Medikamenten-Preise

20. September 2012 07:34; Akt: 20.09.2012 12:57 Print

Pharma-Lobby hat Politiker fest im Griff

von J. Pfister - Eigentlich sollten die Konsumenten spätestens ab November von tieferen Medikamentenpreisen profitieren. Doch die Gesundheitslobby zwingt den Bundesrat wohl dazu, den Entscheid zu überdenken.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Seit Gesundheitsminister Alain Berset im Frühjahr beschlossen hat, die Medikamentenpreise um 20 Prozent zu senken, ist Feuer unter dem Dach. Die Pharmaindustrie drohte umgehend mit Klagen gegen die einseitige Senkung des Wechselkurses auf 1.29 Franken und wurde auch bei Politikern vorstellig. Mit Erfolg: Die aufgeschreckte Gesundheitskommission des Nationalrats hat darauf einen Vorstoss verabschiedet, der Berset dazu zwingen soll, sich mit der Industrie und den Versicherern nochmals an den Tisch zu setzen und andere Lösungen zu suchen.

Nächste Woche nun kommt dieser Vorstoss in den Nationalrat. Wird er angenommen, wären Bersets Bemühungen, die vor allem den Konsumenten zugutekommen sollten, umsonst. «Entweder es käme zu einer Blockade, weil sich Versicherer und Pharma nicht einig werden, oder die Pharma setzt wieder höhere Preise durch», prognostiziert der grünliberale Nationalrat Thomas Weibel, der sich als einer der wenigen in der Kommission gegen Neuverhandlungen ausgesprochen hat.

Dieser Meinung ist auch Josiane Walpen vom Schweizerischen Konsumentenschutz (SKS): «Wird der Vorstoss angenommen, ist das Risiko gross, dass bei den Neuverhandlungen auch die Medikamentenpreise wieder erhöht werden.» Deshalb hat der SKS am Mittwoch noch ein letztes Mal alle Parlamentarier per Brief aufgerufen, die Motion abzulehnen.

«Pharma braucht gute Bedingungen»

Auf viel Gehör wird der SKS mit seinem Aufruf jedoch nicht stossen. «Ich begreife zwar, dass der Bundesrat für die Versicherten möglichst günstige Bedingungen aushandeln will. Wir haben aber auch die Aufgabe, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz stark bleibt und dafür braucht die Pharma gute Arbeitsbedingungen», sagt SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Immerhin trage die Pharmaindustrie 10 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Deshalb brauche es eine Lösung, mit der alle Beteiligten leben können.

Dass die Politik sich mit dieser Einmischung selbst zum verlängerten Arm der Pharmafirmen macht, glaubt Bortoluzzi, der sich selbst für die Pharma-Consultingfirma Accertis engagiert, nicht. «Wir fällen den Entscheid ja nicht, sondern der Bundesrat zusammen mit den verschiedenen Akteuren.»

«Mehr als zwei Drittel importiert»

Ähnlich klingt es bei CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, die zusammen mit Bortoluzzi in der Arbeitsgruppe «Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz» sitzt. Sie verstehe nicht, dass Pharma-Unternehmen bestraft werden sollen und gleichzeitig in anderen Branchen wegen des starken Frankens Unterstützungsmassnahmen diskutiert werden. Es sei deshalb wichtig, dass sich die Beteiligten nochmals an einen Tisch setzen.

Dieser Meinung sind selbst die Krankenkassen. «Wir begrüssen eine im Einvernehmen mit der Pharmaindustrie ausgehandelte Lösung», sagt Santésuisse-Sprecherin Anne Durrer. Im Gegensatz zur Pharma wollen die Versicherer aber noch tiefere Medikamentenpreise aushandeln. «Die Preise sind immer noch zu hoch – vor allem, weil mehr als zwei Drittel der durch die Versicherung übernommenen Medikamente aus dem Ausland stammen», so die Santésuisse-Sprecherin.

Erfolgreiches Lobbying

Mit dieser breiten Allianz verschiedenster Akteure aus dem Gesundheitswesen stehen die Chancen für den Vorstoss sehr gut. Hinzu kommt, dass wohl keine andere Branche derart erfolgreich Lobbying im Bundeshaus betreibt wie die Pharmaindustrie. So ist es auch kein Wunder, dass die Neuverhandlungen selbst bei linken Parlamentariern auf Anklang stossen. «Diese holt die Pharma jeweils mit dem Argument ab, dass bei tieferen Medikamentenpreisen Tausende Arbeitsplätze in Gefahr sind», sagt ein Insider. Und falls dies nicht reiche, würden den Politikern auch mal gut bezahlte Beratungsmandate angeboten.

Angesprochen auf die Lobbyarbeit der Pharmaindustrie, sagt der Cheflobbyist Thomas Cueni vom Branchenverband Interpharma: «Natürlich geben wir uns Mühe, dass das Anliegen durchkommt.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Mich stören einfach die grossen Diskrepanzen zwischen den Medikamentenpreisen im Ausland und der Schweiz! Durch welche Begründung rechtfertigt die Politik und die Pharmaindustrie Preisdifferenzen bis zu 50%? Die KK - Prämien steigen, und in der Versorgung muss gespart werden was wieder und wieder mit Lohnkürzungen einhergeht. Warum werden Ärzte und Spitäler nicht dazu verpflichtet die günstigsten Medikamente abzugeben? In Finnland funktioniert dies jedenfalls ! – Fabienne

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sandy am 20.09.2012 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    und tschüss....

    heute macht die pharma nicht mehr gesund,sondern mega krank....sollte alles enteignet und verstaaatlicht werden und all die hohen tiere ab in den knast!

    einklappen einklappen
  • T. Eulenspieglein am 20.09.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das etwa neu?

    Muahahahaha... ist das etwa neu? Come on ! Wacht auf - das war schon seit jeher der Fall. Pharma: das Business mit der Angst.

  • staubsaugervertreter am 20.09.2012 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    volksvertreter

    wer glaub dass volksvertreter das volk vertreten, glaubt auch dass staubsauger vertreter staubsauger vertreten..

Die neusten Leser-Kommentare

  • Luigi Delfini am 20.09.2012 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Wirklich neu ...

    ... ist das ja nicht!

  • sandy am 20.09.2012 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    und tschüss....

    heute macht die pharma nicht mehr gesund,sondern mega krank....sollte alles enteignet und verstaaatlicht werden und all die hohen tiere ab in den knast!

    • Alex F. am 23.09.2012 20:32 Report Diesen Beitrag melden

      @ sandy

      Und dann gibt's noch Leute, die tatsächlich glauben, dass die Lebenserwartung durch den Medizinischen Fortschritt steigt. Falsche Ernährung und mangelnde Bewegung bewirken nämlich die Verkürzung. Da nützen selbst die teuersten Medikamente nichts mehr.

    einklappen einklappen
  • Mk am 20.09.2012 11:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mk

    Ich hoffe Mal, so sehr, dass diese Leute zu normalen Leuten werden(was das Geld betrifft) dann sollen diese Lappen Mal schauen wie die klar kommen mit steigenden Preisen. Iwann wird immer von iwas das Ende kommen, nur ab und zu beschleunigen einige Unternehmen/Politiker dieses Verfahren:)

  • Ruedi Moser am 20.09.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Logisch

    Jetzt ist mir klar weshalb die Medikamentenpreise der CH-Pharma in der Schweiz soviel mehr kosten als im Ausland. Irgendwie müssen die Pfründe von Lobbi und Politik bezahlt werden. Der Mehrpreis ist so etwas wie eine "Lenkungsabgabe".

  • T. Eulenspieglein am 20.09.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das etwa neu?

    Muahahahaha... ist das etwa neu? Come on ! Wacht auf - das war schon seit jeher der Fall. Pharma: das Business mit der Angst.