Finanzmarkt-Aufsicht

22. Dezember 2010 17:42; Akt: 22.12.2010 17:42 Print

Professorin und SP-Mitglied lenkt die Finma

von Balz Bruppacher - Auf den früheren UBS-Banker Eugen Haltiner folgt an der Spitze der Finanzmarktaufsicht eine Bankprofessorin und SP-Frau. Der Bundesrat wählte Anne Héritier Lachat zur neuen Finma-Präsidentin.

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Anne Héritier Lachat (SP). Die neue Verwaltungsratspräsidentin der Finma. (Bild: Finma)

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Mit der Nachfolgeregelung für den zurücktretenden Verwaltungsratspräsidenten der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma hat sich der Bundesrat Zeit gelassen. Zehn Tage vor dem Rücktritt Haltiners war es am Mittwoch nun doch noch so weit: Der Entscheid fiel auf jene Persönlichkeit, die seit September in einzelnen Medien als Favoritin gehandelt wurde.

Mit der 60-jährigen Genfer Juristin Héritier Lachat - ohne Bindestrich, wie die seit 35 Jahren Verheiratete vor den Medien unterstrich - steht erstmals in der 76-jährigen Geschichte der Schweizer Finanzmarktaufsicht eine Frau an der Spitze. Der Bundesrat entschied sich zudem für eine interne Lösung. Die neue Präsidentin ist schon jetzt Mitglied des FINMA-Verwaltungsrats.

Eveline Widmer-Schlumpf ist glücklich

Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gab sich vor den Medien sehr glücklich, dass sich die Banken- und Finanzrechtsspezialistin in einem längeren Gespräch von der Übernahme des FINMA-Präsidiums habe überzeugen lassen. Héritier Lachat sei aber nicht die einzige Kandidatin gewesen, sagte die Bundesrätin, ohne weitere Namen bekanntzugeben. Der Bundesrat sei überzeugt, eine äusserst kompetente Person gewählt zu haben. «Und eine Frau, die sehr mutig und sehr entscheidfreudig ist.»

Die neue Finma-Präsidentin gab sich bei ihrem ersten Medienauftritt sehr gefasst und zurückhaltend. Für Sachfragen verwies sie auf die Jahresmedienkonferenz der Finanzmarktaufsicht im kommenden März. Ihre Fachkenntnisse konnte sie aber schon unter Beweis stellen, als die Finanzministerin bei der Beantwortung von Medienfragen zur Botschaft über das Too-big-to-fail-Problem verschiedentlich flüsternd Rat bei der neuen FINMA-Präsidentin einholte.

Mit voller Energie an die Arbeit

Héritier Lachat ist sich nach eigenen Angaben der Herausforderung bewusst, die sie mit dem Finma-Präsidium angenommen hat. Sie versprach, sich vom 1. Januar an mit voller Energie für die neue Aufgabe einzusetzen. Dass sie in ihrer Karriere keine direkte Bankerfahrung hat, betrachtet die neue Finma-Präsidentin insofern nicht als Handicap, als sie zusammen mit einem ausgeglichen und breit zusammengesetzten Verwaltungsrat die Geschicke der Finanzmarktaufsicht steuert.

Die neue Finma-Präsidentin ist seit vielen Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SP). Sie unterstrich aber ihre völlige Unabhängigkeit und gab sich überzeugt, dass die SP-Mitgliedschaft ihre Arbeit als oberste Finanzmarktaufseherin in keiner Art und Weise beeinträchtige. Widmer-Schlumpf betonte, dass die Parteizugehörigkeit bei dem Wahlgeschäft absolut keine Rolle gespielt habe. Als Beweis erwähnte sie ein zweistündiges Gespräch mir der Kandidatin, in dem die Parteipolitik von keiner Seite angeschnitten worden sei.

Solider Leistungsausweis im Finanzmarktrecht

Die neue Finma-Präsidentin ist in der Deutschschweiz über Fachkreise hinaus kaum bekannt. Héritier Lachat bringt aber einen soliden Leistungsausweis im Finanzmarktrecht mit. 2005 wurde sie vom Bundesrat in die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) gewählt. Nach der Fusion von Banken- und Versicherungsaufsicht zur Finma zog sie in den Finma-Verwaltungsrat ein. Héritier-Lachat blickt zudem auf langjährige Erfahrungen im Übernahmerecht zurück. Sie war in den 1990er-Jahren juristische Beraterin der Übernahmekommission (UEK), danach deren Mitglied und ab 2004 bis zur Wahl in die EBK Vizepräsidentin der UEK.

Fortschritte nötig

In einem kürzlich veröffentlichten Interview des Genfer Finanzmagazins «Banque & Finance» gab sich die neue Finma-Präsidentin selbstbewusst und zugleich selbstkritisch. Die Finma sei nicht so schlecht, wie sie nach der Finanzkrise da und dort dargestellt werde. Bezüglich Ausstrahlung und Anerkennung wie auch bei der Effizienz seien wohl noch einige Fortschritte nötig. Héritier Lachat legte zudem ein Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Finanzmarktaufsicht ab. Sie müsse bewahrt und gestärkt werden. Die künftige FINMA-Präsidentin sprach sich dafür aus, die Kompetenzen auf Stufe des Verwaltungsrats auszubauen. Es brauche eine Mischung von Fachkompetenzen und akademischer Erfahrung. Weil die Schweiz ein kleines Land sei, könnte man hin und wieder auch eine ausländische Persönlichkeit in den Verwaltungsrat berufen.

Dass der Bundesrat die Nachfolge an der Spitze der Finanzmarktaufsicht erst im letzten Moment regelte, hängt auch damit zusammen, dass sich niemand um das Amt zu reissen schien. Wunschkandidat auch über die Parteigrenzen hinweg war der ehemalige Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, Peter Siegenthaler. Der krisenerprobte Ökonom nahm sich aber früh selber aus dem Rennen, indem er im letzten Sommer das Präsidium des Kantonalbankenverbands übernahm. Auch mehrere andere Persönlichkeiten winkten ab, darunter Vertreter der Finanzbranche. Hinzu kam der Umstand, dass die Anforderungen an die Unabhängigkeit im Nachgang zur Finanzkrise an Bedeutung gewannen und eine Persönlichkeit aus dem Grossbankenumfeld kaum in Frage kam.

Der scheidende FINMA-Präsident Haltiner hatte letzten Samstag in der «Finanz und Wirtschaft» folgendes Wunschprofil für seine Nachfolge gezeichnet: «Es braucht eine Person, die krisenerprobt und entschlussfreudig ist. Ein FINMA-Präsident sollte nicht bei jedem Gegenwind einknicken und nicht zu zögerlich sein.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • tim am 23.12.2010 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Überwindung des Kapitalismus und nun das?

    Wahnsinn die SP will den Kapitalismus abschaffen und nun setzt man eine SPlerin neue FINMA-Präsidentin? Wenn das nur gut kommt, könnte mal wieder ein folgenschwerer Fehler des Bundesrats sein..

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  • reto am 22.12.2010 19:31 Report Diesen Beitrag melden

    SP-Parteiprogramm

    Naja solange die Dame nicht wirklich vorhat den Kapitalismus zu überwinden, wie es das SP-Parteiprogramm vorschreibt, sehe ich keine Gefahr für die Schweiz =)

  • sss am 22.12.2010 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    sss

    kann nicht gut herauskommen mit einer splerin

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bergli am 26.12.2010 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Sind Frauen Besser?

    Schlechter als Vorher kanns nicht werden - wieweit steckt die FINMA unter einer Decke mit den Banken und der Politik? Das werden wir wohl nie erfahren - aber gegenseitig werden diese Drei sich wohl beschützen könne. Der Steuerzahler steht dann ja wieder als Dummer mit einer Staatsgarantie für komische Bankenverhalten gerade - die die FINMA hätte merken sollen. Super! Die erste Aufgabe ist schon da: Der US-Angriff auf die Kantonalbanken... viel Spass! Wie es nicht gemacht werden sollte hat man schon einmal erlebt.

  • e-motion@bluewin.ch am 24.12.2010 00:59 Report Diesen Beitrag melden

    Parteien-Terror

    Wie lange lassen wir uns durch diesen Parteien-Terror weiter Sand in die Augen streuen. Viel wichtiger ist die unabhängige und den Menschen diende Aufsicht der Finanz Märkte und deren konsquente Lenkung zum Wohle von "allen" Menschen.

  • tim am 23.12.2010 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Überwindung des Kapitalismus und nun das?

    Wahnsinn die SP will den Kapitalismus abschaffen und nun setzt man eine SPlerin neue FINMA-Präsidentin? Wenn das nur gut kommt, könnte mal wieder ein folgenschwerer Fehler des Bundesrats sein..

    • gian am 24.12.2010 07:53 Report Diesen Beitrag melden

      @im

      nicht wenn die BDP sich um Stimmen buhlt. Die BDP (pseudo SVP) Bundesrätin um ihre Wiederwahl bangt. Da spiel doch die Parteigesinnung keine Rolle mehr.

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  • Bruno Leuenberger am 23.12.2010 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Zeit bei den 2011 Wahlen die SP abzustrafen!

    Die SP FINMA-Präsidentin ist für die Schweiz eine Fehlbesetzung! Passt aber ganz gut zum SP Partei Program "Überwindung des Kapitalismus, EU-Beitritt und Steuererhöhungen". 2011 SP abstrafen!

  • Hansueli Meili am 23.12.2010 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    FINMA

    Wieder ein SP Vertreter/in in einem Spitzenamt. Das kommt nicht gut. Diese Positionen muessen von Buergerlichen besetzt werden. Wir haben genug von der SP Politik in der Schweiz, nur Geld ausgeben das wir nicht haben.

    • G.Z. am 23.12.2010 15:46 Report Diesen Beitrag melden

      Warum bürgerlich?

      Waren es gerade nicht diese Kreise, welche mit "ohne Regeln geht es besser" diese Krise heraufbeschworen haben? Bürgerliche Politik? Das kann nicht gut rauskommen... Die nächste Krise kommt bestimmt und es werden auch ganz bestimmt wieder die kleinen zur Kasse gebeten, damit die Reichen nach der Krise wieder gleichviel oder mehr haben, wie vor der Krise... das ist die gute alte bürgerliche Politik - wollen sie das wirklich? Wir haben auch genug von schwarz/weiss Sehern in der Schweiz - das mal so nebenbei.

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