Staats-Veto

03. Februar 2016 19:06; Akt: 03.02.2016 19:06 Print

Platzt der Syngenta-Deal nun doch noch?

von I. Strassheim - Wo liegen die Hürden der geplanten Übernahme des Basler Agrarchemie-Riesen durch ChemChina? Und welche Rolle spielen die USA? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Der neue Syngenta-Besitzer Ren Jianxin (rechts), CEO von ChemChina, spricht am Mittwochvormittag an der Pressekonferenz in Basel. Syngenta-Präsident Michel Demaré (ganz links), CEO John Ramsay (Zweiter von links) und Chief Jonathan Parr hören gespannt zu. Der neue Herr über Syngenta: Ren Jianxin, Verwaltungsratspräsident von Chinas grösstem Chemiekonzern ChemChina. Die Aufnahme entstand im April 2015 am Hauptsitz in Peking. ChemChina ist ein staatliches Chemieunternehmen der Volksrepublik China, das sich auf Agrochemikalien, Gummiprodukte sowie Industrieausrüstungen und petrochemische Verarbeitung spezialisiert hat. Die Produktepaletten von Syngenta und ChemChina überschneiden sich nur in wenigen Bereichen. Die Rede ist von rund fünf Prozent. Das erhöht die Chancen, dass die Kartellbehörden dem Deal grünes Licht erteilen. Freuen sich über den Deal: Syngenta-Präsident Michel Demaré (rechts) und ChemChina-Chef Ren Jianxin. Ren Jianxin hat mit ChemChina im letzten Jahr für 7,3 Milliarden Euro eine Mehrheitsbeteiligung am italienischen Reifenhersteller Pirelli gekauft. Syngenta wird zwar übernommen, soll aber eigenständig weitergeführt werden. Hier ein Werk in Monthey. Der ehemalige CEO von Syngenta, der Amerikaner Mike Mack, sperrte sich 2015 massiv gegen eine Übernahme durch die amerikanische Monsanto. Im vergangenen Oktober trat er zurück. Dann war klar, dass Syngenta zum Verkauf steht. Ende 2015 hatte der Verwaltungsratspräsident von Syngenta, Michel Demaré, in einem Interview mit «Finanz und Wirtschaft» erklärt, dass der Konzern in Übernahmeverhandlungen mit verschiedenen möglichen Partnern stehe. Erneut im Spiel war der US-Konkurrent Monsanto. Laut Syngenta hat ein Zusammenschluss mit dem chinesischen Konzern ChemChina jedoch weniger hohe regulatorische Risiken. Die Überschneidungen in den Geschäftsfeldern mit den Chinesen sind weniger gross. Syngenta forscht auch in Sachen Weinreben. Hier werden die stärksten jungen Pflänzchen ausgewählt. Die Forschungsanlage in Stein AG gehört zu den drei wichtigsten weltweiten Entwicklungsstandorten des Konzerns. Der Syngenta-Hauptsitz soll auch unter den neuen Besitzern in Basel bleiben. Das Hochhaus gegenüber vom Badischen Bahnhof war früher die Ciba-Geigy-Zentrale. Der Agrochemiekonzern entstand 2000 aus Teilen von dessen Geschäft. Bohnen im Forschungslabor: Am Syngenta-Standort Stein AG arbeiten 300 Leute in der Entwicklung. In besonderen Klimakammern können die Bedingungen von nahezu jedem Ort auf der Welt simuliert werden. Demonstration im Mai 2015 in Basel gegen die beiden führenden Agrochemiekonzerne Monsanto und Syngenta. Der Protest richtet sich gegen Gen-Saatgut und Patente auf Pflanzen. Die Gentechnik ist nicht nur wegen Gesundheitsbedenken und unabsehbarer ökologischer Folgen umstritten, sondern auch, weil noch unklar ist, ob Bauern langfristig damit tatsächlich höhere Erträge ohne stetig zunehmenden Einsatz von Spritzmitteln erzielen können.

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Es ist ein Deal der Superlative: Der weltgrösste Pflanzenschutzhersteller Syngenta soll mit der grössten je von Chinesen getätigten Auslandsinvestition übernommen werden. Der Staatsbetrieb ChemChina will die Basler für 43,7 Milliarden Franken aufkaufen. Allerdings gibt es noch viele offene Fragen.

Was sind die Knackpunkte der geplanten Übernahme?
Es gibt gleich mehrere Hürden: Zunächst steht die wettbewerbsrechtliche Genehmigung aus. Machen die Behörden in den Staaten, in denen Syngenta weltweit aktiv ist, Auflagen, die mehr als einen Umsatz von 20 Prozent betreffen, ist der Verkauf in Gefahr, so Martin Schreiber, Analyst der Zürcher Kantonalbank. Die Wettbewerbsbehörde in der Schweiz dürfte den Deal nicht prüfen, denn ChemChina ist hier kaum präsent. Zweitens handelt es sich bei Syngenta um den weltgrössten Hersteller von Pflanzenschutzmittel, dem Regierungen eine strategische Bedeutung für die Nahrungsmittelsicherheit zusprechen könnten. Und sie könnten verhindern wollen, diese in die Hände von China gehen zu lassen.

Welche Rolle spielen die USA?
Die USA ist einer der wichtigen Märkte Syngentas. Der Konzern erzielt dort mit rund 3 Milliarden Dollar etwa ein Drittel seines Umsatzes. Deswegen dürfte der US-Ausschuss für Auslandsinvestitionen den Effekt der Übernahme auf die nationale Sicherheit prüfen. Sperren sich die Amerikaner gegen einen Verkauf nach China, kommt der Deal nicht zustande. Analysten und Börsenhändler halten dies für wahrscheinlich. Der US-Ausschuss hat erst diesen Januar den Verkauf des Autobirnen-Geschäfts des niederländischen Philipps-Konzerns nach Asien verhindert. Der Ausschuss könnte nun auch die gesamte Syngenta-Übernahme zu Fall bringen.

Wie reagieren die Aktionäre?
An ihnen hängt es letztlich auch, ob die Übernahme auch tatsächlich zustande kommt. Laut ZKB-Analyst Schreiber müssen ChemChina mindestens 67 Prozent der ausgegebenen Syngenta-Aktien angedient werden. Der Grossteil der Aktionäre muss also der Übernahme zustimmen. Der Kurs der Syngenta-Aktie an der Schweizer Börse legte am Mittwoch zwar weiter zu und stieg um rund 5 Prozent auf 413 Franken. Er blieb damit jedoch klar unter der Übernahmeofferte und impliziert damit ein Scheitern des Deals.

Wieso will Syngentas Verwaltungsrat den Verkauf an China
Weil es der Logik des Marktes entspricht: Chinas Staatskonzern ChemChina hat das bessere Angebot für die Syngenta-Aktionäre gemacht. Die Chinesen wollen die Aktionäre komplett in Bargeld und nicht mit eigenen Aktien auskaufen, wie dies beim US-Konzern Monsanto der Fall gewesen wäre. Zudem bietet ChemChina insgesamt 480 Franken pro Aktie, bei Monsanto waren es 470 Franken. Vor allem aber passt Syngenta sehr gut ins ChemChina-Portfolio: Es gibt kaum Überschneidungen, sodass Syngenta nicht aufgespalten werden muss, was wohl mit einem erheblichen Stellenabbau verbunden gewesen wäre.

Wird Syngenta nun zum volkseigenen Betrieb der Chinesen?
Faktisch ja. Allerdings sollen die Basler eigenständig bleiben, wie dies Syngenta-Chef John Ramsay betont. «Syngenta wird sich treu bleiben. Wir werden als starkes, globales Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz und unter derselben Geschäftsleitung operieren», stellt Ramsay am Mittwoch in einem Brief an die Belegschaft klar. Zur Strategie der Chinesen zählt es, bei Übernahmen möglichst wenig zu verändern. Schliesslich wollen sie das Know-how nicht zerstören, und das ist vor allem auch an die Mitarbeitenden gekoppelt.

Sind Arbeitsplätze in der Schweiz in Gefahr?
Zunächst mal sind die Syngenta-Angestellten froh, dass ihre «Leidenszeit» während es Übernahmepokers zu Ende geht. Dies schreibt die Gewerkschaft Angestellte Schweiz. Von den 28'000 Mitarbeitern des Konzerns weltweit, arbeiten 3300 in der Schweiz. Die Gewerkschaft Unia forderte von ChemChina Jobgarantien. Johann Schneider-Ammann nannte die geplante Übernahme einen «guten Deal», denn die chinesische Firma sei «grundsolide und strategisch gut aufgestellt».

Was sagen die Schweizer Bauern?
«Die Schweizer Bauern hätten es schon gerne gesehen, wenn Syngenta eigenständig geblieben wäre. Es geht auch um Schweizer Herzblut», sagt der Präsident des Schweizer Bauernverbands, Markus Ritter, zu 20 Minuten. Wie viele Schweizer Bauern Spritzmittel und Saatgut von Syngenta verwenden, ist jedoch unklar, die Bauerngenossenschaft Fenaco veröffentlicht hierzu keine Zahlen.

Wieso steht die Agrarchemiebranche unter Druck?
Die Preise für Getreide und andere Agrar-Rohstoffe sinken, sodass Bauern weniger in den Anbau investieren. Dies gilt auch für die bisherigen Wachstumsmärkte China und Brasilien. Die Agrarchemiekonzerne gehen deswegen auf Spar- und Konsolidierungskurs: Monsanto will 16 Prozent seiner weltweiten Jobs abbauen. Und die US-Riesen DuPont und Dow Chemical kündigten Ende 2015 ihre Fusion an. Damit entfielen für Syngenta nicht nur weitere Fusionsoptionen, sondern es kündigte sich noch stärkere, vereinte Konkurrenz auf dem Pflanzenschutzmarkt an.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • marko 31 am 03.02.2016 20:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Made in Schweiz

    Ich hoffe der diel Platzt Ich möchte das Syngenta in Schweizer Hand bleibt!

  • Dahlia am 03.02.2016 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    China auf Vormarsch

    China ist eindeutig auf dem Vormarsch in Richtung westliches Europa. Ich bin überzeugt, es wird nicht der letzte Superdeal mit China gewesen sein.

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  • marko 31 am 03.02.2016 20:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Made in Schweiz

    Ich hoffe der diel Platzt Ich möchte das Syngenta in Schweizer Hand bleibt!

  • Dahlia am 03.02.2016 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    China auf Vormarsch

    China ist eindeutig auf dem Vormarsch in Richtung westliches Europa. Ich bin überzeugt, es wird nicht der letzte Superdeal mit China gewesen sein.