EU-Sanktionen

23. Juli 2014 12:34; Akt: 23.07.2014 16:02 Print

Schweizer Wirtschaft fürchtet Russland-Boykott

von A.Meili - Die EU verhängt wegen des russischen Vorgehens in der Ukraine neue Sanktionen gegen Russland. Weitere Massnahmen könnten auch die Schweizer Wirtschaft treffen.

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Seit dem mutmasslichen Abschuss einer Maschine der Malaysia Airlines durch pro-russische Separatisten wird der Ruf nach einem Russland-Boykott in der EU und den USA immer lauter. Erst am Dienstag wurden von der EU neue Sanktionen gegen mehrere Personen verhängt. Ausserdem soll die EU-Kommission schärfere Wirtschaftssanktionen vorbereiten.

Diese könnten vor allem Schweizer Unternehmen mit einem grossen russischen Exportmarkt schmerzlich treffen. «Auch Schweizer Unternehmen könnten sich den Folgen von härteren Sanktionen nicht entziehen», sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Privatbank Berenberg in London zu 20 Minuten.

Diese Branchen wären besonders betroffen:

• Maschinen, Elektro und Metall
2013 wurden in dieser Branche Waren im Wert von 1,1 Milliarden Franken nach Russland exportiert. «Russland ist für uns ein wichtiger Markt mit grosser Bedeutung», sagt Jean-Philippe Kohl vom Verband Swissmem zu 20 Minuten. Laut Kohl sind die Wachstumsraten in den letzten Jahren immer positiv gewesen. Aus der Reihe tanzt nur das zweite Quartalsresultat 2014. Dieses fiel um rund 20,5 Prozent schlechter aus als noch 2013. Ob dies auf bereits verhängte Sanktionen zurückzuführen ist, darüber will der Experte nicht spekulieren. Noch stärkeren Sanktionen steht er skeptisch gegenüber: «Dies würde einige Unternehmen in unserer Branche deutlich treffen.»

• Pharma
2013 wurden pharmazeutische Produkte im Wert von 1129 Millionen Franken nach Russland exportiert. Diese Zahl sank im ersten Halbjahr 2014, in dem noch Waren im Wert von 406 Millionen Franken exportiert wurden. «Solche Schwankungen haben nichts mit Sanktionen zu tun, sondern mit volatilen Marktgegebenheiten», sagt Sara Käch von Interpharma. Über mögliche neue und noch härtere Sanktionen von Seiten der EU sagt sie: «Wir sind besorgt über die Entwicklungen in der Ukraine.» Zentral sei aber der Zugang der Patienten zu lebenswichtigen Medikamenten.

• Uhren
Auch für die Schweizer Uhrenindustrie ist Russland ein wichtiger Markt. In den ersten sechs Monaten 2014 wurden Uhren im Wert von 132 Millionen Franken nach Russland verkauft. In den letzten zwei Jahren hat die Bedeutung Russlands als Uhrenexportmarkt stark zugenommen. Das Wachstum gegenüber 2012 beträgt 13 Prozent. Laut einer Credit-Suisse-Studie gehört Russland zu den Märkten mit grossem Wachstumspotenzial in den nächsten vier Jahren. Wie würden Exportrestriktionen die Branche treffen? «Restriktionen wären limitierend und ein sehr schlechtes Signale für den guten Ruf der Schweizer Uhren», sagt Hublot-Präsident Jean-Claude Biver auf Anfrage.

• Banken
Eine besondere Stellung im Streit der EU und den USA mit Russland kommt den Banken zu. Zwar hat der Bund eine Sanktionsliste mit Personen und Firmen erstellt, mit denen die Banken keine neuen Geschäfte abschliessen dürfen – diese Sanktionen reichen aber nicht so weit wie in der EU. «Die Banken haben keine rechtliche Grundlage zur Sperrung von Konti, solange die Inhaber nicht auf einer Sanktionsliste der Schweiz geführt sind», heisst es bei der Bankiervereinigung.

• Rohstoffe
Zusätzliche Sanktionen könnten zu einem Versorgungsstopp von Erdgas nach Europa führen. Dies könnte auch die Schweiz treffen, die rund ein Viertel ihres Erdgases aus Russland bezieht. «Die grossen Lieferanten der Schweiz verfügen aber über grosse Untertagespeicher, die beim Ausfall eines Lieferanten oder aussergewöhnlich kalten Perioden genutzt werden», so Daniel Bächtold, Sprecher des Verbandes der Gasindustrie.