Anlagebetrug

15. November 2010 08:04; Akt: 15.11.2010 08:31 Print

Serben zocken Landsleute in der Schweiz ab

von Werner Grundlehner - Zwei Ex-Jugoslawen ziehen hunderte Landsleute in der Schweiz gnadenlos über den Tisch. Wie ihr System funktionierte, wie sie Kunden köderten und wie wenig gegen die Betrüger unternommen wird.

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Branka J.* ist am Boden zerstört. Nicht nur ist das gesamte Familienvermögen weg. Das Weiterempfehlen von «todsicheren» Anlagetipps hat auch ihre Familienstruktur zerstört. Über 120 000 Franken hat die Familie J. an die Vermögensverwaltung Infina der beiden Brüder Milan und Milos Savic in St. Gallen überwiesen. Das Geld ist so gut wie sicher verloren. Denn die beiden Serben mit österreichischem Pass lockten Anleger mit Renditen bis zu 40 Prozent. 6,25 Prozent waren sogar «garantiert» und «kapitalgeschützt», folglich risikolos. Dabei wurde das Geld gar nicht angelegt. Es speiste vielmehr ein Schneeballsystem à la Madoff. Das heisst: Mit neu eingenommenen Kundengeldern wurden die Forderungen von bestehenden Investoren befriedigt.

Oft allerdings nicht einmal das. Branka J. legt 20 Minuten Online eine Abrechnung der Infina vor. Darauf wird vorgerechnet, dass die ursprünglich angelegten 25 000 Franken innert Jahresfrist zu 30 687.50 Franken angewachsen sind. Angesichts dieser Rendite hat Savic leichtes Spiel, die Anlegerin zu überzeugen, das Geld weiterhin bei seinem Institut «investiert» zu lassen. Die Familie J. transferierte weitere Gelder. So werden die in Kroatien gesparten Kinderzulagen auch in die Schweiz geholt und der Infina übergeben.

Vermeintliche Tellerwäscherkarriere

Branka J. hat grosses Vertrauen, weil ihr Neffe schon für die Gebrüder Savic gearbeitet hat. Er hat den Aufstieg vom Handwerker zum «Manager» im Anzug geschafft. Für Infina warb er neue Anleger an – ohne dass er wahrscheinlich um das Betrugssystem wusste. Branka J. hat selbst ein schlechtes Gewissen: «Ich habe Infina an drei Verwandte weiterempfohlen». Am 3. Dezember 2009 zog die eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) den Stecker und eröffnete den Konkurs über das Firmengeflecht der Brüder Savic, nachdem Mitte Juli 2009 bereits eine finanzaufsichtsrechtliche Untersuchung eröffnet wurde.

«Uns wurde aus dem Markt zugetragen, dass eine Gesellschaft Kundengelder entgegennimmt, ohne über die nötige Bewilligung zu verfügen», erklärt Finma-Sprecher Tobias Lux. Die Finma ist gemäss Lux in solchen Fällen auf Hinweise von Kunden oder anderen Stellen angewiesen. Es sei nicht möglich, den Markt flächendeckend aktiv nach solchen illegal tätigen Betrügern zu durchsuchen.

So griffen sich die Betrüger ihre Kunden

Die betrügerischen Brüder machten sich mehrere Beziehungsnetze zu Nutze, um ihr Abzocksystem zu betreiben. Einerseits operierten sie ausschliesslich unter Ex-Jugoslawen und nutzten deren enge Familienbande. Zum anderen waren die Savic-Brüder Mitglieder der Zeugen Jehovas und warben in der Religionsgemeinschaft viele Opfer an. «Die Angeklagten trafen so auf einen guten Nährboden. Wer hier kompetent auftritt, kommt schnell zum Erfolg», sagt Adrian Pfeiffer, zuständiger Untersuchungsrichter in St. Gallen.

Nach Pfeiffers Angaben sind die Ermittlungen abgeschlossen und die Angeklagten geständig. Sie werden wegen gewerbsmässigem Betrug, qualifizierter Veruntreuung, Misswirtschaft, ungetreuer Geschäftsbesorgung sowie Widerhandlung gegen das Bankengesetz angeklagt. Den Deliktbetrag beziffert Pfeiffer mit rund 50 Millionen Franken – er hat Kenntnis von 680 Geschädigten im In- und Ausland.

Einzelne Geschädigte hoffen indes, dass noch Banken in die Untersuchung miteinbezogen werden. Denn wenn diese im grossen Stil Geld für die Infina eingezogen hätten, wären sie quasi als Depotbanken tätig gewesen. Sie hätten in ihrer Sorgfaltspflicht prüfen müssen, was mit den Anlagegeldern geschieht.

Massive Drohungen

Dass der Fall auch sozialen Zündstoff birgt, scheinen sich einige Behörden noch nicht bewusst zu sein. Viele der Geschädigten haben ihr gesamtes Vermögen verloren – gehen aber davon aus, dass sie noch etwas zurück erhalten. Zudem haben viele nicht nur ihr Anlagegeld in den Sand gesetzt, sondern auch die berufliche Vorsorge. Im Infina-Geflecht gab es auch eine vom Bund beaufsichtigte BVG-Stiftung, die Freizügigkeitsgelder entgegennahm. Da sie dies ohne Anschluss an den Sicherheitsfonds tat, erleiden die etwa 300 Kontoinhaber mutmasslich ebenfalls einen hohen Verlust.

Tobias Lux glaubt, dass ein grosser Teil der Investitionen der Geschädigten verloren sind: «In vergleichbaren Fällen war der Schaden meist gross und irreparabel.» Das sieht der Zürcher Wirtschaftsanwalt Daniel Fischer anders, er vertritt zahlreiche Opfer, die auch Selbsthilfegruppen für Infina-Opfer und Geschädigte mit Freizügigkeitskonten gegründet haben. «Das Geld muss nicht bei den Tätern geholt werden, sondern in ihrem unmittelbaren Umfeld», so Fischer.

Alles verloren - 10 Franken Entschädigung

Der Sohn von Branka J. berichtet: «Ein Bekannter von uns hat 300 000 Franken bei der Infina angelegt. Das Geld war für eine Nierentransplantation vorgesehen». Dieser Bekannte habe gedroht, wenn er das Geld nicht mehr sehe, könne er für nichts garantieren. Untersuchungsrichter Pfeiffer weiss, dass es unter den Geschädigten «tragische Schicksale» gebe, die alles verloren hätten – Geld, Pension und Ruf. Besonders ärgern sich die Opfer darüber, dass die Gebrüder Savic diesen Sommer in einem Rundschreiben allen Geschädigten eine Abfindung von 10 Franken angeboten haben.

Milos und Milan Savic befinden sich derweil auf freien Fuss. Der Untersuchungsrichter hat keine Untersuchungshaft angeordnet. Das verstehen viele Geschädigte nicht. Die beiden haben keine Vorstrafen und es bestehe weder Verdunkelungs- noch Fluchtgefahr. Die Gebrüder Savic treffen sich darum weiter mit Anlagekunden und fantasieren von der Rückzahlung der Gelder.

* Name der Redaktion bekannt