Mahnung, na und?

23. August 2019 09:37; Akt: 23.08.2019 11:15 Print

Unter 25-Jährige nehmen ihre Schulden oft zu locker

von Valeska Blank - Jung und verschuldet sein – viele Schweizer zwischen 18 und 25 sehen darin kein grosses Problem. Diese gelassene Haltung rächt sich später.

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Ein Faktor, der bei jungen Menschen zur Verschuldung führt, ist der Konsum. Die Kauflust ist in den Städten besonders hoch. Waren bestellen, aber nicht bezahlen: Online-Shopping kann vor allem jüngere Kunden in die Schuldenfalle treiben. Klicken Sie sich durch die folgende Bilder, um weitere Kostenfallen für Jugendliche zu entdecken. (Archivbild) : Der Auszug von zu Hause ist für junge Menschen der wichtigste Schritt in die finanzielle Selbstständigkeit. Miete, Krankenkasse, Steuern, Versicherungen und natürlich das neueste Handymodell – alles muss nun ohne elterliche Hilfe bezahlt werden. : Davon spricht man, wenn man durch Käufe und Konsumgüter versucht, die Anerkennung anderer zu gewinnen. Vor allem junge Leute identifizieren sich durch gewisse Marken und möchten dadurch zeigen, wohin sie gehören und was sie vertreten. : Konsumgüter verkaufen sich am besten durch Mundpropaganda. Der Druck durch Gleichaltrige, die Modeindustrie und die Stars, der vor allem über soziale Medien wie Instragram an die Jugendlichen herangetragen wird, ist nicht zu unterschätzen. Identität und Dazugehörigkeit werden heute immer mehr auch durch gewisse Marken und Artikel festgelegt. Jugendliche und Erwachsene müssen kaufen, um dazuzugehören – egal, ob sie die finanziellen Mittel dazu haben oder nicht. : Die heutigen Möglichkeiten, durch ein paar Klicks bargeldlos und versandkostenfrei Waren zu bestellen (und ohne vorweisen zu müssen, dass man das nötige Geld dazu hat), stellt Junge – aber auch Erwachsene – vor grosse Herausforderungen. Ein Jugendlicher dazu: «Online bestellen ist kinderleicht.» : Natürlich weiss ein 18-Jähriger, dass er Steuern bezahlen muss, natürlich kann er herausfinden, wie hoch seine Steuerrechnung sein wird – trotzdem reicht das Geld nicht bei allen, um die Steuern zu bezahlen. Dies hat zum Teil auch damit zu tun, dass die Jugendlichen zu sehr im Moment leben, nicht planen und nicht an unvorhergesehene Ereignisse denken. : Den grössten Umsatz macht der Detailhandel an dem Wochenende, nachdem der Lohn ausbezahlt wird. Das bedeutet, dass viele Menschen sehr knapp bemessen leben und oftmals keine Reserven haben. Dies geht so lange gut, bis etwas Unvorhergesehenes passiert: Ein Zahnarztbesuch, eine Busse, der Verlust der Arbeitsstelle können der Anfang einer Schuldenlaufbahn sein. Die meisten Betreibungen entstehen aufgrund von unbezahlten Steuern und Krankenkassenprämien. Diese oft hohen Beträge bezahlt man nicht gern, da der Gegenwert nicht immer klar ersichtlich ist. Lieber werden die Miete und der Leasingvertrag für das Auto weiter bezahlt. Viele minderjährige Jugendliche haben wegen unbezahlter Bussen Betreibungen. Es ist immer noch cool, ohne gültigen SBB- oder VBZ-Fahrausweis unterwegs zu sein. Wenn man die Busse nicht selbst bezahlen kann und damit auch nicht zu den Eltern gehen kann, kommt bald das Betreibungsamt. Leasing-Angebote sind oft sehr verlockend, mit einer monatlichen Rate kann man sich das Traumauto leisten, ohne das nötige Geld zu haben. Solche Verträge gehen aber oft über mehrere Jahre und eine Rate, die man sich zurzeit locker leisten, aber eventuell in drei Jahren nicht mehr bezahlen kann. Sei dies wegen Arbeitslosigkeit, Unfall oder anderer unvorhersehbarer Ereignisse. Die Kreditkarte bietet die Möglichkeit, Dinge zu bezahlen, die ich mir heute nicht leisten kann. Wenn dann aber Ende Monat die Kreditkartenabrechnung kommt, muss man das Geld haben, um die Ausgaben zu begleichen. Auch die Möglichkeit, mit dem Handy Dinge zu bezahlen, kann gefährlich sein. Kein Münz – kein Problem. Durch die bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten.

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Hier eine Mahnung vom Onlineshop, da eine Zahlungsaufforderung vom der Telecom-Firma: Für viele junge Schweizer ist es zur Normalität geworden, mal etwas nicht zahlen zu können. Das zeigt eine Studie zur Verschuldungssituation in der Schweiz der Inkasso-Firma Intrum. «Schulden sind mehrheitsfähig geworden», sagt Sprecherin Daniela Brunner.

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Die lockere Haltung der jungen säumigen Zahler spürt Intrum heraus, wenn sie die Schuldner nach mehreren erfolglosen Mahnungen kontaktiert. «Viele reagieren dann nicht verwundert und sehen es relativ gelassen», sagt Brunner. Es scheine, dass sich einige Betroffene daran gewöhnt hätten, schon in jungen Jahren Schulden zu haben: «Sie leben einfach damit.»

«Will ich haben»-Mentalität

Woher kommt diese Gelassenheit? Die Intrum-Sprecherin erklärt sie unter anderem mit den wachsenden Möglichkeiten, sich zu verschulden: Angebote für Kleinkredite, Ratenzahlungen oder Leasing sind heute allgegenwärtig und die Hürden, sich zu verschulden, niedriger. «Wo Schulden früher noch ein Tabuthema waren, merkt man jetzt, dass sie jetzt nicht mehr als gleich unerfreulich angesehen werden wie in der Vergangenheit», so Brunner.

«Die meisten nehmen es ernst»

Schuldenberater Sébastien Mercier relativiert. Natürlich gebe es immer wieder Klienten, die ihre Schulden im jungen Alter eher auf die leichte Schulter genommen hätten. Das ändere sich aber im Lauf der Zeit meist: «Die meisten Schuldner, die zu uns kommen, nehmen ihre Situation sehr ernst.»

Dass es manche zunächst gelassen sehen, wenn sie Schulden machen, erklärt Mercier mit den immer häufigeren Angeboten zur Kreditkarten- oder Ratenzahlung: «Diese sind oft so geschickt verpackt, dass der Kunde meint, er habe die Finanzierung im Griff.»

«Jugendsünden» mit Folgen

Bei Intrum beobachtet man die Entwicklung mit Sorge. «Wenn man schon mit 18 mit Schulden startet, ist es schwer, danach ein geordnetes Leben zu führen», sagt Sprecherin Brunner.

Das bestätigen auch die Ergebnisse des Schuldenradars: Früher haben die Schweizer ihre Schulden mehrheitlich bis zum Alter von 30 Jahren abgebaut. Heute tragen die Betroffenen ihre «Jugendsünden» zehn Jahre länger mit, wie Intrum schreibt.

«Will haben»-Mentalität

Gemäss dem aktuellen Schuldenradar werden Schweizer zwischen 18 und 25 am häufigsten betrieben. Fast die Hälfte der Fälle, die Intrum bearbeitet, resultieren in dieser Altersgruppe in einer Betreibung. Das «Will auch haben»-Gefühl nehme in der Gesellschaft zu, dementsprechend steige die Bereitschaft, sich zu verschulden.

Die Lust auf Konsum zeigt sich in den Schweizer Städten deutlicher als auf dem Land. Bei jungen Stadtbewohnern ist das Risiko, sich zu verschulden, überdurchschnittlich hoch.

Städte verführen zu Konsum

Das kann laut Intrum am urbanen Lebensumfeld liegen: In den Städten verführen die konstant verfügbaren Einkaufs-, Ausgangs- und Unterhaltungsmöglichkeiten zu mehr Ausgaben. Schuldenberater Mercier: «Die Schweizer Bevölkerung konsumiert heute klar mehr als früher.»

Aber auch die fixen Kosten belasten die Finanzen – etwa Krankenkassenprämien oder die Kosten für die Miete. «Die Lebenskosten sind in den letzten Jahren enorm gestiegen – auch das kann zu Verschuldung führen», erklärt Mercier.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nicht Verschuldet am 23.08.2019 09:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Intrum macht sich sorgen!?

    Intrum beobachtet? Intrum verdient dami ihr geld. Und dabei geht diese Firma sehr agressiv vor!

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  • Patrick h. am 23.08.2019 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Schuld

    Auch ein Grund warum man nicht aus den Schulden rauskommt: das illegale Verhalten von Intrum bezüglich Verzugsschaden. Aber die zahlen wahrscheinlich jedes Jahr für solche "Artikel" in der "Zeitung".

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  • Kn4lltüte am 23.08.2019 09:53 Report Diesen Beitrag melden

    meine bescheidene Meinung

    Erziehungs- / Aufklärungsproblem (Eltern, nicht Schule) und der Staat macht es ja auch noch vor.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • J.D am 24.08.2019 23:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Motto

    Ganz nach dem Motto: Erwachsen werden? hatte ich schon ist langweilig!!

  • Paul am 24.08.2019 22:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lösung

    Wer sich etwas nicht leisten kann, soll es sich nicht zutun. Gilt für Kleider, Ferienreisen, Autus etc. genau so wie für Kinder und Hunde.

  • Switzerland am 24.08.2019 22:44 Report Diesen Beitrag melden

    Mr. Trade

    Der Staat verschuldet sich am meisten. Nur hat er mit der SNB das Monopol zum Gelddrucken. Fast alle Immobilienbesitzer sind hoch verschuldet, dort sagt man auch nichts. Wenn der Immobiliencrash kommt wird es übel. Mit dem Gelddrucken wird den Jungen klar, wer spart kann sich am Schluss mit dem Geld nichts mehr kaufen, alles wird immer teurer, sie wollen nur noch den Moment geniessen.

    • Xeno72 am 24.08.2019 22:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Chabis@Switzerland

      An ihrem Post ist alles falsch. Der Bund kann selber kein "Geld drucken", die SNB ist unabhängig. Seit 1990 herrscht überall in der westlichen Welt eigentlich Deflation, nicht Inflation.

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  • Jugni am 24.08.2019 20:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muss angepasst werden im Tieflohn Branche

    Bin seit eh und je schuldenfrei.Und das geht ganz gut.Eines möchte ich noch zufügen,Wenn jemand eine IV Rente oder vom Sozialamt,kleine AHV Rente hat,bekommt muss den Gürtel leider enger zu schnüren.Und wenn jemand es nicht kann diese fällt schneller in die Schuldenfalle,auch teils der Lehrlinge sind auch betroffen und Menschen im Tieflohn segment.Darum müssen dringend diese Mindestlohn her und die IV und AHV muss erhöht werden.Weil die Schweiz ist einer der teuerste Länder der Welt!!!

    • Xeno72 am 24.08.2019 22:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jugni

      Die IV ist eine Erwerbsausfallversicherung, die Rente hängt vom versicherten Einkommen ab.

    • mona am 24.08.2019 23:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jugni

      genau so ist es

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  • Plankton am 24.08.2019 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    Online Shops

    haben eben auch ihre Schattenseiten. Wartet mal ab was noch so kommt mit bargeldlos zahlen....