Schlechtes Timing

14. Juli 2014 17:46; Akt: 14.07.2014 17:46 Print

Schweizer Anleger verpassen Börsenboom

24 Milliarden Franken haben sich Herr und Frau Schweizer entgehen lassen, weil sie ihre Aktienanlagen zu schnell und zum falschen Zeitpunkt verkauft haben.

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Eine breit angelegte Untersuchung eines US-Ökonomen stützt eine neue Studie der Migros-Bank, wonach sich Herr und Frau Schweizer aufgrund inkonsequenter Anlagestrategien Milliarden an Franken entgehen liessen. (AP Photo/Richard Drew) (Bild: Keystone/AP/Richard Drew)

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Die Aktienkurse steigen und steigen. Aber von der Börsenhausse profitiert haben die Privatanleger nur unterdurchschnittlich. Und schuld daran sind sie selbst – so lautet das Fazit einer neuen Studie der Migros-Bank.

Aktuell besitzen die Schweizer Haushalte Aktien als Direktanlage im Wert von rund 280 Milliarden Franken. Das scheint eine riesige Summe zu sein. Nicht aber, wenn man es mit dem Barbestand vergleicht: Herr und Frau Schweizer sitzen auf einem riesigen Vorrat von gut 700 Milliarden Franken an Bargeld und Kontoeinlagen. Dieser Bestand wächst zudem Jahr für Jahr um eindrückliche 40 Milliarden.

Mehr auf dem Konto, weniger Aktien

Während also die liquiden Mittel zunehmen, haben die Haushalte umgekehrt ihre Aktienquote überraschenderweise kontinuierlich reduziert. Allein im Jahr 2012 verkauften sie Aktien für 14 Milliarden Franken.

Das sind beeindruckende Zahlen. Sie könnten aber noch beeindruckender sein, würden die Anleger ihre Wertpapiere weniger schnell verkaufen. «Wir haben uns gefragt», erklärt Migros-Finanzanalyst Albert Steck, «wie sich dieses Vermögen entwickelt hätte, wenn die Haushalte konsequent an ihrem ursprünglichen Aktienanteil festgehalten hätten, statt ihn zu reduzieren.» Mit einer solchen Strategie hätten sie zwischen 2002 und 2014 (siehe Grafik) 29 Prozent mehr Gewinn gemacht, so Steck. Umgerechnet pro Jahr beträgt der Renditevorsprung von «Kaufen und Halten» somit 0,6 Prozent.

Timing ist alles

Die tiefere Rendite ist aber nicht der einzige Grund, weshalb die Haushalte ihre Aktienbestände gesenkt haben. Die Analyse der Migros-Bank zeigt, dass sich die Anleger vor allem während Verlustphasen von ihren Titeln trennten und nicht auf dem Höhepunkt eines Booms. Dieses Verhaltensmuster, nach dem Marktanstieg einzusteigen und nach einem Rückgang wieder zu verkaufen, ist in der Verhaltensökonomie ausführlich dokumentiert.

Professor Ilia Dichev von der University of Michigan und Dozent an der Goizueta Business School hat in einer breit angelegten Untersuchung 2004 errechnet, dass die US-Investoren durch schlechtes Timing der Käufe und Verkäufe ihre Rendite gegenüber einer «Kaufen und Halten»-Strategie um 1,3 Prozent schmälerten. Er konnte diese Tendenz zu teurem Kaufen und billigem Verkaufen überdies für 18 weitere Aktienmärkte nachweisen. Für die Schweizer Börse bezifferte er den entsprechenden Performance-Verlust auf 0,7 Prozent pro Jahr. Diese Berechnung bezieht sich auf einen Zeitraum von 30 Jahren.

Zu viel Aktivismus also fördert die Rendite nicht. Sei eine Anlagestrategie einmal definiert, sollte man daran festhalten, auch wenn die Börsenkurse temporär ins Minus drehen, rät Albert Steck im Migros-Blog: «In der Praxis neigen die Anleger eher zu sprunghaftem Verhalten: Wenn die Kurse anziehen, kaufen sie voller Optimismus. Kommt es aber zu einer Korrektur, steigen sie wieder aus.»

(cls)