Raiffeisen-Gruppe

04. März 2011 13:38; Akt: 04.03.2011 13:45 Print

Risiken beim Aufbruch weg vom Kuhdung

von E. Rizzi - Raiffeisen ist endgültig keine putzige Landbank mehr. Mit einem Marktanteil von 16 Prozent aller Hypotheken und dem forschen Vormarsch in den Städten steigen jedoch die Risiken.

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Raiffeisenchef Pierin Vincenz bringt seine Bank vom Land in die Städte. (Bild: Keystone)

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In den düstersten Stunden der Finanzkrise zogen sie zu tausenden ihre Gelder von den Grossbanken ab und flüchteten sich in die Arme der vertrauten, heimischen Raiffeisengruppe. Aus dem Image des Bodenständigen und dem treuherzigen Blick ihres Chefs Pierin Vincenz schlägt die Bankengruppe selbst zwei Jahre nach dem finanzpolitischen Beinahe-Supergau Kapital.

Die Raiffeisengruppe gewann 2010 erneut 63 000 neue Kunden. Die Summe Kundenausleihungen konnte um 8,2 Prozent auf 127,3 Milliarden Franken gesteigert werden. Und der Bestand der Hypotheken (das Hauptgeschäft der St. Galler Banken-Genossenschaft) belief sich Ende Jahr auf 119,6 Milliarden Franken. Damit hält die Raiffeisen 16 Prozent Marktanteil und ist die führende Retailbank der Schweiz.

Doch damit nicht genug: Der in den letzten Jahren schon forsch vorangetriebene Vormarsch weg vom Kuhdung und hinein in die Städte soll auch 2011 weiter getrieben werden. 30 neue Geschäftsstellen sind geplant, nachdem Raiffeisen in den letzten beiden Jahren bereits 45 neue Filialen in städtischen Gebieten eröffnet hatte.

Die zunehmende Urbanisierung wird von Experten positiv beurteilt. «Die Bank folgt einem Trend der Bevölkerungsentwicklung. In ländlichen Gebieten gibt’s ja auch keine Post oder Lebensmittelläden mehr. In den Städten ist dagegen noch Wachstumspotenzial», so Daniel Senn, Bankenspezialist bei der Unternehmensberatung KPMG. Kantonalbanken oder regional verankerten Banken würde dagegen teilweise die Kundschaft wegsterben.

Eine Nasenlänge voraus

In der Tat ist die Bank derzeit ihren Schweizer Mitbewerbern eine Nasenlänge voraus. So hat der immense Geldzufluss der Kunden, die genug haben von der Abzockermentalität des globalen Bankings, die am Schluss doch nur in der Staatshilfe versinken, zu traumhaften Marktkonditionen geführt. «Der überproportionale Kundengeldzufluss sowie die günstige Refinanzierung über Pfandbriefdarlehen erlauben oft bessere Kundenkonditionen als bei der Konkurrenz», beobachtet der St. Galler Bankenprofessor Beat Bernet. Und durch die immensen Geldzuflüsse sei erst noch die Ertragskraft der Bank gesteigert worden.

Kommt noch hinzu, dass die St. Galler trotz Geldregen bisher nicht in Grössenwahn verfallen sind. «Raiffeisenbanken operieren mit deutlich tieferen Kosten als viele andere Banken», so Bernet.

Probleme bei Informatik und Logistik

Tiefere Kosten: Das heisst vor allem ein veraltetes Informatiksystem. So hat die Raiffeisengruppe laut Senn zwar in der St. Galler Zentrale die zeitgemässe Bankensoftware Avaloq eingeführt. In den ländlichen Filialen wird dagegen noch immer mit einer bankeneigenen Lösung gearbeitet. «Es wäre ein enormer Kostenblock, die ganze Bank umzurüsten», gibt er zu bedenken. Doch das Kostenbewusstsein hat auch eine negative Kehrseite: «Die zentrale Informatik ist tatsächlich noch immer nicht dort, wo sie eigentlich längst sein sollte», gibt Bernet zu. Die Folge: Raiffeisen hat noch grossen Nachholbedarf beim Internetbanking inklusive Social Media.

Und auch die Logistik hinkt hinter dem Zustrom der Neukunden her. Das führte dazu, dass die gut gemeinte Gratis-Skipass-Aktion von diesem Winter denn eher peinlich herüberkam. Denn die Aktions-Broschüre kam bei diversen Kunden so spät an, dass etliche Angebote bereits verfallen waren. «Die Gruppe muss einzelnen Banken noch besser in wichtigen logistischen Bereichen unterstützen und gleichzeitig die Kosten der Leistungserbringung im Griff behalten», glaubt Bernet.

Genau bei solchen Problemen hilft die genossenschaftliche Struktur der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz jedoch nicht. Besteht doch die Raiffeisen Schweiz noch immer aus 339 genossenschaftlich organisierten Banken mit 1122 Bankstellen. Zum Vergleich: Coop als zweite grosse Genossenschaft in der Schweiz hat die Zahl der Genossenschaften von anfänglich über 400 auf heute 14 und zentralisierte diese zu Beginn des Jahrtausends schliesslich ganz.

«Eine so dezentrale Organisation macht es schwierig, einheitliche Standards einzuführen», glaubt René Michael Weber, Bankberater und Dozent an der Hochschule Luzern. Als Beispiele nennt er ein einheitliches Vorgehen bei der Kundenberatung oder auch im Umgang mit den Mitarbeitenden. Das wiederum kann sich negativ auf die Qualität der Kundenbetreuung auswirken.

Erste Anzeichen dafür, dass der Haussegen nicht mehr ganz gerade hängt, zeigt eine neulich durchgeführte interne Umfrage bei den Raiffeisen-Angestellten. Laut «Sonntag» gaben die Mitarbeitenden der Führungsriege nur knapp 50 von 100 möglichen Punkten. «Obwohl bei Kulturanalysen die Führung durch die Mitarbeitenden häufig eher schwach bewertet wird, ist das ein unterdurchschnittlicher Wert», so Weber. Befürchtet wird unter der Belegschaft einerseits die Entstehung eines Zweiklassen-Mitarbeiterstabs: Den Topverdienern in den Städten und den Lückenbüssern auf dem Land. Andererseits machen sich die Probleme bei der Informatik negativ bemerkbar.

Und zuletzt ist aber auch der grösste Vorteil der Raiffeisen zugleich ihr grösstes Risiko. «Sie hat zwar mit ihrem aggressiven Vorpreschen das Volumen bei den Hypotheken stark steigern können, nicht aber im gleichen Ausmass den Gewinn», warnt Senn. 2010 hat die Bank 627 Millionen Franken verdient, 18 Millionen weniger als 2009. «Wachstum auf Teufel komm raus muss kritisch hinterfragt werden; insbesondere beim aktuellen Überangebot und Preiskampf bei den Hypotheken», ist Senn überzeugt.