Frankenstärke

16. November 2015 17:45; Akt: 16.11.2015 20:07 Print

Pasito schliesst Filialen und streicht Stellen

von Claudia Landolt - Die Schuhmarke Pasito-Fricker muss 14 Filialen schliessen. 35 Vollzeitstellen werden gestrichen, schuld ist die Frankenstärke.

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Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses der Schweizerischen Nationalbank am 15. Januar 2015 stellt die Schweizer Wirtschaft vor grosse Herausforderungen. Zahlreiche Unternehmen mussten Stellen abbauen. So zum Beispiel das Schuhaus Pasito-Fricker AG, wie im November 2015 bekannt wurde. Die Marke sponsert auch die Miss-Schweiz-Wahl. Hier die diesjährige Miss Schweiz Lauriane Sallin beim Shoppen im Schuhhaus Pasito in Zürich. Pasito wurde 2014 strategisch umpositioniert von der klassischen Schuhverkaufsstelle zur Modeboutique. Darin gab es auch Accessoires und Kleider zu kaufen. Anfangs lief das Geschäft sehr erfreulich, doch nun machen die Frankenstärke, der Online-Handel sowie der Einkaufstourismus der Marke einen Strich durch die Rechnung. Der Unternehmer Guido Fluri aus Zug musste daher zu einer «Unternehmenskonzentration» greifen, wie es in einem E-Mail heisst, das 20 Minuten vorliegt. Die Rede ist von 17 Filialen, die geschlossen werden. Guido Fluri gitl als sehr sozial. Er setzt sich mit seiner Stiftung unter anderem gegen Gewalt gegen Kinder ein. Es ist kein Zufall, dass der Gründer der Stiftung Guido Fluri das ehemalige Kinderheim zu einem Museum umfunktionieren möchte, denn düstere Kindheitserlebnisse verbinden ihn selber mit diesem Heim. Sein soziales Engagement trägt Guido Fluri auch in die Politik. Hier trägt er eine Schachtel bei der Einreichung der Unterschriften für die Wiedergutmachungsinitiative am Freitag, 19. Dezember 2014 in Bern. Die Opfer administrativer Zwangsmassnahmen sollen eine Entschädigung erhalten. Die Wiedergutmachungsinitiative verlangt, dass dafür ein Fonds in der Höhe von 500 Millionen Franken eingerichtet wird. Pasito ist ein weiteres Unternehmen, das aufgrund der Wirtschaftslage Stellen abbauen muss. Der Textilmaschinen-Hersteller Rieter in Winterthur war die erste Firma, die nach den Wahlen in der Schweiz mit Massenentlassungen aufschreckte: Die Firma will wegen der Frankenstärke über 200 Stellen streichen. Die angekündigte Kürzung von 1600 Jobs, die die Grossbank Credit Suisse in der Schweiz vornimmt, hat nicht die Frankenstärke als Grund. Dieses Streichkonzert wird deshalb von den Experten nicht zum erwarteten Abbau von insgesamt rund 20'000 Job gezählt. Stellen abgebaut hat wegen der Frankenstärke aber SR Technics. Die Flugzeugwartungsfirma gab Ende Juni den Wegfall von 300 Arbeitsplätzen bekannt. Aufgrund der Frankenstärke setzt die Privatbank Julius Bär ein Kostensenkungsprogramm um. Dazu gehört auch der Abbau von 200 Stellen. Im Bild: CEO Boris F.J. Collardi. Von verschärften Marktbedingungen spricht der Bauzulieferer EgoKiefer. Die Firma verkündete Anfang März, in den nächsten 18 Monaten 150 bis 200 Stellen abzubauen. Der Industriekonzern Siemens reagiert auf die gestiegenen Produktionskosten in der Schweiz und verlagert Stellen ins Ausland. Mitte Juni gab Siemens bekannt, am Standort Zug 150 Stellen abzubauen. Jobabbau gibts auch bei Manor. Anfang März gab die Firma bekannt, am Hauptsitz in Basel 150 Stellen abzubauen. Die Warenhaus-Kette will damit auf die Frankenstärke und den gestiegenen Einkaufstourismus reagieren. Mitarbeiterinnen von Sonova im neuen Produktionsgebäude von Sonova in Stäfa ZH am Montag, 11. Oktober 2010. Vier von fünf Schweizer Unternehmen planen, die Personalkosten wegen des starken Frankens zu senken. Das geht aus einer Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte hervor. Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbunds, fordert deshalb einen neuen Euro-Franken-Mindestkurs, den die Nationalbank verteidigen soll. Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, hält nichts von solchen Massnahmen. Er fordert stattdessen bessere staatliche Rahmenbedingungen für Unternehmen.

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Vergangenes Wochenende verbrachte die frischgebackene Miss Schweiz, Lauriane Sallin, bei Pasito ihren Shopping Day, wie die Firma auf Facebook mitteilte. Pasito-Fricker ist der Hauptsponsor der Miss-Schweiz-Wahl. Anfang 2014 übernahm der Zuger Immobilienmillionär Guido Fluri die Marke von der deutschen Ludwig Görtz. Zum Übernahmepreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Ein erfolgreicher Coup, wie es schien. Bereits sechs Monate nach der Übernahme freute sich das Unternehmen mit 320 Mitarbeitenden in 58 Filialen «über einen geglückten Neustart und erste Erfolge».

Schuld ist der starke Franken

Eineinhalb Jahre später sieht es anders aus. Offenbar hat die Pasito-Fricker im laufenden Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr hinnehmen müssen. In einem Schreiben, das 20 Minuten vorliegt, hat die Unternehmensleitung vergangene Woche ihre Mitarbeitenden wie folgt informiert: «Als Folge des anhaltend starken Frankens und des zunehmenden Einflusses von Online-Anbietern» habe man den erfolgreichen Kurs von 2014 nicht fortsetzen können.

«Speziell die Abwanderung von Kundinnen und Kunden ins grenznahe Ausland hat den Geschäftsgang der Firma stark beeinträchtigt», bestätigt Geschäftsführer Werner Aerni zu 20 Minuten. «Wir haben die Geschwindigkeit des Wachstums im Onlinehandel unterschätzt.» Gerade im mittleren Preissegment mache sich auch der Einkaufstourismus sehr bemerkbar. Er selbst ist der Ansicht, dass bereits eine tiefere Warenausfuhrbeschränkung eine mögliche Massnahme wäre, um dem Einkaufstourismus etwas Einhalt zu gebieten.

Das Unternehmen sehe sich deshalb gezwungen, sich 2016 «auf die Weiterführung der profitablen Filialen zu konzentrieren». Gemäss Aerni sollen im ersten Quartal 14 Filialen in verschiedenen Regionen geschlossen werden. Vor allem Grenzgebiete wie Schaffhausen, das Zürcher Oberland oder Basel seien betroffen. Rund 35 Vollzeitstellen werden gestrichen.

Bestürzte Betroffene

Die betroffenen Mitarbeiterinnen sind schockiert. «Viele arbeiten bereits seit Jahrzehnten bei uns, die Firma ist wie unsere Familie», sagt eine Insiderin zu 20 Minuten. Viele Mitarbeiterinnen seien Teilzeit arbeitende Mütter oder über 50-Jährige. Für sie sei es extrem schwierig, wieder eine adäquate Stelle zu finden. Die Angst vor Arbeitslosigkeit gehe um.

Laut Geschäftsleitung werden die betroffenen Mitarbeitenden nach Möglichkeit versetzt oder mit reduziertem Pensum weiterbeschäftigt. «Diese Entwicklung betrifft mich sehr», erklärt Aerni. «Wir sind ein kleines Unternehmen und kennen alle Mitarbeitenden persönlich.» Deshalb würden sie alles daran setzen, die Angestellten «im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten zu unterstützen». Auch geplant seien Unterstützungen bei Bewerbungen oder der Laufbahnplanung. Die sechs Auszubildenden würden alle in anderen Filialen weiterbeschäftigt.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • XC90 am 16.11.2015 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlich, der Franken???

    Gott sei Dank, haben wir den"starken" Franken! Schuld ist eher 1 bis 2 % weniger Gewinn. Nicht? Doch, ist doch so.

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  • Frogy am 16.11.2015 18:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Wären die Preise nicht so überteuert hätte ich schon lange dort Schuhe gekauft. Managerlöhne kürzen und nicht dem CHF Schuld geben. Früher gab es auch keine Franken Stütze!!!!

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  • Andy y am 16.11.2015 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdig

    jetzt ist auf einmal der Einkaufstourismus schuld? Noch am 3. Februar 2015 sagte Hr.Aerni gegenüber dem St. Tagblatt "Für Pasito hätten die Probleme schon angefangen, als der Euro unter 1.50 Franken gefallen sei. «Viele Kunden aus dem nahen Ausland blieben ab dann fern.»" Na, was jetzt? Rechnete Hr.Aerni mit Einkaufstouristen aus dem nahen Ausland?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Walker am 17.11.2015 23:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    War abzusehen

    Seit 2 Jahren kaufe ich nicht mehr bei Pasito. Teure Lagen keine Innovation! Hat sich abgezeichnet! Schade jetzt gibts Geox Laeden!

  • Celine am 17.11.2015 23:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Lädeli unterstützen!

    Schade. Ich habe viel dort gekauft. Viel bessere Ware und Qualität als in Billig-Deutschland.

  • BusinessMan am 17.11.2015 23:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdiges überteuertes Sortiment

    So, so.... Wieder einmal ist der starke Franken schuld. Wie wäre es mal wieder mit einem Sortiment damit diejenigen die den Franken haben, diesen auch ausgeben könnten. Früher habe ich alle meine Business- und Freizeitschuhe bei Pasito gekauft. Das heutige Sortiment ist an einem eher konservativen Arbeitsort schlicht nicht tragbar.

  • schuhfetischist am 17.11.2015 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schuhfetischist

    naja selber schuld mal ganz tolle männer Schuhe gehabt und dann nur noch Marken zugetan und nur noch teuer teurer teuer. ..also nichts mehr da eingekauft. .

  • Kurt Röösli am 17.11.2015 21:49 Report Diesen Beitrag melden

    Zu Tode optimiert

    Es ist nicht der starke Franken sondern ein völlig unfähiger Besitzer! Gute Schuhläden mutierten zu Gemischtwarenläden mit kleinem Sortiment. Ich habe meine Schuhe solange dort gekauft, bis es hiess, ihre Grösse (43) muss ich zuerst bestellen.