Eurokrise

10. Juli 2011 21:32; Akt: 12.07.2011 16:17 Print

Prügelknabe Rating-Agentur

von Sandro Spaeth - Eigentlich müssten Rating-Agenturen Krisen voraussehen. Sie haben aber sowohl in der Finanz- als auch in der Euro-Krise versagt. Für die Politiker sind die Bonitätshüter die perfekten Sündenböcke.

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Rating-Agenturen: Bösewichte oder lediglich die Überbringer schlechter Nachrichten?

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Wenn eine Rating-Agentur nur schon mit der Wimper zuckt, reagieren die Märkte – und derzeit auch die Politiker. Als die US-Agentur Moody’s die Anleihen Portugals diese Woche auf «Ramschniveau» herunterstufte, polterte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble übers Machtmonopol der Rating-Agenturen, das es zu durchbrechen gelte. Und als Standard & Poor’s (S&P) drohte, einzelne griechische Anleihen mit dem Urteil «Zahlungsausfall» zu bezeichnen, hagelte es für die Rating-Agentur Prügel, weil sie die Giechen-Rettung torpediere.

Ist die Kritik der Politik gerechtfertigt? Sind die Rating-Agenturen die Bösewichte oder womöglich lediglich die Überbringer der schlechten Nachrichten? Susanne Toren, Ökonomin bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) sieht das Problem differenzierter. «Die Rating-Agenturen haben ihre Frühwarnfunktion nicht wahrgenommen». Weder die Finanzkrise noch den Schuldenkollaps einiger europäischer Staaten haben die Bonitätswächter ausreichend vorhergesehen. «Und als der Knall da war, haben die Agenturen mit ihren Urteilen die Krisen noch verschärft», so Toren. Statt das Feuer zu löschen, haben die Bonitätshüter die Flammen erst recht angefacht.

Das Zünglein an der Waage

Stuft eine Rating-Agentur die Kreditwürdigkeit eines Schuldners herab, steigen dessen Kosten zur Refinanzierung. Seine Lage wird dadurch noch auswegsloser, doch die Gläubiger wollen fürs eingegangen Risiko entschädigt werden. «Ein Urteil einer Rating-Agentur kann einen Staat definitiv in die Knie zwingen», erklärt Toren. Laut der ZKB-Ökonomin ist es zudem problematisch, dass sich Rating-Agenturen jüngst auch zu Sparprogrammen von Regierungen äussern, die einige Jahre in der Zukunft liegen. Damit nehme man Staaten die Chance, sich aus eigener Kraft aus der Schuldensituation zu befreien.

Der Einfluss der Rating-Agenturen ist auch deshalb so stark, weil die drei grossen US-Agenturen Moody’s, S&P und Fitch den Kuchen zu 90 Prozent unter sich aufteilen. «Diese Marktmacht ist bedenklich», sagt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann im Gespräch mit 20 Minuten Online. Die Forderungen europäischer Politiker, man möge eine europäische Rating-Agentur aus der Taufe heben, findet Wittmann nachvollziehbar. Sie müsste aber vollständig unabhängig von der Politik sein. Doch wenn man bedenkt, in welch angespannter Situation sich die Eurozone mit ihren Schuldensündern derzeit befindet, ist eine europäische Rating-Agentur ohne politischen Einfluss wohl Wunschdenken.

Keine neutraler Referee

Ein weiteres Problem der Bonitätswächter liegt in ihrer zweifelhaften Unabhängigkeit. Die Agenturen sind längst nicht die neutralen Schiedsrichter, als die sie sich gerne sehen. «Sie sind selbst Akteure in der Finanzbranche», sagt Wittmann. Rating-Agenturen seien auf Aufträge angewiesen, weshalb sie oft zu gute Bonitätsnoten erteilen würden. «Die Spieler schauen sich vor dem Spiel verschiedene Schiedsrichter an und lassen sich von ihnen Angebote machen», schrieb Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar diese Woche in einem Gastbeitrag in der «NZZ». Wittmann ist zudem überzeugt, dass Rating-Agenturen Verbindungen zu Investmentbanken haben und man gelegentlich gemeinsame Sache mache.

Die Weste der Rating-Agenturen ist zwar nicht unbefleckt, ihnen aber gar eine Mitverantwortung für die ausufernde europäische Schuldenkrise zu unterstellen, geht zu weit. Weder Moody’s noch Standard & Poor’s haben in Griechenland oder Portugal Schulden angehäuft. Mit den schlechten Noten erschweren die Bonitätshüter zwar die Bedingungen für die Schuldenstaaten, um an neues Geld zu kommen, die grundsätzliche Misere haben aber nicht die Bonitätshüter verursacht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R.C. am 10.07.2011 23:09 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung Teil 2

    oder wollen es verschlimmern, nein sie zeigen uns nur die Realität und wie es wirklich ist. Ob das gut ist? Für die Wirtschaft ist es natürlich schlecht, sowie für den Staat oder unternehmen und daher sind solche Agenturen gehasst oder als Sündenbock angesehen. Für die Menschen ist es "gut" sie sehen wie es wirklich ist. Und wie schlecht der Euro momentan wirklich steht. Danke für zuhören

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  • J.Nerz am 11.07.2011 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Die machen doch nur ihren Job

    Sie müssen für die US-Banken von der Dollar-Krise ablenken, und das machen sie richtig gut.

  • martin am 11.07.2011 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    eu rechthaberisch

    eu hat auch ein grossteil mitschuld an dieser misere.die wollen die realität nicht sehen.und ganz einfach mit dem kopf durch die wand

Die neusten Leser-Kommentare

  • martin am 11.07.2011 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    eu rechthaberisch

    eu hat auch ein grossteil mitschuld an dieser misere.die wollen die realität nicht sehen.und ganz einfach mit dem kopf durch die wand

  • Reto Meier am 11.07.2011 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Freie Rating Agencies enorm wichtig

    Je mehr Geld fliesst, desto länger leben die überschuldeten EU Mitgliedstaaten über ihre Verhältnisse und desto mehr ist verloren. Die Geschäftsbanken kassieren horrende Zinsen und haben durch die politische Rettung des Euros eine gute Kapitalausfallgarantie der EU. Neuere und immer grössere Staatliche EU-Rettungsschirme werden nicht ohne Folgen für die Verbraucher und Steuerzahler bleiben. Zum guten Glück haben wir hier noch die Rating Agencies, die trotz harscher Kritik der politischen EU Seilschaften, wenigstens etwas Orientierung für Investoren bieten.

    • Georg am 08.08.2011 10:19 Report Diesen Beitrag melden

      Das ist hier die Frage.

      Bewerten die Ratingagenturen die Situation zu ihren Gunsten oder zu den Gunsten der Investoren? Hast du dir diese Frage schon mal gestellt? Wie soll ein System funktionieren, dessen "neutrale" Kontrollorgane nur auf Profit aus sind?!

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  • Karl K. am 11.07.2011 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Richtige Zeit

    Der Kapitalismus neigt sich seinem Ende zu ... so ist das eben. Wenn farbige Papierfötzel keinen Wert mehr haben, erinnern sich die Menschen vielleicht wieder daran, dass Tugenden wie Ehrlichkeit, Hingabe und Vertrauen weit wichtiger sind, als materieller Überfluss.

    • Supermario am 14.07.2011 12:41 Report Diesen Beitrag melden

      Alternative?

      Gerade die angesprochenen "Papierfötzel" fussen auf Ehrlichkeit (bitte nicht fälschen), Hingabe (niemand verachtet ein wenig Reichtum) und Vertrauen (Einziger und alleiniger Wertmassstab im Wirtschaftsleben). Somit ist der obige Satz für mich ein ziemlicher Widerspruch; hingegen wäre viel interessanter wie Karls Alternativen zu einer "Post-Kapitalistenaera" aussehen würden?

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  • Supermario am 11.07.2011 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Meist zu spät

    Ratingagenturen sind wohl in erster Linie fürs Schaufenster. Gehts einer Gesellschaft gut braucht niemand ein Vertrauensbeweis; gehts einer schlecht kommt die Rückstufung eh immer zu einem Zeitpunkt welcher nichts mehr bringt.

  • Sven E. am 11.07.2011 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Versagt hat die EU

    nicht die Rating Agenturen. Diese sagen die schwindende Zahlungsfähigkeit der Euro Länder schon lange voraus. Die EU will es nur nicht hören.

    • Papierlischweizer am 11.07.2011 10:40 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht nur.

      Lieber Sven. Leider fokussieren Sie sich zu einseitig auf die EU. Würden die Rating-Agenturen mit gleichen Ellen messen, müsste die USA schon längstens auf der untersten Stufe bezüglich der Kreditwürdigkeit sein. Dieser Markt wird von den Agenturen aber immer noch bestens bewertet, obwohl die Schulden unermesslich sind und die Konjunkturdataen eine rasche Genesung der US-Wirtschaft nicht erwarten lassen. Erschweirend kommt hinzu, dass der Ursprung der heutigen globalen Wirtschaftskrise im Platzen der US-Immobilienblase und der Zahlungsunfähigkeit involvierter Banken und Versicherungen ist.

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