Wagnisliste

24. Dezember 2012 09:05; Akt: 24.12.2012 09:55 Print

Risikosport kann in die Armut führen

von Simon Hehli - Freerider, Snow-Quad-Cracks oder Snowrafter riskieren für den Adrenalinschub alles. Verunfallen sie, kanns teuer werden – Versicherungen dürfen Leistungen kürzen oder sogar streichen.

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Gefährliche Sportarten lassen den Adrenalin-Pegel in die Höhe schiessen. Passiert jedoch ein Unfall mit Invaliditätsfolge können die Folgen verheerend sein: Die Versicherungen zahlen in solchen Fällen möglicherweise nur einen Teil ihrer Leistungen aus. Die so genannte Wagnisliste ist umfangreich. Darauf findet sich lange nicht nur das Speedflying, bei dem man in Bodennähe mit einem kleinen Gleitschirm fliegt und immer wieder auf den Skis landet. Naheliegend ist, dass auch Skispeed-Rekordfahrten auf die Wagnisliste gehört. Schneemotorrad-Rennen gelten ebenfalls als gefährlich. Wer auf der Skipiste einen schweren Unfall baut, kriegt volle Versicherungsleistungen. Das gilt aber nicht für Freerider, die aufgrund der Routenwahl, ihrer Ausrüstung oder ihrer mangelnder Erfahrung zu hohe Risiken eingehen. Ähnliche Regeln wie beim Skifahren gelten auch beim Klettern, sei es im Eis ... ... oder in Felsen: Wer die üblichen Gebote ignoriert, riskiert seine finanzielle Absicherung bei einem Unfall. Den Grossteil der gefährlichen Sportarten bilden eher sommerliche Aktivitäten - etwa das Base Jumpen (hier in Kuala Lumpur, Malaysia). Motorradrennen bergen ein hohe Unfallrisiko. Ebenso Bergabfahrten auf Rollbrettern. Oder Wildwasserfahrten auf einem kleinen Schwimmbob, das so genannte Hydrospeed. Ein Unfall beim Downhill-Biking kann teuer zu stehen kommen - sei es bei einem Wettkampf oder beim Training. Das gleiche gilt für die Rennen mit so genannten Quads, vierrädrigen Tempobolzern. Ebenfalls auf der schwarzen Liste stehen Rennen mit Motocross-Rädern ... ... Schnellbooten ... ... und Autos in den Bergen. Fullcontact-Sportarten wie Boxen gelten als gefährlich - sie bergen etwa ein hohes Risiko für Kopfverletzungen. Wer tiefer als 40 Meter taucht, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Aurf der Liste finden auch kuriose Sportarten Eingang - etwa «Karate-extrem (Zertrümmern von Back- oder Ziegelsteinen oder dicken Brettern mit Handkante, Kopf oder Fuss)». Oder das «bewusste Zertrümmern von Glas». Gleitschirmfliegen gilt dann als Risikosportart, wenn bei sehr ungünstigen Windbedingungen gestartet wird. Zu den relativen Risiken, bei denen eine Kürzung droht, falls man sich nicht an die üblichen Vorsichtsmassnahmen hält, gehören auch das Snowrafting ... ... Schiessübungen, die unorganisiert oder unbeaufsichtigt sind, ... ... Canyoning ... ... und Hochseesegeln.

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Von einem Ast, aus vier Metern Höhe stürzte sich der 20-Jährige Kopf voran ins trübe Wasser des Rheins. Doch der Fluss war an dieser Stelle nur 80 cm tief – der junge Mann erlitt so schwere Verletzungen, dass er seither gelähmt ist. Das war im August 2009. Anfang Dezember 2012 fällte das Bundesgericht nun ein einschneidendes Urteil: Weil der Mann mit seinem leichtsinnigen Sprung ein Wagnis eingegangen ist, erhält er nur die Hälfte der Taggelder – also des Erwerbsersatzes – und der Unfallrente.

Umfrage
Ist es richtig, dass Risikosportlern, die verunfallen, die Versicherungsleistungen gekürzt werden können?
70 %
30 %
Insgesamt 3762 Teilnehmer

Der Entscheid wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das vielen Leuten nicht bewusst ist, die für einen Adrenalinschub Kopf und Kragen riskieren: Die Vollkasko-Gesellschaft hat auch Grenzen. Die Unfallversicherer haben das Recht, die Taggelder zu kürzen oder sogar ganz zu verweigern, wenn der Unfall bei einer gefährlichen Sportart oder Tätigkeit in der Freizeit passierte. Nur die Heilungskosten müssen sie in jedem Fall tragen.

Lange Liste von Wagnissen

Die Suva führt eine ausführliche Wagnisliste, die auch online zugänglich ist. Sie unterscheidet zwischen absoluten und relativen Wagnissen. In die erste Kategorie fallen Sportarten und Tätigkeiten, die per se gefährlich sind – im Winter etwa Geschwindigkeitsrekord-Versuche auf Skis oder Schneemotorrad-Rennen (siehe Bildergalerie).

Die Sparte der relativen Wagnisse umfasst Freizeitvergnügen wie Klettern oder Skifahren, die erst richtig gefährlich werden, wenn man die üblichen Vorsichtsmassnahmen ignoriert. So müssen unerfahrene oder schlecht ausgerüstete Freerider mit einer Leistungskürzung rechnen, wenn sie abseits der markierten Piste schwer verunfallen.

Suva kürzt jährlich 90 Leistungen

In besonders schweren Fällen kann die Suva Geldleistungen sogar ganz verweigern. Zum Beispiel wenn ein Hasardeur alleine und bei miesem Wetter auf eine besonders schwierige Bergtour geht und alle Warnungen von erfahrenen Bergsteigern in den Wind schlägt. Laut Suva-Sprecherin Barbara Senn sind pro Jahr durchschnittlich 90 Personen von Leistungskürzungen oder -streichungen betroffen.

Bei der Suva versichert sind jene rund 1,9 Millionen Angestellten von Betrieben mit relativ hoher Unfallgefahr, etwa Baufirmen, Forstbetrieben oder Industriefirmen. Alle anderen Beschäftigten, die mindestens 20 Prozent arbeiten, werden über ihre Arbeitgeber bei privaten Versicherungen versichert. Auch diese führen Wagnislisten – doch ist es mit der Transparenz bei ihnen nicht so weit her.

«Ein Leben in Armut droht»

Die Zurich schickt auf Anfrage zwar die Liste, die praktisch deckungsgleich ist mit jener der Suva. Versicherte, die sich auf der Website selbständig informieren wollen, werden jedoch nicht fündig. Ähnlich sieht es bei der Axa Winterthur und der Generali aus: Alle Versicherer verweisen in ihren Vertragsbedingungen auf die Möglichkeit einer Leistungskürzung, wie sie das Gesetz vorsieht. Die Drohung bleibt aber abstrakt, weil nicht ausgeführt wird, was genau zu den Wagnissen gezählt wird (siehe Box).

Der Thurgauer Nationalrat Christian Lohr stört sich daran, dass die Wagnislisten so intransparent sind. Er weiss von mehreren Fällen, bei denen junge Menschen wegen Risikosport-Unfällen zu Invaliden geworden sind – und dann aus allen Wolken fielen, als sie keine vollen Leistungen erhielten. «Fatalerweise sind Inhalt und Konsequenzen der Listen der Bevölkerung kaum bekannt», sagt der CVP-Mann gegenüber 20 Minuten Online. «Die Gefahr ist gross, dass die Betroffenen ein Leben in Armut führen müssen.»

Ebenfalls fragwürdig findet Lohr, dass die Versicherungen ihre Liste in Eigenregie erstellen dürfen – und damit über das Schicksal der Verunfallten entscheiden. Lohr will deshalb in einem neuen Vorstoss vom Bundesrat wissen, ob dieser die Entscheidungshoheit der Versicherer für richtig hält und nach welchen Kriterien die Wagnislisten erstellt und aktualisiert werden.

Versicherer tauschen sich in Kommission aus

Immerhin die Antwort auf die zweite Frage nimmt Suva-Sprecherin Senn vorneweg. Die Wagnisliste basiere auf drei Faktoren: Erstens auf der Rechtsprechung. Zweitens auf Anfragen von Versicherten oder Sportverbänden zu möglichen Wagnissportarten. Und drittens auf konkreten Unfällen von Versicherten.

Die Unfallversicherer tauschen sich in einer Kommission regelmässig aus und erarbeiten Richtlinien. «Letztlich entscheidet aber jeder Versicherer für sich, ob er sich danach richtet oder nicht», sagt Senn. Dem Versicherten bleibe bei einem Kürzungsbescheid natürlich noch der Weg ans Gericht.

Dass dieser Schritt nicht zwingend erfolgversprechend ist, zeigt der Fall des jungen Mannes, der in den Rhein sprang. Und dafür lange büssen muss – auch finanziell.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Domi am 25.12.2012 17:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsinnig

    Extremeportler sollten eine kleine Aufpreis zahlen und gut ist. Bei der KK wird ja schliesslich auch nicht zwischen wirklich Kranken und Überfressenen Personen unterschieden.

  • Snowwhite am 25.12.2012 09:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch andere Risiken

    Es wäre ja wünschenswert, wenn diese Liste bekannt wäre. So kann jeder selber entscheiden, wie viel Risiko man eingehen will. Aber was ist denn mit anderen Gesundheitsrisiken, wo jeder die Folgen mehr oder weniger kennt? Zum Beispiel kenne ich keinen Fall, wo einem Raucher oder Alkoholiker oder Rasern, die einen Unfall machen Krankenkassenleistungen gekürzt wurden. Die Kosten dieser eingegangenen Risiken sind auch sehr hoch. Man sollte nicht nur im Sport die Risiken sehen, wenn es "gerecht" sein soll.

  • Downhiller am 24.12.2012 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    Solidarität

    Weshalb sollen Extremsportler die Kosten selber tragen aber einem fetten Couchpotatoe wird die Magen-OP bezahlt? Weshalb werden Randgruppen eigentlich immer ausgenommen? Nur weil Sie ihr Leben anders Leben? Wollt Ihr echt, dass alle Menschen nur noch 8h arbeiten, 8h schlafen und die verbleibenden 8h in Luftpolsterfolie vor dem TV sitzen (aber ja ohne Horror-Filme und Ballergames weil sie sonst wieder aufmüpfig werden könnten)? So ist das nun mal in einer Demokratie mit Solidaritätsprinzip..... und btw, die AHV-Beiträge eines verstorbenen Extremsportlers nehmt ihr sicher auch dankend an oder???

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Die neusten Leser-Kommentare

  • unbekannt am 25.12.2012 22:41 Report Diesen Beitrag melden

    ...!

    wer der meinung ist, risikosportler sollen ihre folgekosten selber zahlen, der soll sich dann ehrlicherweise auch an keinen entsprechenden youtubefilme erfreuen. die frage ist noch, wie viel solche risikosportler zur allgemeinen sicherheit betragen. würden diese menschen nicht ihren kopf risikieren, könnten wir nicht aus ihren fehlern lernen und die sicherheit z.b. im motorradfahren wäre wohl um einiges rückständiger. denkt nur mal an helme, ausrüstung etc. dasselbe im schneesportbereich. etwas mehr solidarität in dieser gesellschaft würde nicht schaden.

    • Rolf Meiner am 27.12.2012 10:50 Report Diesen Beitrag melden

      Solidarität????

      So ein Blödsinn, auf verwackelte und unscharfe Filmchen in denen jemand sein Leben riskiert kann ich verzichten, die werden sowieso nur ins Netz gestellt um anzugeben. Gutes Material wird im Labor bis zur Produktionsreife getestet, ich bin nicht bereit das Risiko von Menschen die bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen mitzufinanzieren.

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  • No Name am 25.12.2012 21:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Skirennen?

    Ist da jemand "vergessen" worden?Was ist mit den Skirennfahrer ( Downhill) ? Jeder will ja der schnellste sein im Ziel und tun alles darfür, dass das Material noch schneller wird! unfair......!

  • Domi am 25.12.2012 17:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsinnig

    Extremeportler sollten eine kleine Aufpreis zahlen und gut ist. Bei der KK wird ja schliesslich auch nicht zwischen wirklich Kranken und Überfressenen Personen unterschieden.

  • Vernunftsbestie am 25.12.2012 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    YOLO

    Das wird den Betreffenden herzlich egal sein ... die möglichen Konsequenzen ihrer Aktionen verdrängen sie nämlich. Ist letztes Mal/beim Kollegen/im Youtube-Video gutgegangen, wird schon nichts passieren.

  • Snowwhite am 25.12.2012 09:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch andere Risiken

    Es wäre ja wünschenswert, wenn diese Liste bekannt wäre. So kann jeder selber entscheiden, wie viel Risiko man eingehen will. Aber was ist denn mit anderen Gesundheitsrisiken, wo jeder die Folgen mehr oder weniger kennt? Zum Beispiel kenne ich keinen Fall, wo einem Raucher oder Alkoholiker oder Rasern, die einen Unfall machen Krankenkassenleistungen gekürzt wurden. Die Kosten dieser eingegangenen Risiken sind auch sehr hoch. Man sollte nicht nur im Sport die Risiken sehen, wenn es "gerecht" sein soll.