Neue Konkurrenz

28. Juni 2019 04:49; Akt: 28.06.2019 04:49 Print

Schnappt Google der SBB den Ticketverkauf weg?

von S. Spaeth - Geht es nach dem Bundesrat, dürfen Google und Facebook bald Schweizer ÖV-Tickets verkaufen. Die SBB erwartet bis 2025 neue Rivalen.

Bildstrecke im Grossformat »
Könnte man Billette direkt bei Google oder Facebook bestellen, bräuchte man keine eigene SBB-App mehr dafür. Geht es nach dem Bundesrat, findet im öffentlichen Verkehr per 1. Januar 2020 eine Marktöffnung statt. Will heissen: jeder kann Tickets verkaufen, nicht nur konzessionierte Verkehrsbetriebe. Die neuen Ticketverkäufer sollen den ÖV-Unternehmen den regulären Ticketpreis zahlen. Sie haben aber die Möglichkeit, den Tarif ihren Kunden gegenüber selbst zu bestimmen. Bei den SBB rechnet man bis 2025 mit neuer Konkurrenz, heisst es im E-Commerce-Report Schweiz. Der Report sammelt Informationen zum Onlinehandel in der Schweiz. Er zeigt: 33 Millionen Pakete gelangten 2018 aus dem Ausland in die Schweiz. Mit 23 Millionen Päckli kamen 70 Prozent davon aus Asien. 2018 wurde in der Schweiz für 9,75 Milliarden Franken im Internet eingekauft. Onlinebestellungen im In- und Ausland machen damit 10,7 Prozent des Gesamtvolumens des Detailhandels von 91,3 Milliarden Franken aus. Firmen investieren kräftig in den Onlinehandel. Denn die Unternehmen erwarten, dass der Umsatzanteil noch grösser werden wird. Besonders viel Heimelektronik wird im Netz bestellt: 33 Prozent des Umsatzes wird online erzielt. Eher selten kaufen Schweizer Lebensmittel online – hier beträgt der Umsatzanteil lediglich 2 Prozent. Ab 2019 müssen ausländische Firmen, die mehr als 100'000 Franken Umsatz pro Jahr machen, Mehrwertsteuer auf Sendungen in die Schweiz bezahlen. Das könnte eine dämpfende Wirkung auf das Wachstum bei den Asien-Paketen haben. Ebenfalls abschreckend für die Onlinehändler: Um den Paketboom zu bewältigen, will die Post den Paketpreis erhöhen. Die Preiserhöhung wird nicht die Pakete der Privatkunden betreffen, sondern die der Geschäftskunden wie Zalando und Co. Rund 138 Millionen Pakete hat die Post 2018 verarbeitet – das sind 8 Millionen mehr als im Vorjahr oder 28 Millionen mehr als im Jahr 2013. Um die stetig steigende Paketmenge zu bewältigen, kündigte die Post an, drei neuer Paketzentren in Cadenazzo (TI), Vétroz (VS) und Untervaz (GR) zu bauen. Das kostet Geld: Rund 190 Millionen Franken kostet die Post die neuen Paketzentren. Dazu kommt der Ausbau eines bestehenden Standorts in Ostermundigen (Bern), der nochmals 8 Millionen Franken kostet. Laut Bambauer wird es in Zukunft noch weitere solcher kleineren Paketzentren geben. Die Post kann so die Transportwege verkürzen, was Zeit und Kosten spart.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Noch ist es Zukunftsmusik: Wir tippen ins Google-Suchfeld «Zugreise Zürich–Locarno» ein und die Suchmaschine zeigt uns in Sekundenschnelle den Preis und die Reisedauer an. Drückt man dann auf den Kaufen-Button, kommt das Ticket per Mail. Die SBB-Ticketapp brauchts für den Kauf nicht, den Bahnschalter schon gar nicht. Ausgehebelt wird der offizielle SBB-Ticketkanal auch, wenn die Fahrkarte künftig direkt über Google Maps gekauft wird.

Umfrage
Würden Sie Billette bei Google kaufen?

Geht es nach dem Bundesrat, findet im öffentlichen Verkehr per 1. Januar 2020 eine Marktöffnung statt. Will heissen: Jeder kann Tickets verkaufen, nicht nur konzessionierte Verkehrsbetriebe. «Der virtuelle SBB-Fahrkartenschalter mit seiner enormen Reichweite in der Schweiz könnte für Google, Facebook oder andere internationale Plattformen ein attraktives Angriffsziel sein», heisst es im am Donnerstag veröffentlichten E-Commerce-Report Schweiz der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Google und Co. bezahlen regulären Preis

«Wenn Google bei den ÖV-Verbindungen die besten Resultate findet, werden viele Menschen diesen Dienst nutzen», sagt Studienautor Ralf Wölfle zu 20 Minuten. Denkbar ist laut dem E-Commerce-Experten auch, dass Google etwa bei einer Suche nach einem Ort oder Restaurant gleich die Reisemöglichkeiten dorthin vorschlägt. «Womöglich spannt Google hier mit Partnern zusammen», so Wölfle. Dies geschieht bereits bei Hotelbuchungen. Fürs Abwickeln einer Buchung bleibt man zwar im Google-Umfeld, im Hintergrund läuft der Auftrag aber übers System von Reiseveranstaltern, darunter das Hotelplan-Start-up Bedfinder.

Noch ist die Liberalisierung nicht ganz in trockenen Tüchern. Derzeit wertet das Bundesamt für Verkehr (BAV) die Stellungnahmen aus der Vernehmlassung aus, wie ein Sprecher zu 20 Minuten sagt. Dann kommt die Gesetzesänderung ins Parlament. Der Bundesrat sieht vor, dass die neuen Ticketverkäufer den ÖV-Unternehmen den regulären Ticketpreis zahlen. Sie haben aber die Möglichkeit, den Tarif ihren Kunden gegenüber selbst zu bestimmen. «Damit können sie kombiniert mit anderen Dienstleistungen attraktive Angebote schnüren», schreibt das BAV.

Eigener Vertrieb lohnt sich nicht

Bei den SBB rechnet man mit neuer Konkurrenz: «Ich denke, dass bis 2025 mindestens eine globale Plattform ÖV-Ticketing in ihrer App anbietet, etwa als Ergänzung zu ihrem Kartendienst», zitiert die Studie Markus Basler, Leiter Digitalisierung bei der SBB.

«Eine bedingungslose Öffnung des Vertriebs durch Dritte lehnt der öffentliche Verkehr ab», sagt Sabine Krähenbühl, Sprecherin der Tariforganisation Ch-Direkt, zu 20 Minuten. Der Branche müsse erlaubt sein, die Bedingungen dafür festlegen zu können. So müssten sämtliche Mobilitätsanbieter ihre Vertriebssysteme öffnen. Wichtig sei zudem, dass auch Drittanbieter konsequenten Datenschutz bieten könnten.

Provisionen fallen weg

Das BAV sieht Risiken bei einer Öffnung: In einem Bericht von 2017 heisst es, die Eigenwirtschaftlichkeit der etablierten Transportunternehmen könnte sinken, «so dass der Bund diese unter Umständen finanziell stärker unterstützen muss.» Dies, weil die Vertriebsprovisionen wegfallen.

«Ohne Vertriebsmarge lohnt sich ein eigener Vertrieb für etliche der 240 Verkehrsbetriebe nicht mehr. Da würde es wohl zu einer Konsolidierung kommen», zitiert die Studie SBB-Digital-Mann Basler. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Anbieter wie Google in den ÖV-Ticketmarkt einsteigt, ist laut Wölfle hoch. «Beim Ticketing erfährt man viel über einen Kunden und kann ihm passende Werbeangebote zeigen – davon leben diese Plattformen», sagt der Experte.

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • S@m.W am 28.06.2019 05:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Sbb

    Mächtige Konzerne noch mächtiger machen, nein danke

    einklappen einklappen
  • Simba74 am 28.06.2019 05:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld von Kunden

    geht nach USA statt in der Schweiz zu bleiben. Schlechter Entscheid.

    einklappen einklappen
  • Dave am 28.06.2019 05:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Macht den mächtigen

    Wieder ein Schritt um Google und co. mächtiger zu machen. Danke BR!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mr. G am 15.07.2019 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    By app

    Fehlt in Apple Maps auch noch. Momentan sieht man nur wan was fährt, und welche Verbindung der SBB man nehmen soll jedoch der Ticketkauf währe dort sehr angenehm. Verzichte schon lange auf die SBB app zu umständlich.

  • Unknown am 10.07.2019 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fartiq statt SBB

    Wer nutzt noch die SBB App wenn es "Fartiq" gibt???

  • User am 01.07.2019 19:17 Report Diesen Beitrag melden

    Usability

    In letzter Zeit haben die SBB in der App und auch online enorme Fortschritte bzgl. Usability und User Experience gemacht. Solange das so bleibt kaufe ich meine Bilette gerne direkt in der SBB App.

  • leider pendler am 01.07.2019 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alles amateure

    Ich hoffe die schnappens denen weg..bei google wirds nämlich auch funktionieren nicht wie bei den sbb amateuren

  • peter laufmann am 01.07.2019 18:05 Report Diesen Beitrag melden

    Haben wir nur noch lobbiebescheuerte

    Volksvertreter? Ich denke Seehofer hatte recht mit der Annahme/Aussage, "die gewählten haben nichts zu bestimmen und die, die nicht gewählt wurden bestimmen"! Mir kommt in diesem Zusammenhang noch ein weiteres Zitat in den Sinn aber habe den Urheber vergessen, "Die globale Hirnleistung bleibt immer gleich nur teilen diese immer mehr.