Raiffeisen

18. Juli 2018 12:35; Akt: 18.07.2018 17:30 Print

Versüssen jetzt Millionen Gisel den Abgang?

von S. Spaeth/D. Benz - Raiffeisen-CEO Patrik Gisel ist weg – da stellen sich einige Fragen. Erhält er eine Entschädigung? Und wer übernimmt jetzt das Steuer?

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Der Verwaltungsrat der Raiffeisenbank befasste sich offenbar in den letzten Tagen mit der Personalie Gisel. Hans Geiger, Bankenexperte und emeritierter Professor an der Uni Zürich, sagte zu 20 Minuten: «Ende Jahr ist Gisel wohl nicht mehr bei der Raiffeisen.» Und tatsächlich: Am Mittwoch, 18. Juli, gibt Gisel seinen Rücktritt bekannt. Gegen Gisel, der das Amt des CEO seit 2015 innehat, spricht viel. Gisel ist seit 2000 bei der Raiffeisenbank und war jahrelang die Nummer zwei von Pierin Vincenz (Bild), der damals CEO war und dem nun Vorwürfe wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gemacht werden. Sollte der ehemalige Vize-Chef von Vincenz' Machenschaften etwas gewusst und nichts gesagt haben, wäre das Grund genug, ihm nicht mehr zu vertrauen. Sonst stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass er über Jahre nichts davon gemerkt hat. Laut «Inside Paradeplatz» werden bereits zwei Kandidaten als Gisels potenzielle Nachfolger gehandelt: Raiffeisen-Finanzchef Christian Poerschke und Urs Gauch, der momentan das Departement Firmenkunden der Bank leitet. Vielen Beobachtern wäre es allerdings wohler, wenn der Neuanfang mit einem externen Kandidaten stattfände. Ausschlaggebend für die Wahl dürfte der VR-Präsident sein. Diesen Posten hat derzeit interimistisch Pascal Gantenbein (l.) inne, der aber Gisel bisher das Vertrauen aussprach. Es gibt Genossenschaftler, die sich offen gegen Gisel aussprechen: «Alle Verantwortlichen aus der Ära Vincenz müssen weg, auch der heutige CEO Gisel», zitiert etwa der «Blick» Marc Kaeslin, VR-Präsident der Raiffeisenbank Horw. Aus dem Untersuchungsbericht der Finma zur Vincenz-Affäre geht laut Medienberichten hervor, dass die Geschäftsleitung um Vincenz und Gisel ein sogenanntes Klumpenrisiko nicht erkannt habe. In seiner Kapazität als Informatikchef hat Gisel die IT-Plattform der Bank ersetzt – und sie funktioniert bis heute noch nicht richtig.

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Jetzt also doch: Der Raiffeisen-CEO wirft das Handtuch. In einem Commuiqué am Mittwochmorgen schreibt Raiffeisen, Patrick Gisel werde seinen Chefposten per Ende Jahr abgeben. Die wichtigsten Antworten.

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Patrik Gisel tut so, als geschähe sein Rücktritt freiwillig. Im Schreiben der Bank heisst es, er habe sich entschieden, sein Amt niederzulegen. Ist das glaubwürdig?
Der aktuelle Raiffeisen-Chef ist mit dem Bekanntwerden immer neuerer Details im Raiffeisen-Skandal zunehmend in die Kritik geraten. Die alles entscheidende Frage war: Wie viel wusste Gisel von den Deals seines Ziehvaters Pierin Vincenz? «Der Druck der Öffentlichkeit, aber auch jener des Verwaltungsrats auf Gisel hat stetig zugenommen», sagt der Reputationsexperte Bernhard Bauhofer von der Firma Sparring Partners. Der Verwaltungsrat dürfte Gisel den Rücktritt nahegelegt haben, um einen Neustart zu ermöglichen, so Bauhofer weiter.

Warum kommt die Einsicht des Verwaltungsrates so spät, war doch Gisel ein Teil des Problems?
Es wurde immer deutlicher, dass Patrik Gisel als langjähriger Stellvertreter von Pierin Vincenz nicht für einen glaubwürdigen Neuanfang stehen kann. «Das Institut hat aber nicht rascher gehandelt, um keinesfalls den Eindruck zu erwecken, man würde überhastet handeln», so Bauhofer. Raiffeisen wolle zudem nach aussen vermitteln, dass alles ruhig geplant worden sei. Laut Bauhofer dürfte die Suche nach einem Nachfolger für Gisel schon seit längerer Zeit laufen. Einen passenden Nachfolger zu finden, dürfte aber schwierig sein, da der neue CEO zur Kultur von Raiffeisen passen müsse. Zudem brauche er die Kraft, die Kultur in Richtung Öffnung und Transparenz zu verändern.

Warum erfolgt der Rücktritt nicht per sofort?
Hätte sich Raiffeisen per sofort oder schon im Frühjahr von Gisel getrennt, sähe dies stärker nach einem Schuldeingeständnis aus. «Mit der heutigen Rücktrittsankündigung auf Ende Jahr kann Gisel das Gesicht wahren und es wird für ihn ein Karriereleben nach Raiffeisen geben», so Bauhofer. Zudem dürfte sich der Verwaltungsrat nicht per sofort vom Chef getrennt haben, weil er Bedenken betreffend eines führungslosen operativen Geschäfts hatte. Der interimistische Raiffeisen-Präsident Pascal Gantenbein steht vor der Aufgabe, neben dem Chefposten auch neun Verwaltungsratsposten neu zu besetzen.

Bekommt Gisel eine Abgangsentschädigung?
Patrik Gisel erhält keine Abgangsentschädigung, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagt. Diese sei im Personalreglement von Raiffeisen ohnehin nicht vorgesehen. Ebenso erhält Gisel keinen Bonus.«Es ist alles in seinem Jahresgehalt abgegolten», so die Raiffeisen-Sprecherin. Patrik Gisel werde sein Amt bis Ende 2018 ausüben und bekommt entsprechend bis dahin seinen Lohn. Im letzten Jahr betrug sein Salär rund 1,8 Millionen Franken. Dazu kamen Leistungen an Personalvorsorge in Höhe von rund 600'000 Franken.

Ist Raiffeisen jetzt mit Gisels Rücktritt aus dem Schneider?
Der Fall Vincenz hat das Image von Raiffeisen angekratzt. «Der Schaden wegen des Raiffeisen-Skandals ist fundamental», sagt Bauhofer. Auch der fade Nachgeschmack von Gisels spätem Abgang wird der Bank noch lange anhaften. Zudem sind die Untersuchungen im Fall Vincenz noch nicht abgeschlossen und es könnten weitere Ungereimtheiten ans Tageslicht kommen. «Das vorbehaltslose Vertrauen gegenüber der Bank ist empfindlich gestört», so Bauhofer. Es fragt sich: Gibt es Kundengelder-Abflüsse und wie viele neue Kunden kamen wegen der Affäre nicht zur Bank? Vincenz' Schatten wird sich also noch lange über dem Institut halten.

Wer hat Chancen auf die Gisel-Nachfolge?
Für die Bank wäre es am besten, wenn ein Aussenstehender das Steuer übernehmen würde. Für Reputationsexperte Bauhofer ist klar: «Es wäre ein wichtiges Zeichen, dass es eine Distanz zur Ära Vincenz/Gisel gibt. Und: Der neue Mann muss ein Schweizer sein.» In Insider-Kreisen fallen laut Finanzblog Inside Paradeplatz Namen wie Christine Novakovic, Chefin der Europa-Vermögensverwaltung bei der UBS, oder Harald Nedwed von der Migros Bank. Auch intern stehen mögliche Kandidaten bereit. So etwa Urs Gauch, ehemaliger Credit-Suisse-Banker, Mitglied der Geschäftsleitung und Chef der Abteilung Firmenkunden. Chancen werden auch dem Finanzchef Christian Poerschke gegeben.

Was Gisel Anfang März zum Abgang von Vincenz sagte, sehen Sie im Video:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Deine Oma am 18.07.2018 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Etwas gehört geändert!

    In der Migros "klaut" eine Mitarbeiterin ein paar Bananen die zum wegwerfen gedacht waren und kriegt die Kündigung, hingegen lassen es die sogenannten Leistungsträger unserer Gesellschaft mächtig krachen und werden für schlechtes Verhalten noch belohnt. Das Problem liegt am fehlerhaften System wie unsere gesamte Gesellschaft aufgebaut ist! Aber was solls, es scheint ja so in dieser Welt das man nur weiterkommt, wenn man auf der dunkeln Seite der Macht ist. Somit sind Verhaltensregeln wie teilen, helfen, etc. die man im Kindergarten lernt im späteren Leben eher von Nachteil!

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  • Tito am 18.07.2018 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Millionen

    Hätte ein Mitarbeiter 2 Stufen unter ihm das Selbe gemacht wie er, könnte dieser heute nie mehr arbeiten, weil ihm alles rechtlich mögliche gedroht hätte.

  • karin am 18.07.2018 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Die richtige Frage ist:

    müsste er nicht auch schon lange in U-Haft sitzen. 5 Jahre nichts gesehen oder gehört....das ist die richitge Frage, nicht ob er eine Abgangsentschädigung erhält.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • nils brandenberg am 18.07.2018 20:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    next ceo

    rolf olmesdahl soll es sein! aus den befreiten fesseln von gisel wuerde olmi outperformen. die it-problematik ist nicht auf seinem mist gewachsen - er hat das, was man noch korriegieren konnte korrigiert.

  • Ehrenmann alter Schule, heute 82. am 18.07.2018 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    Man erkenne: Es ist kein Unterschied.

    Unsere Elite besteht aus Ehrenmännern und Ehrenfrauen. Es gibt ungeschriebene Gesetze unter Ganoven, was dasselbe ist, wie die ungeschriebenen Gesetze unter Ehrenleuten. Es gibt keinen Unterschied.

  • emf949 am 18.07.2018 20:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Genossen

    Die Genossen der ersten Klasse haben den Wort gesprochen: die Genossen der zweiten Klasse können sich wieder voll der Arbeit widmen.

  • Tiberius am 18.07.2018 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wandel

    Gut, dass es jetzt langsam anfängt, dass Banker und Wirtschaftsbosse, zwar noch rudimentär, aber doch zur Rechenschaft gezogen werden. Ein nächster Schritt wird dann sein, auch Politiker/Innen klar zu machen, dass sie letztendlich mit einer juristischen Aufarbeitung ihres Handelns zu rechnen haben. Vielleicht dauert das noch ein paar Jahre, aber ein Wandel ist spürbar.

  • Kurt L. am 18.07.2018 20:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Charakter

    Wenn dieser Herr, Charakter zeigt verschwindet er Heute noch und nicht erst Morgen. Eine Genossenschaft ist die Raiffeisen schon lange nicht mehr. Beispiel Raiffeisen Herznach: Diese Bank wird Umgebaut,das Personal abgebaut, Automaten aufgebaut.Ganz tolle Ideen. So wird Optimiert um Gisel den Abgang zahlen zu können