle "Dümeli" ???

      Ja genau......wo führt das noch hin. Vorallem wo sollen die Leuten noch arbeiten gehen. Es gibt ja immer mehr Arbeitslose und immer mehr Sozialfälle !

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  • Susanne am 01.04.2011 19:55 Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist Geil

    Die welche ins Ausland rennen, um einzukauffen, welche in Aldi u. Co. springen und alle Ferien so billig wie möglich im Ausland verbringen, denen darf auch das Papier NICHTS kosten. Das wird je länger je mehr Arbeitsplätze kosten, nur solche Leute müssen schön still sein.

    • deffvgf am 17.04.2011 21:33 Report Diesen Beitrag melden

      hans satt

      vielleciht gibts aber auch leute, die kein geld für schnikschnak haben?

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  • Jürg Brand am 31.03.2011 19:20 Report Diesen Beitrag melden

    Deindustrialisierungsperspektiven

    Recycling Technologien und Basisindustrien brauchen günstige Standortbedingungen - diese einsicht geht zunehmend verloren. So wird Strom mit Unterstützung der politischen Mitte und selbst einiger Industrieverbände (!) vom Grundversorgungsgut zum Spekulationsobjekt und der Franken bleibt im inflationierenden Europa nachhaltig und viel zu teuer. In diesem Umfeld müssen wir uns wohl an 'SAPPI-Meldungen' gewöhnen, wobei zu bedenken wäre: Deindustrialisierungsprozesse laufen schleichend und unumkehrbar ab.