Todesstrafe

10. Februar 2011 16:58; Akt: 10.02.2011 16:59 Print

Sandoz-Medikament in US-Todesspritze

Die zum Novartis-Konzern gehörende «Sandoz GmbH» im österreichischen Kundl produziert ein Narkosemittel, das in den USA bei Hinrichtungen eingesetzt wird.

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Der letzte Gang eines Verurteilten führt in den Hinrichtungsraum. Von Bundesstaat zu Bundesstaat sind die zulässigen Hinrichtungsmethoden unterschiedlich: Injektion, Elektrokution, Vergasen, Erhängen oder Erschiessen. Mit Ausnahme von Nebraska, in dem die Elektrokution zwingend vorgeschrieben ist, bieten alle Staaten den Todeskandidaten diese Methoden als Alternative an. Dieser Zettel im Raum neben der Todeszelle zeigt die chemische Zusammensetzung der Giftspritzen. Gary Gilmore wurde am 17. Januar 1977 in Utah von einem Erschiessungskommando getötet. Er war der erste Todeskandidat, der nach der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA hingerichtet wurde. Robert Lee Willie wurde wegen Mordes und Vergewaltigung zum Tode verurteilt. Er starb am 28. Dezember 1984 auf dem elektrischen Stuhl. Teile seines Falls dienten als Vorlage für den Film «Dead Man Walking.» Kenneth Lee Boyd war der 1000. Todeskandidat, der seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA hingerichtet wurde. Er starb am 2. Dezember 2005 durch eine Giftinjektion. Timothy McVeigh wurde wegen seiner Beteiligung am Bombenanschlag von Oklahoma City im Jahr 1995 zum Tode verurteilt, bei dem 168 Menschen ums Leben kamen. McVeigh wurde am 11. Juni 2001 hingerichtet. Im Alter von 77 Jahren starb am 14. Dezember 2005 der verurteilte Auftragskiller John Nixon in einer Hinrichtungszelle in Mississippi. Er war der älteste Mensch, der seit 1976 hingerichtet wurde. Clarence Ray Allen starb am 17. Januar 2006 durch eine tödliche Injektion, einen Tag nach seinem 76. Geburtstag. Allen war blind, taub und an den Rollstuhl gefesselt, als er hingerichtet wurde. Ein Gnadengesuch lehnte der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger ab. Nach langen Protesten wurde am 13. Dezember 2005 der mehrfache Mörder Stanley «Tookie» Williams in Kalifornien hingerichtet. Williams gründete in den siebziger Jahren eine Strassengang und wurde wegen mehrerer Morde verurteilt. Während seiner Haftzeit distanzierte sich Williams von seiner Gang-Vergangenheit, schrieb Bücher und setzte sich für benachteiligte Jugendliche ein. Das eklatanteste Missverhältnis bei den ausgesprochenen wie vollstreckten Todesurteilen ergibt sich bei den Geschlechtern der Todeskandidaten: Seit 1976 wurden 11 Frauen und 992 Männer hingerichtet. Die zuletzt hingerichtete Frau war Frances Elaine Newton, eine transexuelle Stripperin, in Texas am 14. September 2005.

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Es erinnert an den Waffenhandel: Die Ware gelangte über eine Kette von Zwischenhändler ans Ziel. Im Januar hatte der österreichischen Rundfunk ORF berichtet, das Sandoz-Narkosemittel Sodium Thiopental werde in den USA eingesetzt, um Todeskandidaten vor ihrer Hinrichtung zu betäuben.

Das Mittel werde nicht direkt von Sandoz geliefert, sondern über den britischen Zwischenhändler Archimedes Pharma. Sandoz erklärte damals, man lehne solche Praktiken ab. Es sei jedoch nicht möglich, die ganze Lieferkette zu kontrollieren.

Über Zwischenhändler in die Todeszelle

Am Donnerstag erklärte Sandoz in einer Stellungnahme gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA, Archimedes sei kein Kunde von Sandoz. Die britische Firma erhalte injizierbares Thiopental jedoch indirekt.

Sandoz vermarkte das Narkosemittel in 50 Ländern weltweit, allerdings nicht in den USA und in Grossbritannien. Im Falle Grossbritanniens werde Thiopental im Auftrag einer Drittfirma hergestellt. Diese wiederum verkaufe das Mittel an Archimedes.

Gemäss dem ORF verkaufte Archimedes im vergangenen Herbst 525 Gramm Thiopental an die US-Justizbehörden - genug um 100 Menschen vor einer Hinrichtung zu betäuben.

Sandoz reagiert

Sandoz erklärte dazu, Archimedes sei alleine für die Vermarktung und die kommerzielle Auslieferung unter der entsprechenden Vermarktungserlaubnis in Grossbritannien verantwortlich.

Allerdings wies Sandoz nach eigenen Angaben inzwischen seine Niederlassungen an, das Produkt nicht in die USA zu liefern. Das Mittel werde auch nicht mehr an Grosshändler oder Drittkunden ausgeliefert, die es an die USA verkaufen könnten, hiess es.

WHO: «Essential Drug»

Die Novartis B”rsenkurs-Tochter verteidigte zugleich die Herstellung des Narkosemittels. Bei Thiopental handle sich um ein von der Weltgesundheitsorganisation als «essential drug» klassifiziertes Arzneimittel.

Sandoz und Novartis würden ausschliesslich die zugelassene Anwendung unterstützen. Thiopental wird zur Einleitung einer Anästhesie oder Kurzzeitnarkose verabreicht oder bei schweren Epilepsien eingesetzt.

Gesundheitsministerium wird aktiv

Die Enthüllungen brachten in Österreich die Politik auf den Plan. Man habe Sandoz bereits vor Langem zu einer Stellungnahme aufgefordert und appelliert, solche Geschäfte nicht zu tätigen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums.

Im Oktober 2010 hatte die Firma Hospira in den USA die Produktion des Mittels Natrium-Thiopental eingestellt. Dieses Narkosemittel ist eines von drei Bestandteilen der Giftspritze. Seitdem wird in den USA nach Alternativen gesucht. Unter anderem wurde ein Mörder mit Hilfe eines Mittels zum Einschläfern von Tieren hingerichtet.

(sda)