Arbeitszeiterfassung

06. November 2015 20:29; Akt: 06.11.2015 20:29 Print

Schweizer mögen die Stempeluhr

von V. Blank - Der Bundesrat lockert die Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung. Keine Freude daran haben die Gewerkschaften – und viele Schweizer Angestellte.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Das Thema Arbeitszeiterfassung sorgt für hitzige Diskussionen. Nachdem der Bundesrat gestern die Lockerung der Vorschriften bekannt gegeben hatte, machten viele 20-Minuten-Leser ihrem Ärger Luft: «Einmal mehr 1:0 für die Arbeitgeber – Überzeit, die nicht erfasst und ausgewiesen wird, kann von der Firma weiterhin verlangt, muss aber nicht entschädigt werden», schreibt Leser V.K. Ein anderer Kommentator klagt: «Jetzt können wir Kleinen noch mehr ausgesaugt werden.» Angst vor Ausnutzung hat auch Leser R.: «Ohne Stempeln arbeitet man etliche Stunden gratis für den Arbeitgeber.»

Umfrage
Sind Sie für oder gegen das Stempeln?
84 %
12 %
4 %
Insgesamt 5593 Teilnehmer

Geht man nach den Leser-Kommentaren, bevorzugen es die Schweizer Angestellten eher, wenn ihre Arbeitszeit erfasst wird. Dass dazu eine gesetzliche Pflicht besteht, wissen aber viele nicht. Daran ändert bis auf gewisse Ausnahmen (siehe Box) auch die revidierte Arbeitsgesetz-Verordnung nichts. Obwohl die Arbeitgeber in der Pflicht stehen, sieht die Praxis anders aus, sagt Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia, zu 20 Minuten: «Studien zeigen, dass die Arbeitszeit bei rund 17 Prozent der Arbeitnehmenden und einem Viertel der Kader gar nicht erfasst wird.»

«Risiko von Stress und Burnout steigt»

Das Problem, dass Angestellten in der Schweiz trotz klarer Gesetzesvorgabe nicht die Möglichkeit zum Stempeln geboten wird, beobachten die Gewerkschafter über alle Branchen hinweg. Weit verbreitet ist das Phänomen laut Unia etwa in den Dienstleistungsbranchen. Betroffen seien häufig auch Mitarbeiter in kreativen Berufen sowie Architekten, Bank- und Versicherungsangestellte.

Ein Missstand, findet Gewerkschaftspräsidentin Alleva: «Wenn die Arbeitszeit nicht erfasst wird, steigt das Risiko von Stress und Burn-out.» Zudem würden ohne Erfassung die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen: «Das bedeutet de facto Gratisarbeit.»

Arbeitgeber für noch mehr Lockerung

Ganz anders sieht das der Arbeitgeberverband. Nur weil die Arbeitszeit erfasst wird, hätten Angestellte nicht automatisch ein Anrecht auf bezahlte Überstunden, sagt Verbandsdirektor Roland A. Müller zu 20 Minuten: «Die Arbeitszeiterfassung steht im Zeichen des Gesundheitsschutzes und ist keine Grundlage für zusätzliche Lohnzahlungen.» Zulässige Mehrarbeit müsse, wenn es im Arbeitsvertrag so vorgesehen sei, nicht vergütet werden.

Grundsätzlich geht dem Arbeitgeberverband die Lockerung der Erfassungspflicht noch zu wenig weit, da die Lösung nicht für alle Branchen optimal sei. Der Verband spricht erst von einem «Zwischenschritt»; das 50-jährige Arbeitsgesetz werde der heutigen Realität der Arbeitswelt mit ihren zunehmend flexiblen Arbeitsformen und -bedingungen nicht mehr gerecht. «Die Art einer sinnvollen Arbeitszeiterfassung ist immer abhängig von den konkreten Umständen im Unternehmen», so Müller.

«Schritt in modernere Arbeitswelt»

Dass Unternehmen die Arbeitszeiten ihrer Angestellten häufig nicht mehr erfassen, weiss auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann. «Das Arbeitsgesetz wird seit Jahren systematisch verletzt», sagte er bei der Präsentation der neuen Verordnung. Er wolle «Ordnung im Stall», wofür die Lockerung der Stempelpflicht jetzt sorge – sie sei die Beendigung eines gesetzeswidrigen Zustands und ein Schritt in eine «modernere Arbeitswelt».

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Diegito am 06.11.2015 20:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erwünscht

    Wir haben leider keine, es heisst dann jeweils wir könnten kompensieren wenn es denn mal später wird. Wir haben dann unser Excel- file präsentiert, wurden aber abgewimmelt. Die 40 überstunden in kurzer Zeit wurden in einen (1!!) Feiertag umgewandelt. Ich gönn mir nun bewusst längere Pausen und Montags mehr Schlaf. Chappeschiisse!

  • R. Sauteuse am 06.11.2015 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realitätsfremd

    Schneider-Ammann tja Was heisst Ordung im Stall?? Ich würde Sie gerne mal sehen ne Woche lang in einer a la Carte Küche ohne die Arbeitszeig auf zu schreiben 10-12 Std am Tag! Dann können wir weiter reden

    einklappen einklappen
  • walterli am 06.11.2015 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld oder Urlaub

    Wer rauchen will soll austempeln, und die Arbeitszeit soll bezahlt sein.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Helene Mayer am 07.11.2015 23:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unbezahlte Überstunden

    Wenn das Salär stimmt ist sicher jeder bereit auch Überstunden zu leisten. Ich habe in der IT-Branche gearbeitet, habe aus Restrukturierung meine Arbeit verloren. Habe anschliessend bei einem Detailhändler gearbeitet im Stundenlohn. Was ich da erlebt habe: 10 Minuten vor offiziellem Arbeitsbeginn mussten wir an der Kasse sein. Die Pause wurden oft unterbrochen. Pünktlich konnte ich ganz selten gehen. D.h ich habe jeden Tag mindestens 20 Minuten länger gearbeitet ohne Bezahlung, obwohl Angestellte im Stundenlohn Anrecht auf Bezahlung gehabt hätten. Stempeluhr ist eine faire Lösung.

  • wayne am 07.11.2015 21:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kenn ich (aber nur von meiner freundin)

    zum glück haben wir bauarbeiter einen gav

  • Peter am 07.11.2015 20:12 Report Diesen Beitrag melden

    Work Life Balance

    Wir kennen die Grenzen nicht mehr. Ich bin für mehr Freizeit und Homeoffice...da würde sich die SBB auch freuen...

    • CHer am 07.11.2015 23:23 Report Diesen Beitrag melden

      @ Peter

      Ja, wir freuen uns alle auch, wenn die Lokführer Homeoffice machen...

    einklappen einklappen
  • Ueli Specht am 07.11.2015 19:24 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Gratis überstunden

    Wenn man die Stempeluhr abschafft dann muss man die Mindestarbeitszeit ausrechnen entweder mehr Lohn oder pünktlich nach Hause gehen. Ich empfehle jedem einfach die Arbeit fallen zu lassen und gehen. Ich bin nicht bereit gratis Überstunden zu leisten, da kann ich in dieser Zeit bei mir zu Hause den Rasen mähen.

  • Willy G. am 07.11.2015 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Finde Stempeluhr gut

    Hatte früher in meinem Job als Hauswart an einer Schule und Mehrzweckgebäude keine Stempeluhr.Hätte gerne eine Gehabt.Habe Überstunden gemacht bis zum geht nicht mehr.Und das alles ohne Bezahlung.Die Arbeiter die für die Gemeinde arbeiteten konnten jeweils im Sommer die Überstunden für Schnee räumen im Winter einziehen.Bei mir denkste .

    • Andreas am 07.11.2015 18:00 Report Diesen Beitrag melden

      Aufschreiben?

      Ich bin selber Hauswart.... wenn sie keine Tabelle haben um Arbeitszeiten nachzuweisen, müssen sie es halt Selbständig machen. als Beweis. Als Hauswart Teil man seine Zeit Selber ein weil der Hoch Selbständig ist.... und wenn sie schlau wären waren sie einfach mal 4 Stunden auf Besorgungen oder so machen.... ;)

    einklappen einklappen