Nestlé-Spionage-Skandal

13. Juni 2008 18:41; Akt: 13.06.2008 22:20 Print

Securitas spionierte für Nestlé

Nestlé soll mit «Securitas-Spionen» in der Schweiz Globalisierungskritiker ausspioniert haben. Überwachungsobjekt sei während eines Jahres eine Arbeitsgruppe der Organisation Attac-Waadt gewesen, die ein Nestle-Buch verfasste.

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Die Sendung «Temps présent» des Westschweizer Fernsehens TSR hatte am Donnerstagabend einen entsprechenden Bericht gezeigt. Daraus ging hervor, dass die Schweizer Sicherheitsfirma Securitas vor und während des G8-Gipfels in Evian im Jahr 2003 globalisierungskritische Gruppen überwachte.

Securitas-Generalsekretär Reto Casutt räumte in dem Fernsehbericht ein, dass es Leute gegeben habe, die für Securitas unter falschem Namen an Veranstaltungen teilgenommen hatten. Das sei «vielleicht nicht sympathisch», aber nicht verboten.

Buchautorin in Luft aufgelöst

Die Attac-Autorengruppe, die sich 2003/2004 mit dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé befasst hatte, erfuhr vor einigen Wochen über den Fernsehjournalisten von TSR von der Infiltration. Der Journalist verfügte über Hinweise, wonach eine Sicherheitsagentin von Securitas die Gruppe im Herbst 2003 infiltriert und zu Handen von Nestlé Berichte verfasst hatte.

Die Attac-Autoren stellten in der Folge fest, dass die Frau, die einzig für das Buchprojekt zur Gruppe gestossen war, spurlos verschwunden war. Telefon und Mail waren nicht mehr aktiv. Auch hatte sie nie Attac-Beiträge bezahlt.

Die Autoren der Attac-Gruppe sehen sich durch das Agieren der Frau in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. Aus diesem Grund haben sie auch Zivilklage eingereicht. Sie vermuten zudem, dass die Frau bei den Treffen heimliche Ton-Aufnahmen gemacht hatte, was strafbar ist.

Die Frau habe als Mitglied der Autorengruppe Zugang zu allen Mailkontakten von Attac im In- und Ausland gehabt, unter anderem auch zu den Daten von Gewerkschaftern in Kolumbien, hiess es an einer Medienkonferenz von Attac am Freitag in Lausanne.

Arbeitskonflikte in Kolumbien

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé stand wegen Arbeitskonflikten in Kolumbien schon mehrmals in der Kritik. In dem von der Gruppe verfassten Buch «Nestlé, Anatomie eines Weltkonzerns» ist dem Konflikt zwischen Nestlé und den Gewerkschaften in Kolumbien ein Kapitel gewidmet.

Nestlé habe verhindern wollen, dass eine Gruppe Bürger die Aktivitäten des Konzerns wissenschaftlich untersuche, kritisierten die Autoren am Freitag in Lausanne. Und Securitas habe einen Auftrag akzeptiert, eine Gruppe auszuspionieren, deren Aktivitäten keinerlei Bedrohung oder Gefahr darstellten.

«Angemessene Sicherheitsmassnahmen»

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé bestätigte am Freitag, dass im Hinblick auf dem G-8-Gipfel von 2003 in Zusammenarbeit mit Securitas und der Waadtländer Kantonspolizei «angemessene Sicherheitsmassnahmen» ergriffen worden seien. Diese hätten die gesetzlichen Grundlagen respektiert. Zum Sicherheitsdispositiv gebe Nestlé keinen Kommentar ab.

Attac-Generalsekretärin Florence Proton zeigte sich an der Pressekonferenz schockiert über die angewandten Methoden. Der Waadtländer Ständerat Luc Recordon (Grüne) wies auf die Gesetzeslücke hin. Die Überwachungsoperationen von Privaten seien gesetzlich nicht geregelt. Recordon hat zu dem Thema eine Interpellation eingereicht.

Die Waadtländer Autorengruppe von Attac erstattet Strafanzeige gegen Unbekannt. Die Gruppe hat Hinweise darauf, dass sie während der Arbeiten zu einem kritischen Buch über Nestlé von einer Securitas-Agentin infiltriert worden ist.

(ap)