Bankenregulierung

25. Februar 2011 19:16; Akt: 25.02.2011 19:20 Print

Schattenbanken bedrohen die Finanzwelt

von Gérard Moinat - Dunkle Machenschaften der Banken: Wegen der zunehmenden Regulierung drohen sie risikoreiche Aktivitäten in den Schattenbereich auszulagern.

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Regulieren ist wie eine Steuer erheben. Mit dieser Aussage provozierte Larry Summers, der ehemalige Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, am WEF, und fügte hinzu: «Das reizt zur Abwanderung in ein unreguliertes Schattenbanken-System.»

Damit rügte Summers die Regulierungswut der westlichen Regierungen — und damit auch jene der Schweiz. Hierzulande wurde im Zuge der Finanzkrise und dem Beinahe-Kollaps der UBS der Ruf nach mehr Regulierung des Bankensektors besonders laut.

Rasch bemühte sich die Schweizer Politik deshalb, den Bankensektor an die Kandare zu nehmen. Mit den verschärften Eigenkapitalvorschriften «Basel III» und dem noch strengeren «Swiss Finish» will man das Risiko von zu grossen Banken in der Schweiz künftig verringern. Doch der Schuss könnte nach hinten losgehen.

Gefährlich Auswege

«Wenn man zuviel Regulierung in einem Sektor hat, ist klar, dass die betroffenen Firmen versuchen, Auswege zu finden», sagt Ulrich Kohli, bis Ende 2009 Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank. Zu starke Regulierung sei wegen der höheren Kosten nicht effizient «und kann sogar gefährlich sein».

Denn um den künftig geltenden Verschuldungsgrad zu erfüllen, könnten Schweizer Banken ähnlich wie amerikanische Finanzinstitute versuchen, von der verschärften Regulierung besonders betroffene Aktivitäten zu veräussern. Das heisst, diese aus der Bank zu entfernen und in rechtlich unabhängige Einheiten auszulagern.

In den sogenannten Schattenbereich also, der nicht der traditionellen Bankenregulierung untersteht. «Diese Einheiten verfügen über praktisch kein Eigenkapital und sind deshalb sehr riskant», so Kohli.

Uninteressant, Risikopositionen auf eigene Rechnung zu halten

Auch Daniel Senn, Head of Audit Financial Services von KPMG Schweiz, warnt: «Durch die neuen Eigenkapitalvorschriften wird es für Banken zusehends uninteressant, hohe Risikopositionen im Trading auf eigene Rechnung zu halten.» Die Eigenmittelvorschriften um «Basel III» drückten so auf die Rentabilität.

Deshalb würden Schweizer Banken ihre Risikoprofile im Eigenhandel herunterfahren. Eine Möglichkeit um Risiken auszulagern bieten beispielsweise Hedge Funds.

Die Risiken zu senken sei zwar im Sinn des Gesetzgebers, sagt Senn. «Da Hedge Funds aber nicht der traditionellen Bankenregulierung unterstehen — solange sie sich ausschliesslich an institutionelle Investoren wenden — drohen dadurch auch mehr und mehr solche Geschäfte in den nicht regulierten Bereich abzuwandern.»

Abwarten und Tee trinken

Bankenexperte Manuel Ammann von der Universität St. Gallen schätzt das Problem der Schattenbanken als nicht besonders akut ein. Denn anders als der Konkurs einer Geschäftsbank erschüttere der Kollaps eines Hedge Funds das Finanzsystem nicht in seinen Grundfesten. «Dafür sind die meisten Hedge Funds zu klein.»

Doch gerade dieser Punkt sei nicht unumstritten, gibt Ammann zu: Bei einigen Hedge Funds seien auch schon Stimmen laut geworden, dass sie zu gross seien, um fallengelassen zu werden.

Auch Senn ist überzeugt, dass Schweizer Banken vorerst noch abwarten und schauen würden, wie das benachbarte Ausland die «Basel III»-Vorschriften implementiere. Für die Banken sei aber entscheidend, ob die Schweiz dem Beispiel des Vorreiters Grossbritannien folgt und Hedge Funds stärker reglementiert. «Denn eigentlich müsste ja gelten: Same Business, Same Rules.»

Niklaus Blattner, Ex-Vizepräsident der SNB, schätzt, dass eine Verlagerung der Geschäfte in den Bereich des Schattenbankings erst dann stattfindet, wenn die Reform die Geschäftsmodelle der Banken ernsthaft gefährdet. Denn auch die Bauern wüssten: «Lerne zu klagen, ohne zu leiden.» Dass die Schweizer Grossbanken international die höchsten Eigenkapitalquoten hätten, mache nicht nur aus Sicht der Finanzstabilität Sinn, sagt Blattner. «Das Kerngeschäft der Grossbanken ist die Vermögensverwaltung. Dieses beruht auf Vertrauen, welches wiederum in der Sicherheit gründet.»

Gesetzgeber hinkt Entwicklung hinterher

Sollte aber die Regulierungsreform eines Tages eine spürbare Absetzbewegung Richtung Schattenbanking bewirken, müssten die Behörden versuchen, auch im Schattenbanking regulierend eingreifen, so Blattner. «Doch machen wir uns keine Illusionen. Die Regulierung hinkt den Regulierten im Allgemeinen mit grossem Abstand hinterher.»

Eine direkte Regulierung des Schattensektors hält auch Ammann für unmöglich. «Die Regulierung muss deshalb indirekt, bei den Schnittstellen zwischen Geschäftsbanken und Schatten-Instituten, ansetzen.» Mit Schnittstellen die Finanzierung der Hedge Funds durch Bankrendite.

Gerade bei Grossbanken, die von der «Too-Big-To-Fail»-Problematik betroffen sind, hält Ammann eine Absicherung dieser Schnittstellen gegen eine Ansteckung im Krisenfall vielversprechend.