Wie geht das?

02. Dezember 2011 10:31; Akt: 02.12.2011 11:05 Print

Schweiz macht Schulden – und kassiert Millionen

von Balz Bruppacher - Verkehrte Welt in Bern: Während klamme Länder wie Italien und Spanien rekordhohe Zinsen bezahlen müssen, kassiert die Schweiz von ihren Gläubigern Geld.

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Der Bund ist aber weder ein Hedgefonds noch eine Bank: Darum will er nicht stärker von der aktuellen Zinssituation profitieren. (Bild: Keystone)

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Schulden machen und Geld verdienen, wie geht das? Geldmarktbuchforderungen (GMBF) heisst das Erfolgsinstrument. Das sind Schuldverschreibungen des Bundes mit Laufzeiten zwischen drei und zwölf Monaten. Sie dienen der kurzfristigen Geldaufnahme des Bundes und werden vom Finanzdepartement in der Regel im Wochenrhythmus ausgegeben. Zeichner der Papiere sind in der Regel Versicherungen, Pensionskassen und Private mittels Anlagefonds – die Sicherheit suchen.

Für die kurzfristigen Schulden muss der Bund dank seiner ausgezeichneten Bonität schon seit längerer Zeit praktisch keinen Zins bezahlen. Besonderes passierte am vergangenen 25. August: Erstmals seit der Einführung der Geldmarktbuchforderungen im Jahre 1979 fiel die Rendite dieser Schuldverschreibungen ins Minus, und zwar auf minus 1,0 Prozent. Das heisst: Versicherungen und Pensionskassen bezahlen Geld, damit sie ihr Geld beim Bund anlegen dürfen. Auf den 600 Millionen Franken, die der Bund für sechs Monate aufnahm, kassiert er drei Millionen Franken.

13,5 Millionen Einnahmen – dank Schulden

Seither wiederholte sich diese Situation Woche für Woche. Der Bund nahm jeweils Gelder in der Höhe von 350 bis knapp einer Milliarde Franken auf, meist für drei Monate. Und die Rendite war stets negativ. Sie bewegte sich zwischen minus 0,145 und minus 0,801 Prozent. Für die insgesamt 9,6 Milliarden Franken, die die Investoren vorübergehend beim Bund platzieren, zahlen sie «Parkgebühren» von 13,5 Millionen Franken.

«Tatsächlich, der Bund ist momentan in einer sehr komfortablen Lage», sagt Philipp Rohr, Sprecher der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV). Über Identität und Motive der Investoren gibt es keine genauen Angaben. Da die Geld- und Kapitalmarktpapiere Inhabertitel sind, also nicht auf Namen lauten, ist offen, wer bereit ist, eine Prämie zu zahlen, um beim Bund überhaupt Geld anlegen zu können.

Sicherheit um jeden Preis

Die Finanzverwaltung geht aber davon aus, dass es sich hauptsächlich um inländische Anleger handelt. Bei den Bundesanleihen – hier zahlt die Eidgenossenschaft für Papiere mit zehnjähriger Laufzeit gerade mal 0,9 Prozent Zins – dürften 80 Prozent der Investoren aus dem Inland stammen. «Wir schätzen den Anteil der ausländischen Anleger auf rund einen Fünftel», sagt Rohr. Bei den Geldmarktbuchforderungen könne von einer ähnlichen Verteilung ausgegangen werden. «Die Käufer von GMBF suchen Sicherheit um jeden Preis und sind deshalb bereit, eine Art Versicherungsprämie in Form negativer Zinsen zu zahlen», sagt der EFV-Sprecher.

«Wir sind weder ein Hedgefonds noch eine Bank»

Wieso profitiert der Bund nicht stärker von dieser einmaligen Situation? Primär habe der Staat seine öffentlichen Aufgaben zu erfüllen, sagt Rohr. Dank einer vorausschauenden Haushaltspolitik und einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft sei die öffentliche Verschuldung tief und die Lebensqualität in der Schweiz hoch. «Der Bund ist aber weder ein Hedgefonds noch eine Bank», gibt der Sprecher zu bedenken. Auch in einem normalen Zinsumfeld, also bei positiven Zinsen, könnte der Bund durch seinen Status als «risikoloser» Schuldner mittels Risikotransformation Erträge generieren. Dies sei aber nicht Aufgabe der öffentlichen Hand und sei in der Vergangenheit auch nicht gemacht worden. «An dieser Strategie halten wir fest», sagt Rohr und fügt hinzu: «Einzig Schulden zu machen, um Erträge zu erzielen, kann und darf nicht Aufgabe der öffentlichen Hand sein.»

Schulden auf Zehn-Jahres-Tief

Der Sprecher der Finanzverwaltung bezeichnet den Zinsertrag durch die Negativzinsen aber dennoch als erfreulich. Von der Tiefzinssituation profitiert der Bund auch über die Geldmarktbuchforderungen hinaus. Der diesjährige Zinsaufwand dürfte laut einer Schätzung der EFV vom September um 280 Millionen Franken unter den budgetierten 2,886 Milliarden Franken liegen. Rohr betont aber: «Die effektivste Art, um Zinsausgaben zu reduzieren, ist der Schuldenabbau und nicht primär tiefere Zinsen.» Auch hier weist der Bund schöne Erfolge auf: Ende Jahr dürften die Bruttoschulden erstmals seit zehn Jahren wieder unter die Marke von 110 Milliarden Franken fallen, verglichen mit einem Höchststand von 130 Milliarden Franken im Jahre 2005.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter am 02.12.2011 12:11 Report Diesen Beitrag melden

    Gut so.

    Nicht schlecht Herr Specht ;-) Ist fast schon pervers wenn man sieht wies all den Ländern um uns herum geht :)

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  • adrian am 02.12.2011 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    14'000 pro Kopf

    Trotzdem entspricht das immer noch 14'000 pro Einwohner. Sollte wenn möglich immer schön weiter abgebaut werden. Die nächste Krise ist ja schliesslich schon unterwegs.

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  • Cello am 03.12.2011 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkehrte Welt

    Ja ja, wenns ums Geld geht ist die Schweiz an vorderster Front. Frage: wenns dem Bund so gut geht, dass Anleger sogar dafür bezahlen anlegen zu dürfen, warum fließt denn hier kein Geld in Richtung gebeutelter AHV und/oder IV? Nur damit man dem Unterschichtigen Volk noch mehr aus den eh schon leeren Taschen ziehen kann?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Fred am 03.12.2011 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Minuszinsen

    Was das SNB-Direktorium hier als politisches Marketmaker für Schweizer-Franken und Zinsen tut ist nichts anderes als eine versteckte zusätzliche Besteuerung sämtlicher Sparguthaben. Entlastet werden damit diejenigen welche sich's leisten können Schulden zu machen. Ein zusätzliches langfristiges Pulverfass wird damit aufgebaut. Ich denke hier besteht je länger je mehr steuerpolitischer Korrekturbedarf.

  • Adrian am 03.12.2011 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Herr Merz

    Ich möchte mich nochmals bei ihnen bedanken für ihre Leistung. Sie waren wahrscheinlich einer der besten Bundesräte die wir hatten. Während andere Länder ihre Schulden massiv erweitert haben, haben sie begonnen unseren Schuldenberg abzutragen.

    • m1kedett am 04.12.2011 00:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Gut gemacht Herr Merz

      Oooh jaa. Dabei hatten wir alle laut reklamiert als er der UBS half.

    • bobalo am 04.12.2011 11:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      genau!

      Da schliesse ich mich bedingungslos an!

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  • Cello am 03.12.2011 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkehrte Welt

    Ja ja, wenns ums Geld geht ist die Schweiz an vorderster Front. Frage: wenns dem Bund so gut geht, dass Anleger sogar dafür bezahlen anlegen zu dürfen, warum fließt denn hier kein Geld in Richtung gebeutelter AHV und/oder IV? Nur damit man dem Unterschichtigen Volk noch mehr aus den eh schon leeren Taschen ziehen kann?

    • Serge Jacometti am 03.12.2011 19:15 Report Diesen Beitrag melden

      logisch...

      Das Bundesbudget beträgt rund 50 Mrd im Jahr, die Verschuldung der IV über 9 Mrd. Die Mehrheit der Schweizer hat einer MWST-Erhöhung zugestimmt mit 13.5 Millionen aus diesem Zins-Topf kommen sie nicht weit.

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  • Dagobert am 03.12.2011 09:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht doch

    Also die Anleger können sonst auch ihr Geld bei mir bunkern. Zinsfrei!

  • mischu am 02.12.2011 20:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    abgrund langsam in sicht...

    und warum sollte ich noch in eine Verlustpensionskasse einzahlen wenn ich schon viel zuviel Steuern bezahle? Diese Pensionskassen sind in 40 Jahren sowieso alle bankrott, genau wie die AHV!