Finanzsystem

28. Juli 2013 16:43; Akt: 28.07.2013 22:15 Print

Professor prangert Gewinnmentalität an

Die Funktionsweise des Weltfinanzsystems widerspricht dem Geist des Liberalismus und macht die reale Wirtschaft kaputt. Dieser Ansicht ist Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich.

storybild

Im Hochfrequenzhandel sieht Finanzprofessor grosse Systemrisiken für die Stabilität des Finanzsystems.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Bei der Finanztransaktionssteuer müsse insbesondere die Schweiz mit positivem Vorbild vorangehen, fordert Chesney in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Eine Gebühr von 0,1 Prozent auf jeder Transaktion würde bereits reichen, um beispielsweise den seiner Meinung nach problematischen Hochfrequenzhandel zum Verschwinden zu bringen.

Im Hochfrequenzhandel sieht der Franzose nämlich grosse Systemrisiken für die Stabilität des Finanzsystems. Es sei unmöglich, dass es innerhalb von wenigen Sekundenbruchteilen fundamentale Neuigkeiten zu Aktien gebe. Genau diese kleinen Zeitvorsprünge machten sich die Händler aber zunutze, um schnelle Profite zu erzielen.

Keine Spekulation auf Firmenbankrotte

Auch dürfe es nicht sein, dass eine Bank auf den Bankrott eines Unternehmens spekulieren oder intransparente Anlagevehikel wie etwa strukturierte Produkte in Umlauf bringen könne, die der Realwirtschaft keinen Nutzen brächten. Oft verdienten nur die Banken an diesen komplexen Finanzprodukten, die der Kleinanleger gar nicht durchschauen könne.

«Komplexität ist ein Gewinn- und Machtfaktor», erklärt Chesney. So entspreche der gesamte Nominalwert der derivativen Produkte fast dem Zehnfachen der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Laut Statistik des Internationalen Währungsfonds (IWF) beläuft sich das globale Derivatevolumen auf 640 Billionen Dollar. Alle Volkswirtschaften der Welt zusammen generieren jährlich aber «nur» 72 Billionen Dollar an ökonomischer Wertschöpfung.

Banken sollten Konsequenzen selber tragen

Die Macht der Grossbanken und Börsenhändler gehe so weit, dass sie den Regierungen und der Gesellschaft schon seit Jahren diktieren könnten, welche Finanzpolitik sie zu betreiben hätten. Dass Staaten in Finanznot geratene Grossbanken vor dem Bankrott retteten, laufe nicht zuletzt der liberalen Logik selbst entgegen. Diese besage nämlich: «Wer finanzielle Risiken eingeht, muss auch die Verantwortung dafür tragen.»

(sda)

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marc am 28.07.2013 18:34 Report Diesen Beitrag melden

    Derivate = Risikomanagement

    Ich habe selber Vorlesungen während meines Studiums bei Prof. Chesney besucht - jedoch muss ich seiner Sichtweise grundsätzlich widersprechen. Strukturierte Produkte und Derivate sind keine toxischen Instrumente oder "Massenvernichtungswaffen". Vielmehr dienen diese optionsbasierende Anlageprodukte dem Investor als optimales Risikomanagement und haben deshalb sehr wohl eine wirtschaftliche Daseinsberechtigung! Auch wird Anlegern der Zugang zu gewissen Märkten und Basiswerten ermöglicht und individuelle Faktoren wie Laufzeit, Währung, Risikofähigkeit, etc. können berücksichtigt werden.

    einklappen einklappen
  • Querdenker am 28.07.2013 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    Kapitalismus als Sündenbock

    Das Meiste, was am Kapitalismus kritisiert wird, resultiert in Wahrheit aus Eingriffen der Politik in die Wirtschaft. Ausufernde Staatsverschuldung, Zinsmanipulation der Notenbanken, Rettungsaktionen usw. belohnen unsinniges Verhalten in grossem Stil (Konsum statt Sparen, Spekulation mit billigem Geld, zu hohe Risiken usw.), was die Forderung nach noch mehr Eingriffen laut werden lässt - ein Teufelskreis! Die so versuchte Feinsteuerung der Wirtschaft anhand fragwürdiger Statistiken hat längst mehr mit zentralistischer Planung als mit Marktwirtschaft zu tun. Sie wird genau deswegen scheitern!

    einklappen einklappen
  • Gast am 28.07.2013 18:59 Report Diesen Beitrag melden

    aha..

    und was soll daran neu sein?? das ist schon ein alter hut..

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Di Dago am 29.07.2013 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    So ist es

    mit Derivaten lässt sich herrlich der Preis für eine Sache manipulieren und als Gutes oder schlechtes Investment darstellen! Siehe Gold...es wird ca., die Derivate mitgerechnet, die 100-fache Menge an den Märkten gehandelt obwohl diese physisch gar nicht vorhanden sind. So kann eine National Bank z.B. massiv Derivate von Gold auf den Markt werfen um den Goldpreis zu drücken. Danach kauft man günstiger wieder ECHTES GOLD auf! So einfach ist das und der doofe Bürger hält Gold weiterhin für eine schlechtes Investment!

  • Peter S am 29.07.2013 12:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Banken...

    Was ist schon der Einbruch in eine Bank, gegen die Eröffnung einer Bank. (Bertold Brecht)

  • Dani K. am 29.07.2013 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Pöbel prangert schon lange

    Muss man erst Professor sein um gehört zu werden obwohl es die meisten eigentlich wissen dass das System so nicht funktionieren kann?

    • Mike am 29.07.2013 11:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja genau

      Und am ende des jahres zum chef rennen und eine lohnerhöhung fordern...

    einklappen einklappen
  • F.W. aus G. am 29.07.2013 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Buchtip zu diesem Thema

    Ganz einfach und leicht verständlich zu lesen. Autor: Sahra Wagenknecht Titel: Freiheit statt Kapitalismus Deutscher Taschenbuch Verlag dtv

  • Martin Müller am 29.07.2013 09:06 Report Diesen Beitrag melden

    Professor?

    Muss man für die Erkenntnis im Artikel wirklich Professor sein? Marc Chesney verdient sein Geld auch nicht. Er bekommt es.

    • Scholo am 29.07.2013 15:32 Report Diesen Beitrag melden

      Geld für nichts

      Da haben Sie schon recht, aber diese Typen sehen das anders. Die würden sich auch nie als Abzocker bezeichnen!

    einklappen einklappen