Inkasso-Unternehmen alarmiert

22. August 2019 09:12; Akt: 26.08.2019 14:25 Print

Schweizer werden ihre Schulden nicht mehr los

Das Verschuldungsrisiko ist bei jungen Schweizern besonders hoch, zeigt eine neue Studie. Besonders gefährdet sind ausländische Jugendliche.

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Waren bestellen, aber nicht bezahlen: Online-Shopping kann vor allem jüngere Kunden in die Schuldenfalle treiben. Klicken Sie sich durch die Bilder, um weitere Kostenfallen für Jugendliche zu entdecken. (Archivbild) : Der Auszug von zu Hause ist für junge Menschen der wichtigste Schritt in die finanzielle Selbstständigkeit. Miete, Krankenkasse, Steuern, Versicherungen und natürlich das neueste Handymodell – alles muss nun ohne elterliche Hilfe bezahlt werden. : Davon spricht man, wenn man durch Käufe und Konsumgüter versucht, die Anerkennung anderer zu gewinnen. Vor allem junge Leute identifizieren sich durch gewisse Marken und möchten dadurch zeigen, wohin sie gehören und was sie vertreten. : Konsumgüter verkaufen sich am besten durch Mundpropaganda. Der Druck durch Gleichaltrige, die Modeindustrie und die Stars, der vor allem über soziale Medien wie Instragram an die Jugendlichen herangetragen wird, ist nicht zu unterschätzen. Identität und Dazugehörigkeit werden heute immer mehr auch durch gewisse Marken und Artikel festgelegt. Jugendliche und Erwachsene müssen kaufen, um dazuzugehören – egal ob sie die finanziellen Mittel dazu haben oder nicht. : Die heutigen Möglichkeiten, durch ein paar Klicks bargeldlos und versandkostenfrei Waren zu bestellen (und ohne vorweisen zu müssen, dass man das nötige Geld dazu hat), stellt Junge – aber auch Erwachsene – vor grosse Herausforderungen. Ein Jugendlicher dazu: «Online bestellen ist kinderleicht.» : Natürlich weiss ein 18-Jähriger, dass er Steuern bezahlen muss, natürlich kann er herausfinden, wie hoch seine Steuerrechnung sein wird – trotzdem reicht das Geld nicht bei allen, um die Steuern zu bezahlen. Dies hat zum Teil auch damit zu tun, dass die Jugendlichen zu sehr im Moment leben, nicht planen und nicht an unvorhergesehene Ereignisse denken. : Den grössten Umsatz macht der Detailhandel an dem Wochenende, nachdem der Lohn ausbezahlt wird. Das bedeutet, dass viele Menschen sehr knapp bemessen leben und oftmals keine Reserven haben. Dies geht so lange gut, bis etwas Unvorhergesehenes passiert: Ein Zahnarztbesuch, eine Busse, der Verlust der Arbeitsstelle können der Anfang einer Schuldenlaufbahn sein. Die meisten Betreibungen entstehen aufgrund von unbezahlten Steuern und Krankenkassenprämien. Diese oft hohen Beträge bezahlt man nicht gerne, da der Gegenwert nicht immer klar ersichtlich ist. Lieber wird die Miete und der Leasingvertrag für das Auto weiter bezahlt. Viele minderjährige Jugendliche haben wegen unbezahlter Bussen Betreibungen. Es ist immer noch cool, ohne gültigen SBB- oder VBZ-Fahrausweis unterwegs zu sein. Wenn man die Busse nicht selbst bezahlen kann und damit auch nicht zu den Eltern gehen kann, kommt bald das Betreibungsamt. Leasing-Angebote sind oft sehr verlockend, mit einer monatlichen Rate kann man sich das Traumauto leisten, ohne das nötige Geld zu haben. Solche Verträge gehen aber oft über mehrere Jahre und eine Rate, die man sich zurzeit locker leisten kann, kann man eventuell in drei Jahren nicht mehr bezahlen. Sei dies wegen Arbeitslosigkeit, Unfall oder anderer unvorhersehbarer Ereignisse. Die Kreditkarte bietet die Möglichkeit, Dinge zu bezahlen, die ich mir heute nicht leisten kann. Wenn dann aber Ende Monat die Kreditkartenabrechnung kommt, muss man das Geld haben, um die Ausgaben zu begleichen. Auch die Möglichkeit, mit dem Handy Dinge zu bezahlen, kann gefährlich sein. Kein Münz – kein Problem. Durch die bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten.

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Schulden gehören in der Schweiz immer öfter zur Normalität. Bei einem Teil der Schweizer Bevölkerung besteht das Verschuldungsrisiko bereits länger als die Hälfte ihres Lebens. Das schreibt das Inkasso-Unternehmen Intrum in seinem aktuellen Schulden-Radar.

Die Gefahr, sich zu verschulden, sei heute bei Menschen zwischen 18 Jahren bis Mitte 40 durchgehend überdurchschnittlich gross. Alarmierend ist laut Intrum auch die Tendenz, dass die Schweizer es nicht mehr schaffen, die Schulden bis Ende 30 abzubauen.

Haben Sie Schulden, die Sie belasten? Wofür haben sie sich verschuldet? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte!

Statt sichtbar zu sinken, habe sich die Hochrisikophase um ein weiteres Jahrzehnt verlängert. «Schulden über Jahre mitzutragen erschwert in vieler Hinsicht den Aufbau dauerhaft stabiler Lebensverhältnisse», sagt Intrum-Chef Thomas Hutter.

Junge Ausländer gefährdet

Speziell bei den Jüngsten (Altersgruppe 18–25 Jahre) sei die Bereitschaft, sich zu verschulden, noch immer besonders hoch. Das habe mit dem «Will-auch-haben»-Gefühl zu tun, schreibt Intrum. Dabei sei das Verschuldungsrisiko bei jungen Männern deutlich höher ist als bei Frauen.

Von den im Jahr 2018 bei Intrum eröffneten Fällen ist es in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen in fast der Hälfte zu einer Betreibung gekommen. Zu einer Pfändung haben 31 Prozent der Fälle geführt.

Im Gegensatz zum Gesamtindex ist das Verschuldungsrisiko laut dem Schulden-Radar bei den Jungen zwischen 18–25 dort am höchsten, wo auch der Bevölkerungsanteil an ausländischen Jugendlichen am grössten ist. Auch Stadtbewohner bewegen sich konstant im überdurchschnittlichen Risikobereich.

(vb)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schorsch am 22.08.2019 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder

    In der Schweiz erhält man auch als Normalverdiener einen "grossen" Lohn, danach werden aber erst Steuern, Krankenkasse, Serafe etc. fällig. Viele Leute können und wollen nicht so weit vorausplanen. Würden die grossen Posten bereits vom Lohn abgezogen würde das Problem bei gleichem Verdienst massiv entschärft. Deshalb wäre ich dafür Steuern bei Normalverdienern zu vereinfachen und vom Lohn direkt abzuzuehen. Sowie eine Einheitskrankenkasse welche ebenfalls vom Lohn abgezogen oder mit den Steuern verrechnet wird.

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  • Ursula Berger am 22.08.2019 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Das letzte

    Ja und diese Firma trägt ein sehr grosses Stück zu dieser Miesere bei. Eigentlich sollten deren Geschäftspraktiken verboten werden.

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  • Baene am 22.08.2019 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    Gemeinnütziges Intrum

    ...stellt Intrum fest, und langt dann gleich selber nochmal kräftig zu.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gusti am 28.08.2019 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Leasing

    So lange ein Hilfsarbeiter ein 50'000.- Auto leasen kann hört das nie auf. So wie es aussieht ist die Kreditprüfung der Banken ein Witz, das Geschäft geht vor. Wenn es dan schief geht, soll die Allgemeinheit zahlen. Dieses Geschäftsmodel kennen wir doch....

  • Carmen am 24.08.2019 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz klar

    Verstehe die vielen angriffe gegen Intrum nicht. Klar verlangen die geld für ihre leistungen! Eine bezreibung kostet geld. Wenn ich etwas kaufe, muss ich es bezahlen. Da gibt es keine diskussion!

    • Der Vogt am 24.08.2019 18:38 Report Diesen Beitrag melden

      @Carmen

      Ist so. Nur: Intrum versucht in schöner Regelmässigkeit, ihre Aufwände beim Betriebenen einzufordern, und das ist nicht korrekt. Der Auftraggeber hat die Kosten zu tragen, wenn er eine Drittfirma mit dem Eintreiben des Geldes beauftragt, nicht der Betriebene.

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  • Plankton am 24.08.2019 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Wie ist es eigentlich mit der Schweiz selber?

    Wieviel Schulden hat der Staat selber?

    • play am 25.08.2019 02:40 Report Diesen Beitrag melden

      @Plankton

      Momentan ca. 230'826'589'800 Franken und stetig am steigen. Geld kommt aus Krediten und Zins und Zinseszins macht uns und die Welt langsam kaput.

    • Fragender am 25.08.2019 09:15 Report Diesen Beitrag melden

      Reichtum ist macht

      Und wer sind die glücklichen Gläubiger dieser Staatsverschuldung?

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  • roger m. am 24.08.2019 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    warum wohl?

    kunststück, wenn alles immer teurer wird und die gehälter mit den kosten nicht schritt halten...!

  • coyote am 24.08.2019 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    Fehler im System

    Alles Obligatorische sollte direkt vom Lohn abgezogen werden. Und Kredite sollte verboten sein. Man sollte nicht über die eigenen Verhältnisse Leben. Wer mehr Geld will, soll mehr Arbeiten. Sich zu verschulden ist eine Einbahnstrasse und sollte verboten sein.

    • firmen konkurs was nun am 24.08.2019 12:26 Report Diesen Beitrag melden

      jetzt noch all die netten...

      arbeiten mit 58 ? solche artikel wird man in zukunft mehrfach zum lesen kriegen. wenn coyoten solchen stumpfsinn schreiben , tun dies grad die richtigen.

    • Chrampfer am 25.08.2019 09:10 Report Diesen Beitrag melden

      System ist tatsächlich voller Fehler

      Arbeite bereits mehr und habe mich auch schon mit Weiterbildungen für höhere und besser bezahlte Funktionen qualifiziert. Mein Arbeitgeber kann aber angeblich nicht mehr Lohn bezahlen. Die Suche nach einem anderen Job erweist sich aufgrund zu hoher Konkurrenz, unter anderem aus dem Ausland, als fast unmöglich. Was nun...? Natürlich lebe ich trotzdem nicht über meine Verhältnisse und verschulde nicht nicht. Kann aber wegen meines zu tiefen Lohnes nicht wirklich sparen und eine ausreichende Altersvorsorge aufbauen, wie man das eigentlich machen können sollte.

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